«Ich wohne allein, habe drei Zimmer»

CVP-Nationalrätin Kathy Riklin wohnt privilegiert in einer städtischen Wohnung an der Schipfe – für günstige 2300 Franken. Gegen Vorwürfe wehrt sie sich.

Kathy Riklin an der Limmat: Im Hintergrund die begehrten städtischen Wohnhäuser an der Schipfe.

Kathy Riklin an der Limmat: Im Hintergrund die begehrten städtischen Wohnhäuser an der Schipfe. Bild: Dominique Meienberg

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Macht es noch Freude, an der Schipfe zu wohnen, wenn Ihnen immer wieder vorgeworfen wird, Sie würden zu Unrecht eine günstige städtische Wohnung besetzen?
Ja, ich wohne gerne an der Schipfe, weil ich ein sehr sympathisches Umfeld habe und ideale Bedingungen für meine Arbeit in Bern. Ich habe kein Auto und lebe in Fussdistanz zum HB.

Wie sieht Ihre Wohnsituation aus: wer, wo, wie gross, wie teuer?
Ich wohne allein, habe drei Zimmer, eines davon ist ein Arbeitszimmer. Die Wohnung ist im vierten Stock, kein Lift, kein Balkon, keine eigene Waschmaschine. Die Anfangsmiete betrug 2001, als ich einzog, 2651 Franken.

Und heute?
Jetzt zahle ich 2300 Franken, weil die Stadt die Mieten senkte. Damals betrug die Miete etwa ein Drittel meines Einkommens, heute ist es rund ein Viertel.

Ihr Einkommen und Ihr Vermögen?
Mein steuerbares Einkommen ist etwa 130'000 Franken – und mein Vermögen geht niemanden etwas an. Es wird auch auf den Mietformularen nicht erfragt.

Sie sind Mitbesitzerin einer grösseren Liegenschaft im Kreis 7.
Diese Liegenschaft hat mein Grossvater vor dem Weltkrieg gekauft. Meine Mutter hat sie meinen beiden Brüdern und mir überschrieben. Die Nutzniessung ist aber noch voll bei meiner Mutter.

Vermieten Sie diese Wohnungen ebenso günstig wie die Stadt?
Wir vermieten sehr günstig – ebenfalls in Kostenmiete –, etwa zum halben Preis meiner Wohnung an der Schipfe.

Stimmt es, dass Sie zudem eine Zweitwohnung im Tessin haben?
Ja, ich habe eine kleine, einfache Ferienwohnung – 60 bis 70 Quadratmeter – in Castagnola am Luganersee.

Sie engagieren sich für die Landschaftsinitiative. Wie passt das zur Ferienwohnung am Luganersee?
Meine Wohnung liegt in einer Liegenschaft aus den 1920er-Jahren, die nur zu Fuss erreichbar ist. Kein Tessiner wollte dort leben.

Als Sie sich 2001 für die Wohnung an der Schipfe bewarben, waren Sie in der Stadt Zürich eben noch Gemeinderatspräsidentin. Ein enormer Vorteil?
Ich habe immer in Zürich gewohnt und war politisch aktiv. Der Grund für meine Wohnungssuche war 2000 meine Wahl in den Nationalrat. Ich war damals Prorektorin an der Kantonalen Maturitätsschule für Erwachsene und musste diesen Führungsjob auf Geheiss der Schule aufgeben. Damit verlor ich auch mein Büro an der Schule. Ich brauchte dringend eine Wohnung mit einem Zimmer mehr als bisher am Phönixweg.

Wie war das damals? Mussten Sie auch Ihren Lohn offenlegen?
Ja, das musste ich. Der Zuständige von der Liegenschaftsverwaltung meinte damals, diese Wohnung für fast 2700 Franken sei eher zu teuer für mich.

Dabei ist sie zu billig.
Nein. Durchschnittlich kostet eine 3-Zimmer-Wohnung in der Stadt heute 1620 Franken. Das Problem ist vielmehr, dass in der Stadt für Wohnungen Fantasiepreise bezahlt werden. Zum Glück hat die Stadt viele eigene Wohnungen, und es gibt viele Wohnbaugenossenschaften und anständige Vermieter. Und zum Glück sind nicht alle städtischen Wohnungen im Besitz von Banken, Pensionskassen und reichen Ausländern.

Sie sparen viel Geld mit Ihrer günstigen Wohnung. Wären Sie einverstanden, wenn die Stadt den Zins in Richtung einer normalen Marktmiete anpassen würde, weil Sie es sich leisten könnten?
Weil die Stadt eine Kostenmiete verlangt, kann sie den Mietzins nicht einfach erhöhen. Als Nationalrätin will ich keine Vorteile, aber auch keine Benachteiligung. Zudem habe ich als Politikerin einen unsicheren Job, muss 2015 wiedergewählt werden, meiner Partei pro Jahr 20'000 Franken abgeben und für die Wahlkämpfe nochmals viel Geld in die Hand nehmen.

Auch die städtische CVP hat sich letzte Woche im Gemeinderat für ein Verhältnis von maximal 1:4 zwischen Miete und Einkommen ausgesprochen. Einverstanden?
Dass die Stadt bei der Erstvermietung darauf achtet, dass das Verhältnis Miete-Einkommen stimmt, finde ich sinnvoll. Später aber dürfen die Mieter nicht mehr wie in einem Polizeistaat überwacht werden. Es ist doch ziemlich normal, dass junge Mieter mit der Zeit mehr verdienen und dass ältere irgendwann einmal etwas erben. Sollen denn die Mieter jedes Mal aus den Wohnungen geworfen werden? Wer mehr verdient und mehr besitzt, zahlt schliesslich auch mehr Steuern.

Also haben Sie überhaupt kein schlechtes Gewissen?
Nein. Erstens bin ich für die Stadt eine gute Mieterin. Ich bin seit 13 Jahren in dieser Wohnung, ruhig und sorgsam, die Wohnung musste noch nie renoviert werden. Zudem sind Steuerfuss und Krankenkassenprämien in Zürich ziemlich hoch. Die Stadt braucht auch Leute aus dem Mittelstand, die hier wohnen und steuern.

Die Stadt ist finanziell angeschlagen. Sollte sie ihre Wohnungen nicht etwas teurer vermieten?
Wichtig ist, dass die Stadt ihre Liegenschaften bewusst der Spekulation entzieht. Sonst können sich nur noch Vasellas und Banker solche Wohnungen leisten – als Viertwohnungen vielleicht. Aber unsere Wohnungen sind alt, ringhörig und haben nicht den üblichen Komfort. Ich könnte meine direkten Nachbarn schnarchen hören – und sie mich. Ein Alt-Stadtrat, der mal an der Schipfe wohnte, hatte sich früher immer wieder über den Lärm beklagt, vor allem am Wochenende ist hier Jubel, Trubel, Heiterkeit.

Trotzdem: Sollte die Stadt solche Wohnungen nicht eher an Leute vermieten, die sich keine Wohnung auf dem freien Markt leisten können?
Der sogenannte freie Markt würde in Citylagen zu Exzessen führen. Zum Glück gibt es in Zürich viele Wohnungen der Stadt. Diese Liegenschaft an der Schipfe wurde viele Jahrzehnte lang ganz bewusst an höhere städtische Beamte vermietet, weil früher Wohnsitzpflicht in der Stadt herrschte. Die Wohnungen sind bewusst keine Sozialwohnungen, sondern für Leute gedacht, die die gute Lage schätzen, aber den bescheidenen Komfort ohne Lift, Parkplatz und Waschmaschine in Kauf nehmen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2014, 07:49 Uhr

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Umstrittener Blick ins Portemonnaie
Die Liegenschaftenverwaltung der Stadt vermietet gegen 9000 Wohnungen. 2385 sind subventioniert, 6600 werden zu Selbstkosten nach dem Prinzip der Kostenmiete vergeben; damit werden die Kapital- und Bewirtschaftungskosten gedeckt. «Es ist ein Irrtum, zu glauben, den Steuerzahlenden entgehe Geld, weil die Wohnungen auf dem Markt teurer vermietbar wären», sagt Arno Roggo, Direktor der Liegenschaftenverwaltung. Die Stadt sei gehalten, ihre Wohnungen preisgünstig zur Kostenmiete anzubieten. Die Stimmberechtigten hatten 2010 gegen den Willen des Stadtrats mit 70 Prozent der Wohnrauminitiative zugestimmt, die dies verlangt.

Bei subventionierten Wohnungen werden die finanziellen Verhältnisse der Mieter und die Wohnungsbelegung gemäss Arno Roggo laufend überprüft. Bei Wohnungen mit Kostenmiete verzichtete der Gemeinderat beim Erlass der Vermietungsverordnung auf einen regelmässigen Blick ins Portemonnaie der Mieter. Für den Zeitpunkt der Vermietung gilt: Die Personenzahl darf die Anzahl Zimmer um höchstens eine Person unterschreiten, Miete und Einkommen müssen in einem angemessenen Verhältnis stehen. Freiberufliche Tätigkeit kann angemessen berücksichtigt werden.

Ins Gerede kamen nach dem Fall der SVP-Gemeinderätin und Millionärin Hedy Schlatter, die in Uster Steuern zahlt, auch Opernsängerin Noëmi Nadelmann und die Nationalräte Daniel Vischer und Kathy Riklin. Nadelmann mietete – laut Liegenschaftenverwaltung zuerst mit ihrer Tochter – eine Dreizimmerwohnung mit 108 Quadratmetern. Später mietete sie zwei Zimmer unter dem Dach dazu, wobei sie eines an eine Sängerkollegin untervermietete. Ihre 20-jährige Tochter absolviert derzeit eine Ausbildung in Amerika und wird nach der Rückkehr wieder bei der Mutter wohnen. Für insgesamt 140 Quadratmeter zahlt sie beim aktuellen tiefen Hypozinsstand 3160 Franken.

Der grüne Nationalrat Daniel Vischer zahlt nach eigenen Angaben für eine städtische Dreizimmerwohnung mit 81 Quadratmetern 1473 Franken. 1986 hatte er eine Vierzimmerwohnung der Stadt bezogen. 2011 hat er diese von sich aus – nachdem die Kinder ausgeflogen waren – an eine junge Familie weitergegeben. «Ich wäre einverstanden mit einem Modell, das die Mieten nach Einkommen und Vermögen abstuft», sagt Vischer. Er habe den Vorschlag bereits im Herbst seinem Parteikollegen und Stadtrat Daniel Leupi unterbreitet.
Ruedi Baumann

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