Ihre Maschine hilft beim Trauern

Um unseren Umgang mit dem Tod zu reflektieren, hat Lea Hofer einen Trauerautomaten erfunden. Allerheiligen beschert ihr viel Arbeit. Ausverkauft war der Kasten aber nach einem anderen Anlass.

Sie will ihre Erfindung in die Innenstadt verlegen: Lea Hofer. Foto: Urs Jaudas

Sie will ihre Erfindung in die Innenstadt verlegen: Lea Hofer. Foto: Urs Jaudas

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Die Münzen sind eingeworfen, die Tasten gedrückt. Der Greifarm fährt nach oben. Aus der Halterung, in der gewöhnlich Kägifret oder Capri-Sonne eingereiht sind, nimmt er ein in Zellophanpapier verpacktes Säcklein Vergissmeinnicht-Samen. Darauf steht: «Erinnerung säen».

Trauerautomat: So heisst die Selecta-Maschine beim Eingang des Zürcher Friedhofs Sihlfeld, die Lea Hofer für die Bachelorarbeit ihres Studiums in Style and Design an der ZHDK umgestaltet hat. Der Trauer im öffentlichen Raum wieder mehr Zeit und Platz geben, war Hofers Grundgedanke hinter der Arbeit, die sie vor zwei Jahren entwickelte.

Zeit fehlt Lea Hofer dieser Tage. Einige Reihen in ihrem Automaten sind leer. Sie muss einkaufen, schneiden, kleben, verpacken. Und den Automaten instand halten. Neben Studium und Job pendelt sie regelmässig zwischen zu Hause und dem Friedhof hin und her. «Rund um Allerheiligen ist der Automat im Dauereinsatz», sagt die 25-jährige gebürtige Arbonerin, «da muss alles perfekt vorbereitet sein.»

Musikdose und Papierschiff

Hofer versteht ihre 20 Automatenprodukte als Vermittlungs­objekte, die den gemeinsamen Austausch rund um das Thema Tod fördern. Es sind bis auf die Grabkerze alles Dinge, die wir normalerweise in einem anderen Zusammenhang brauchen. «Ich spiele bewusst mit der Entkontextualisierung und gebe mit der Überschrift meinen Gedanken zur neuen Verwendung mit.» So helfen die Wunderkerzen beim gemeinsamen Erinnern; ein Papierschiff, um die Trauer treiben zu lassen; Seifenblasen, um hochfliegen und loszulassen. Musikdosen und Olivenzweige sind meist ausverkauft.

Der Trauerautomat ist im Dauereinsatz, Lea Hofer muss ihn immer wieder neu bestücken. Foto: Urs Jaudas

«New Death» heisst das einjährige Pflichtmodul an der ZHDK, in dessen Rahmen Hofers Arbeit entstanden ist. Das Thema Tod faszinierte Hofer und war ihr nicht fremd. Katholisch aufgewachsen, bezeichnet sie sich auch heute noch als religiös. Sie besuchte Friedhöfe, sprach mit Bestattern, Krematoren und Theologen.

Probeliegen in Särgen

«Mich brachte das Thema zeitweise an eine emotionale ­Grenze, die mich herausforderte, einen künstlerischen Zugang zu finden.» Hofer forschte im Bereich Trends und wollte eine entsprechende Arbeit abgeben. Dann reiste sie an eine Bestattungsmesse ins holländische Groningen und fühlte sich sofort neu inspiriert.

«Da begegnen die Leute dem Tod mit weniger Berührungsängsten, spielerischer als bei uns.» Hofer erzählt vom Probeliegen in Särgen und von Krematorien, die wie Wohnzimmer eingerichtet sind. Noch am selben Abend entstand die Idee des Automaten, eine Woche später hatte sie die Maschine bereits entworfen.

«Mit der Maschine übe ich auch Kritik am Alltag, unserer Gesellschaft.»Lea Hofer

«Mit der Maschine übe ich auch Kritik am Alltag, unserer Gesellschaft», sagt Hofer. Wir hätten uns an die permanente Verfügbarkeit der Dinge gewöhnt, das zeige der Automat. Rund um die Uhr habe er für fast jedes Bedürfnis etwas vorrätig, sogar Schwangerschaftstests. «Nur der Bereich rund um den Tod ist ausgeklammert», sagt Hofer. Auf dem Greifarm steht weiss auf schwarz: «Sterben gehört zum Leben dazu.»

Für die betreuende Professorin Bitten Stetter liefert der Automat einen wichtigen Anstoss, die Art des Trauerns in unserer Gesellschaft zu hinterfragen. «Wir haben das Trauern verlernt. Privates Trauern ist tabuisiert und kaum zugelassen. Die klassischen Trauerorte sind für viele nicht mehr zeitgemäss.» Allein die Tatsache, dass vielen Arbeitnehmenden in einem Todesfall höchstens drei freie Tage zustünden, sage schon viel über den Umgang aus. Trauer sei aber für das psychische Wohlbefinden enorm wichtig. Sie müsse im Alltag Raum und Zeit haben, sichtbar sein dürfen. «Genau darin liegt die Qualität dieses Automaten. Er schafft das Angebot für neue Rituale und macht Trauer sichtbar.»

Es gab kritische Stimmen

Um ihre Botschaft noch deutlicher zu platzieren, hätte Lea Hofer den Automaten gern am Paradeplatz oder unter der Hardbrücke aufgestellt. Als sie im Sommer 2018 einen Platz suchte, boten ihr das Friedhofforum und das Bestattungsamt der Stadt Zürich sofort einen Standort an. Das schlug medial auch Wellen. Einige Friedhofsbesucher fanden den Automaten deplatziert, schimpften ihn «pietätlos».

Inzwischen erreichen Lea Hofer mehrheitlich positive Reaktionen. Oft wird sie beim Auffüllen angesprochen. «Viele danken mir für den Mut, die Offenheit und die Lesbarkeit des Kunstobjekts.» Zudem war ihr Automat schon Thema in deutschen und holländischen Zeitungen, an Universitäten, und er wurde sogar in einer philosophischen Publikation aufgegriffen. Dies zeigt für Hofer die Wichtigkeit des Themas.

Ende November läuft der Vertrag mit dem Bestattungsamt aus. Für Professorin Stetter wäre das der Augenblick, den Automaten in die Innenstadt zu zügeln. «Auch da brauchen wir Orte, um uns an Verstorbene zu erinnern.» Das würde auch Hofer ­begrüssen. Doch sie fürchtet zusätzliche Wartungsarbeiten. Vorerst konzentriert sie sich ganz auf den morgigen Tag. Einen Defekt wie letztes Jahr will sie vermeiden. Hofer wird morgen immer mal wieder auf dem Friedhof vorbeischauen, statt den Tag mit ihrer Familie in der Ostschweiz zu verbringen. Und vielleicht wird der Trauerautomat noch einmal leer gekauft, wie am Sonntag Mitte Juni nach dem Frauenstreik und der Pride.

Erstellt: 31.10.2019, 14:46 Uhr

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