Im Fall Mörgeli waren zuerst die Leichen – und dann die E-Mails

Aus dem Streit um den Zustand der Präparate am Medizinhistorischen Institut ist eine Medienschlacht zwischen Fernsehen und «Weltwoche» geworden. Als Munition dienen geheime und intime E-Mails.

Ursprung eines langwierigen Streites: Medizinhistorisches Institut der Universität Zürich

Ursprung eines langwierigen Streites: Medizinhistorisches Institut der Universität Zürich Bild: Keystone

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Im Fall Mörgeli sind weitere Details zur Entlassung des SVP-Nationalrats durch die Universität und zur Verhaftung seiner Gegenspielerin Iris Ritzmann bekannt geworden. Der Ursprung der brisanten News aus vertraulichen E-Mails: Die Ermittlungs­akten der Staatsanwaltschaft – 2000 Seiten und Hunderte von eingescannten und entschlüsselten E-Mails, Telefonnummern und -gesprächen – wurden den Beteiligten zugestellt. Und diese hausieren nun mit ihren Akten gezielt. Schweizer Fernsehen gegen «Weltwoche», lautet die Affiche. Oder SP gegen SVP. Oder Uni gegen Mörgeli.

Rückblende: «Leichen im Keller des Professors» titelte der «Tages-Anzeiger» im September 2012 und trat damit eine Lawine los. In einem Bericht, der hätte geheim bleiben sollen, wurde Mörgeli von Flurin Condrau, Direktor des Medizinhistorischen Instituts, hart kritisiert. Die Rede war von Fehlern im Museum und unprofessioneller Betreuung der Sammlung. Mörgeli sprach von «politischem Mobbing». Zwei Wochen später wurde Mörgeli entlassen – im Voraus angekündigt durch die Zeitung «Der Sonntag», was nachträglich zum Problem für die Bildungsdirektion werden könnte.

«Die Fratze der Intoleranz»

Bald schlug das Pendel zurück. Die SVP forderte den Rücktritt von Bildungs­direktorin Regine Aeppli (SP), Condrau gab die Leitung des Instituts vorübergehend ab, und Stellvertreterin Ritzmann wurde freigestellt, verhaftet und ein Jahr nach Mörgeli ebenfalls entlassen, weil sie im Verdacht stand, vertrauliche Informationen an den «Tages-Anzeiger» weitergegeben zu haben. Als Höhepunkt trat sogar Uni-Rektor Andreas Fischer zurück.

Für weitere Schlagzeilen sorgten abwechselnd das Schweizer Fernsehen und die «Weltwoche», zum Beispiel über angebliche «Billig-Dissertationen», die ­Mörgeli durchgehen liess. Die «Weltwoche» holte zu einer zehnteiligen Serie aus unter Titeln wie «Die Manipulationskunst des SRF», «Weg mit dem ‹Schädling›» oder «Die Fratze der Intoleranz». Die «Weltwoche» war gut dokumentiert – wohl nicht zuletzt dank ihres freien Mitarbeiters Christoph Mörgeli, der inzwischen viel Zeit für Recherchen hat.

Aufgelockert wurde das Hickhack lediglich Anfang 2014 durch den Bericht über eine angebliche Liebesaffäre zwischen Mörgeli und Ritzmann in früheren Jahren. Sie gab es zu, er wusste von nichts. Nach ein paar Monaten der Ruhe flammte der Konflikt um Mörgeli/Ritzmann/Condrau wieder heftig auf – Auslöser war die Zustellung der Ermittlungsakten an die Parteien.

Wie der Leitende Staatsanwalt Hans Maurer gestern Abend in der «Rundschau» von SRF erklärte, ist der Abschluss des Verfahrens angekündigt. Die Parteien hatten die Möglichkeit, Beweis­ergänzungen zu verlangen. Beide Parteien sind somit im Besitz der Akten. Den Anfang machte am Mittwoch die «Rundschau»: Staatsanwalt Andrej Gnehm (SVP) hatte das Ehepaar Ritzmann/Wolff im November 2012 morgens um 6.30 Uhr mit sechs bewaffneten Polizisten überrascht. Die Eltern durften ihre beiden Kinder nicht selber wecken. Eine Polizistin begleitete Ritzmann in die Dusche.

Angekettet an fünf andere Frauen

Ritzmann und ihr Mann wurden in Untersuchungshaft gesetzt. Im Hof spazieren durfte Professorin Ritzmann nur «zusammengekettet mit fünf anderen Frauen». Bei der Einvernahme setzte der Staatsanwalt Ritzmann unter Druck. «Die Frage ist, ob Sie mir bereits jetzt sagen wollen, was wir in diesen Mails lesen werden, oder ob Sie eine Nacht in Haft zu verbringen haben und dabei Ihre Kinder alleine lassen.» In der «Rundschau» sagte der Leitende Staatsanwalt Maurer zwar: «Das war unglücklich und unnötig.» Hausdurchsuchung und Verhaftung seien jedoch regelkonform und verhältnismässig verlaufen. Hausdurchsuchungen würden meistens am Morgen früh stattfinden, weil dann die Leute noch zu Hause anzutreffen seien.

Mörgelis Entlassung per Ansage

Kaum hatte das Schweizer Fernsehen gestern seine Enthüllungen angekündigt, konterte die «Weltwoche». In der aktuellen Ausgabe schiesst sie sich erneut auf Bildungsdirektorin Aeppli ein. Inhalt: Aeppli habe der Unileitung die Entlassung von Mörgeli vorgegeben, um «einen unliebsamen Professor und politischen Antipoden aus dem Amt zu fegen». Dies würden Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft beweisen. Aeppli habe dadurch ihre Kompetenzen überschritten, indem sie Fischer vor vollendete Tatsachen gestellt habe. Entlassungen von Professoren liegen in der Kompetenz der Universitätsleitung.

Im Fokus der Ermittler steht laut «Weltwoche» Sebastian Brändli, Chef des Hochschulamts in Aepplis Bildungsdepartement und Sekretär im Universitätsrat. Grund für den Angriff auf den ehemaligen SP-Kantonsrat Brändli und Studienkollegen von Condrau: Die Telefon- und E-Mail-Überwachung der Staatsanwaltschaft habe Brändli als einzigen Informanten der Zeitung «Der Sonntag» ermittelt, die Mörgelis bevorstehende Entlassung am Samstag fünf Tage im Voraus vermeldet hatte. Pikant: Rektor Fischer weilte damals im Ausland in den Ferien, er kehrte am Sonntag heim.

Die «Weltwoche» zitiert aus den Akten die exakten Zeiten von sechs Telefonaten und E-Mail-Verbindungen zwischen Brändli und dem «Sonntag»-Journalisten. Matthias Baer, Sprecher der Bildungsdirektion, sagt dazu: «Die Bildungsdirektion kann zu publik gemachten Akten eines hängigen Strafverfahrens keine Stellung nehmen.» Brändli gab gegenüber der Staats­anwaltschaft an, er habe nur versucht, den Journalisten von seiner Geschichte abzubringen.

Erstellt: 17.04.2014, 08:33 Uhr

Christoph Mörgeli

Nationalrat

Regine Aeppli

Regierungsrätin

Iris Ritzmann

Titularprofessorin

Sebastian Brändli

Chef Hochschulamt

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