Im Kirchturm war die Hölle los

Der Peters-Turm war einst ein belebtes Bauwerk mitten in Zürich. Interessanter als das grösste Turmzifferblatt Europas sind die kleinen, feinen Details, auf die Turmführer Max Flückiger hinweist.

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Früher, da war in einem Kirchturm ordentlich Leben drin. Im Turm der St. Peter, dem wichtigsten Wachtposten der Stadt Zürich, sowieso. Die Nachtwächter versahen ihren Dienst im Kirchenspitz; Trompeter bliesen zur vollen Stunde oder an die Waffen; Aufzieher kurbelten mehrmals am Tag die Gewichtssteine der Kirchenuhr hoch; alleine für das Läuten der grössten der fünf Glocken, mehr als sechs Tonnen schwer, brauchte es mehrere Mann.

Heute ist der Peters-Turm ein lebloser Ort. Ferngesteuerte Elektromotoren ­bewegen die riesigen Zeiger über das grösste Turmzifferblatt Europas, heben den riesigen Hammer zum Stundenschlag, bringen die tonnenschweren Glocken in Schwingung. Das Stampfen, das beim Stundenschlag durch den Turm hallt, erschrickt kaum noch ­jemanden.

Leben bringt vor allem noch einer in den Turm, dessen älteste Mauern auf das 13. Jahrhundert zurückgehen: Max Flückiger, der Turmführer. Der ehemalige Kirchgemeindepräsident und pensionierte NZZ-Chefkorrektor führt ungefähr zweimal wöchentlich eine Gruppe durch den Bau, nimmt Vereine, Klassenzusammenkünfte, Wandergruppen, Hochzeitsgesellschaften mit auf eine kleine Zeitreise durch Zürichs Geschichte. Sie handelt von eigentüm­lichen Besitzverhältnissen (der Turm ­gehört der Stadt, die Glocken, der Glockenstuhl und das Eingangstreppenhaus am Turm gehören der Kirche), ärmlichen Wachleuten, spektakulären Glockenaufzügen und – natürlich – vom grössten Turmzifferblatt Europas.

Ein Turm der Superlative

Tatsächlich ist das Zifferblatt riesig:

  • 8,64 Meter misst der Durchmesser der vier Zifferblätter;
  • der Minutenzeiger ist 5,73 Meter, der Stundenzeiger 5,07 Meter lang;
  • der Minutensprung des grossen Zeigers beträgt 45,5 Zentimeter.

Auch sonst hat der Turm einige beeindruckende Zahlen zu bieten:

  • er ist 64 Meter hoch;
  • davon macht der achteckige Spitzhelm 24 Meter aus;
  • rund 42 000 Lärchenschindeln haben Dachdecker bei der letzten Renovation 1996 auf den Spitzhelm genagelt.

Das Dach der St. Peter ist das einzige Holzdach in der Stadt Zürich. Dafür brauchte es eine Ausnahmebewilligung – und das führte immer wieder zu ­Diskussionen. 1641 das erste Mal, und danach immer wieder, erwog die Stadt, das Dach mit Kupfer einzudecken, um die Brandgefahr zu minimieren. 1928 druckte die NZZ einen Leserbrief mit der Frage, weshalb der «günstige Zeitpunkt» der Renovation im Vorjahr nicht dazu genutzt wurde, den Peters-Turm mit ­Kupfer einzudecken, «sondern (der Turm) als einziger der Stadt recht unpraktisch und unschön ein Schindeldach behalten müsse».

Zürichs Trompetendynastien

Max Flückiger kam zu seiner Aufgabe als Turmführer in St.-Peter-typischer Manier: Man war mit den Turmführungen eines Vorgängers unzufrieden. Hier wiederholt sich Geschichte. Sowohl Turmwächter als auch Uhrenrichter und Trompeter wurden immer wieder vor das Stadtparlament zitiert, sie wurden gerügt und gebüsst. Zu lokaler Berühmtheit hat es etwa die Familie Steiner gebracht, die von 1617 bis 1803 und über acht Generationen hinweg das Amt des Stadttrompeters versah. Die Herren taten das pflichtbewusst – oder schlampig. Johann IV. etwa, genannt «der Leutnant», war unzuverlässig und musste die Stadt verlassen, als ruchbar wurde, dass er sich mit dem «Flatterhühnchen» ­Susanna Esslinger eingelassen hatte. Sein Nachfolger, Johann Ludwig, «der Grosse», fiel durch sein reines Spiel und seine zahllosen Kompositionen auf und schaffte den Aufstieg in die feine Gesellschaft Zürichs. Johann V. schliesslich ­besiegelte das Ende der Trompeter­dynastie unrühmlich; «der Tischmacher» galt als «schrecklicher Trinker».

Max Flückiger führt seit bald 20 Jahren Gäste durch «seinen Turm». Er ist ­selber immer wieder fasziniert von der Zimmermannskunst am Dachstock, von der Steilheit des Daches, vom ­Ausblick über den Zürichsee bis in die ­Alpen. Am Ende der Führung zeigt er die Turmstube. Am Riemenboden zeigt sich das Alter des Turms, die Äste stehen glänzend hervor, die Riemen sind abgewetzt.

Eichhörnchen in der Turmstube

Als letzter Feuer- und Hochwächter gilt Hermann Esslinger. Das Bild des bärtigen Mannes, wie er am Schreibtisch sitzt, hängt heute an der Tür zur Turmstube. Er versah den Dienst bis 1911 – in den Jahren bis 1916 verrichtete er nicht mehr Wacht-, sondern bloss noch Schreibdienst im Turm. Wie so mancher Wächter und Trompeter vor ihm arbeitete er neben dem Wachdienst als Schuhmacher, Sattler und Vogelzüchter. Er hielt in der Turmstube ein Eichhörnchen, betreute im Turm den Taubenschlag des Brieftaubenclubs Uto – und er lehrte Stare die Sätze «Grüss Gott», «Danke verbindli», «Hübscheli abegaa». Genauso mahnt heute Turmführer Flückiger seine Gäste, bevor sie die arg steile Treppe hinuntersteigen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2014, 19:21 Uhr

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Informationen zur St. Peter hat der Historiker Peter Ziegler zusammengetragen. Das Buch «St. Peter in Zürich» mit 284 Seiten und zahlreichen Bildern ist 2006 im Verlag Neue Zürcher Zeitung erschienen.(bra)

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