«Im Kreis 4 gibt es viele Charakterköpfe»

Lucien Woodtli hat ein Jahr lang die Langstrasse und ihre Bewohner fotografiert. Sein Bildband: eine letzte Momentaufnahme des Quartiers.

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Während der Arbeit an Ihrem Buch haben Sie viele Kreis-4-Bewohner getroffen. Was ist typisch für sie? Es gibt viele Charakterköpfe im Quartier, so Macher-Typen, die ich an anderen Orten weniger angetroffen habe. Zudem würde ich die Kreis-4-Bewohner als sehr offen, freundlich und spontan beschreiben. Es gibt eine grosse Durchmischung von Kulturen und Ideologien im Quartier. Und seine Bewohner können gut damit leben.

War dieser Eindruck der Grund für ein Buch?
Es war der Kreis 4 mit den Lichtern und den vielen Leuten. Als ich vor 4 Jahren nach Zürich zog, war ich oft mit dem Notizblock unterwegs und habe irgendwelche Leute darin etwas zeichnen lassen. Irgendwann wusste ich nicht mehr, welche Skizze von wem stammt, also kam mir die Idee mit den Polaroids. Im Buch habe ich das kombiniert.

War es leicht, die Protagonisten vor die Linse zu bekommen?
Meistens schon. Und wenn ich eine Absage erhielt, war sie in der Regel freundlich. Es gab aber auch kompliziertere Situationen. Mit der Polizei war es kompliziert, der Beamte meldete sich kurz vor der Deadline. Und einer konnte nicht schreiben, was ich erst merkte, als ich ihn um eine Widmung bat.

Wie kam das Buch bei den Protagonisten an?
Sehr gut, es kamen sehr viele Leute zur Vernissage. Es gab vor Ort auch einen Tätowierer, der anbot, den Leuten die Zeichnungen und Skizzen im Buch zu tätowieren. Fast 20 Leute haben davon Gebrauch gemacht und nun eine dieser Skizzen für immer auf der Haut.

Ein Drittel der abgelichteten Personen ist aus dem Nachtleben. Sogenannte Szenevögel.
Ich verkehre an Orten, an denen diese Leute präsent sind. Sie gehören aber auch zur generellen Stimmung an der Langstrasse, das Quartier ist ja geprägt vom Nachtleben. Ich achtete aber darauf, das ganze Spektrum abzubilden.

Wer fehlt sind die neuen Bewohner des Kreis 4. Etwa jene, die in der Europaallee eingezogen sind.
Ich wollte das Quartier so abbilden, wie ich es wahrnehme. Und zur Europaallee habe ich sehr wenig Bezug. Ich habe mir schon überlegt, etwa Rolf Hiltl noch reinzunehmen. Doch schliesslich entschied ich mich dafür, eine Momentaufnahme zu machen, das andere ist vielleicht die Zukunft. Die wird aber weniger interessant.

Was sagen Sie zum Vorwurf, mit dem Buch die angesagte Langstrasse noch mehr zum Hype zu machen?
Ich habe den Hype zu Beginn der Arbeit gar nicht wahrgenommen. Klar, das Quartier verändert sich, nur schon in der Zeit, seit ich hier wohne. Meine Gespräche mit den Leuten haben diesen Eindruck verstärkt. Während meiner Arbeit dachte ich oft, dieses Buch könnte eine letzte Momentaufnahme der alten Langstrasse sein.

Erstellt: 19.09.2017, 17:53 Uhr

Lucien Woodtli, 24, hat an der ZHDK Style & Design studiert. Ab nächstem Monat arbeitet er in einem Büro für Szenografie in Berlin. Sein Buch «Chreis Cheib» ist im Amsel Verlag erschienen.

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