Im Odeon daheim

Künstler, Intellektuelle und Militärs bevölkerten einst das Café Odeon. Jetzt ist das alte Gästebuch wieder aufgetaucht – ein einzigartiges Dokument der Zürcher Kaffeehauskultur.

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Hans-Peter Keller, zuständig für Schweizer Kunst im Auktionshaus Christie’s, sitzt im Odeon und blättert mit weiss behandschuhten Fingern in dem taschenbuchgrossen Bändchen. Er zeigt da auf eine Miniatur von Augusto Giacometti, dort auf die Unterschrift des Weltkriegsgenerals Ulrich Wille, und er weiss auch über den vor hundert Jahren äusserst populären österreichischen Komponisten Leo Fall Bescheid, der 1917 die Anfangstakte seiner Operette «Die Rose von Stambul» schwungvoll quer über eine Seite notiert hatte, mit Notenschlüssel und allem. Keller hat viel zu erzählen.

Niemand hatte von dem Büchlein gewusst, bis vor ein paar Monaten eine Anfrage aus Kanada auf dem Schreibtisch des Kunstexperten landete. Ob Christie’s allenfalls Interesse hätte am Gästebuch des Odeon? Ja schon, fand Keller, aber was denn drin wäre, und wie sei es überhaupt nach Amerika gelangt? Immerhin war es möglich, dass es aus dem Lokal gestohlen wurde, um es zu Geld zu machen. Bei Verdacht auf Raubkunst blinken in einem Auktionshaus ja Alarmlampen. Und ein Gästebuch hat mit Kunst erst einmal nichts zu tun – auch wenn bekannt ist, dass im Odeon gerne Künstler verkehren.

Aus Kanada kamen dann Fotos, von denen vor allem eines Kellers Interesse auf einen Schlag weckte: eine Farbstudie von Augusto Giacometti. Der Spross der Künstlerdynastie Giacometti wagte sich als einer der Ersten überhaupt an die Abstraktion. In Zürich am bekanntesten ist die monumental ausgemalte Eingangshalle Stadtpolizei-Hauptwache. Er trank nicht nur seinen Kaffee im Odeon, es war sein Zuhause: Direkt über dem Lokal befand sich sein Atelier. Giacometti stellte regelmässig kleinformatige Farbstudien an, um die Wirkung verschiedener Schattierungen zu testen. Solche Blätter erzielen Preise bis zu 20'000 Franken.

Und die Herkunft? Es stellte sich heraus, dass die heutigen Besitzer in Kanada rechtmässige Erben der Helen May-Otto sind. Sie, ihr Mann und ihre Schwiegermutter hatten das Café am Bellevue zwischen 1917 und, vermutlich, 1932 gepachtet. Als das abgeklärt war, liess Keller sich das Buch nach Zürich schicken.

Alltag im Odeon

So gegen elf Uhr, schreibt der Odeon-Chronist Curt Riess, seien die Musiker und Literaten im Lokal eingetroffen und hätten die Fensternischen gegen die Limmat mit Beschlag belegt. Die Rämistrassenseite gehörte den Bildhauern und Malern. Zur Torgasse hin setzten sich Kartenspieler zu einem Jass. Riess schildert die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, als die Cafégäste in das Album der Wirtin Helene May-Otto ihre Eintragungen machten. Kurt Frühs Schweizer Filmklassiker «Café Odeon» von 1959 gibt eine Ahnung von der Stimmung, die in dem Lokal schon immer geherrscht haben musste.

Das 1911 eröffnete Café mit eigener Konditorei war dank seiner zentralen Lage und dem eleganten Jugendstilinterieur ein exzellenter Vertreter der europäischen Kaffeehauskultur. Zwischen 1914 und 1918 kamen Kriegsemigranten nach Zürich, die sich wie selbstverständlich im Odeon trafen. Augusto Giacometti zechte dort mit den Dada-Begründern Hugo Ball, Tristan Tzara und Marcel Janco. Lenin, der nicht weit weg an der Spiegelgasse wohnte, soll den letzten Abend vor seiner Fahrt im plombierten Zug nach Moskau im Odeon verbracht haben. Seine Machtübernahme sorgte dann dafür, dass adlige Russen nach Zürich flüchteten und sich ebenfalls im Odeon häuslich niederliessen.

Durchreisende Musiker und Schauspieler, die am nahen Stadttheater, dem heutigen Opernhaus, gastierten, trafen sich mit Bewunderern im Odeon. Zu den Berühmtesten gehörte der schöne Filmstar Asta Nielsen. Stammgast war aber auch Ulrich Wille, geschätzter und umstrittener bis gehasster General der Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg. Immer Freitag traf er sich mit anderen Offizieren zum Jass.

Die einstige Weitläufigkeit – um nicht zu sagen: Weltläufigkeit – des Café Odeon hallt heute noch nach. Aber ältere Zürcher ärgern sich noch immer über die Kastrierung ihres Treffpunkts. Eine Hälfte wurde 1972 in eine Apotheke verwandelt, es gab nur noch einen Eingang, das obere Stockwerk mit den Billardtischen wurde geschlossen. Der Grund: Das Lokal galt als unübersichtlich, es hatte sich zu einem Treffpunkt für Kleinkriminelle und Drogenabhängige entwickelt.

140 Einträge

Dennoch war das Odeon damals eines der wenigen Lokale, die von morgens um 7 bis um 2 Uhr nachts offen hatten, am Freitag und am Samstag bis 4 Uhr. Christie’s-Kunstexperte Hans-Peter Keller erinnert sich selber gern an seine Zeit als Student, als man im Odeon noch einen Schlummerbecher trank und mit Gewissheit auf gleichgesinnte Nachtvögel traf (per Whatsapp verabreden ging ja noch nicht).

Als das Gästebuch aus Kanada dann endlich auf seinem Schreibtisch lag, war es für Keller also nicht einfach ein Kunstwerk, bei dem es nüchtern Qualität und Provenienz zu klären und den Schätzpreis festzulegen galt. Er konnte keinen Werkkatalog und keine Preislisten zurate ziehen. Die Unterschriften von Giacometti und General Wille waren einfach zu entziffern. Die Einträge der Künstler Arnold Brügg­ler, Otto Pilny und Emil Huber stellten den Fachmann für Schweizer Kunst vor keine grossen Probleme. Auf die Namen der Komponisten kam er mit der Hilfe eines befreundeten Musikwissenschaftlers. Aber viele der etwa 140 Einträge blieben unentziffert. Wem alles Helen May-Otto ihr Album in den 16 Jahren als Odeon-Wirtin vorgelegt hat, ist also noch nicht geklärt.

Ob das Buch tatsächlich den von Keller über den Daumen gepeilten Preis von 20'000 bis 30'000 Franken erzielt, wird sich am kommenden Dienstag entscheiden. Dann wird es im Rahmen einer Auktion von Schweizer Kunst versteigert. «Im Gegensatz zu herkömmlichen, bekannten Werken anerkannter Künstler gibt es für so etwas keinen eingespielten Markt», sagt Keller.

Sorgfältig legt der Experte das Buch wieder in die Kartonschachtel, in der es hundert Jahre überdauert hat. Darum herum wickelt er mehrere Schichten Folie mit kleinen Luftpolstern. Erst dann zieht Keller die weissen Handschuhe aus. Er wirkt, als würde er das Buch gern selber behalten.

(Erstellt: 10.10.2017, 23:33 Uhr)

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