Im Wahn mit dem Messer den Freund erstochen

Der Täter muss so lange in die Gefängnis-Therapie, bis er keine Gefahr mehr darstellt. Die Richter liessen sich nicht von der Version des 22-Jährigen überzeugen, wonach das Opfer Suizid begangen haben soll.

Folgte weitgehend den Anträgen der Anklage: Das Bezirksgericht in Zürich.

Folgte weitgehend den Anträgen der Anklage: Das Bezirksgericht in Zürich. Bild: TA

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Am 13. November 2011 fiel ein damals 25-jähriger Schweizer vom siebten Stock eines Hochhauses an der Brahmsstrasse beim Albisriederplatz. Der Mann war sofort tot. Doch, so stellten die Untersuchung fest, der Sturz war nicht die Todesursache. Der Mann starb wegen mehrerer Messerstiche in den Hals, die ihm sein Freund zuvor versetzt hatte. Laut Anklageschrift hielten sich das spätere Opfer und sein Freund, ein heute 22-jähriger Schweizer, in der Wohnung eines Bekannten auf. Am Morgen stach der 22-Jährige mit einem Jagdmesser «aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen auf den Halsbereich des Geschädigten ein». Zudem würgte er seinen Freund so stark, dass dieser das Zungenbein brach.

Der Schwerverletzte konnte sich noch aus der Wohnung auf den Laubengang im siebten Stock flüchten. Ob er dann selber über das Geländer fiel oder ob der Beschuldigte ihn hinunterstiess, konnte die Untersuchung nicht feststellen. Deshalb klagte die Staatsanwältin diesen Teil der brutalen Tat nicht ein. Sie war an der gestrigen Verhandlung des Bezirksgerichts Zürich kein Thema.

Täter mit Borderline-Syndrom

Der Angeschuldigte, ein IV-Rentner, der wegen eines Borderline-Syndroms an psychotischen Schüben leidet, machte eine Erinnerungslücke geltend – genau zum Tatzeitpunkt. Er könne sich nur noch daran erinnern, seinen Freund am Hals gepackt und ihn gefragt zu haben: «Wo ist meine Mutter? Wo hast du sie versteckt? Lass sie in Ruhe!» In der Verhandlung kam ein zweites Mordmotiv zur Sprache. Er sei von Gott aufgefordert worden, den Teufel, der im Körper des Opfers steckte, zu beseitigen. Der Täter hatte zuvor stark gekifft und viel Bexin-Hustensirup konsumiert.

Die Staatsanwältin klagte den Beschuldigten wegen vorsätzlicher Tötung ein. Sie verlangte eine Freiheitsstrafe von acht Jahren und eine stationäre therapeutische Massnahme (eine sogenannte kleine Verwahrung). Dass er sich an die Messerstiche nicht mehr erinnere, sei unglaubwürdig. Der Mann habe in der Untersuchung widersprüchliche Aussagen gemacht. Die Tat grenze nahezu an Mord, nur der Planungsvorsatz habe gefehlt. Dass das geforderte Strafmass nur acht Jahre betrage, hänge mit dem psychiatrischen Gutachten zusammen. Der Mann ist in seiner Schuldfähigkeit hochgradig einschränkt.

Der Rechtsvertreter der Eltern des Toten bezeichnete den Beschuldigten als gefährlich, sobald er Alkohol, Haschisch oder Medikamente zu sich nehme. Er sei schon früher in Kliniken als sehr aggressiv aufgefallen und habe einen ausgeprägten Hang zu Waffen. Die Eltern des Getöteten wünschten sich keine Rache, aber sie wollten, dass niemand mehr unter der Gefährlichkeit des Beschuldigten leiden müsse. Der Mann müsse so lange in einer stationären Massnahme bleiben, bis er keine Gefahr mehr für die Gesellschaft darstelle.

Verteidigung: keine vorsätzliche Tötung

Für Überraschung sorgte der Antrag des Anwalts des Beschuldigten: Es liege keine vorsätzliche Tötung vor. Es sei nicht eindeutig klar, wer dem Opfer die tödlichen Messerstiche verabreicht habe. Der 25-Jährige könnte sie sich auch selber zugefügt haben. Denn der Mann sei depressiv gewesen und habe Suizidabsichten geäussert. Der Verteidiger verwies auf ein Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin (IRM), das die Version eines Suizides nicht ausschliesst. Weil das Forensische Institut aber aufgrund des Blutspurenbildes auf eine Fremdeinwirkung schloss, hatte die Staatsanwältin beim IRM ein Ergänzungsgutachten in Auftrag gegeben. Dieses sprach dann klar von einer Fremdeinwirkung.

Auch der Rechtsvertreter der Eltern des Getöteten schloss vehement aus, dass sich der Opfer die Halsverletzungen selbst zugefügt habe. Das Opfer hatte Schnittverletzungen an den Händen, was bedeute, dass es sich vor der Attacke schützen wollte. «Wer sich selbst umbringt, verteidigt sich nicht.»

Therapie statt Strafe

Das Gericht kam ebenfalls zum Schluss, dass der 25-Jährige von seinem Freund erstochen worden war. Es verurteilte den Täter wegen vorsätzlicher Tötung zu fünfdreiviertel Jahren. Die Suizidversion überzeuge nicht, Spurenbilder und Zeugenaussagen würden für ein Tötungsdelikt sprechen. Der Vollzug der Strafe wird zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben. Das heisst, dass der Mann so lange im Gefängnis therapiert wird, bis er für die Gesellschaft keine Gefahr mehr darstellt. Die Höchstdauer der Massnahme beträgt fünf Jahre. Sie kann, wenn nötig, um jeweils fünf Jahre verlängert oder in eine Verwahrung umgewandelt werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2012, 10:08 Uhr

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