Immer gehandelt, nichts zu bereuen

Mathilde Escher, die Tochter des Escher-Wyss-Gründers erhält am Sechseläuten eine Ehrentafel.

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Charmant war Mathilde Escher wohl nicht. Aber sie war klug und tatkräftig. Conrad Ferdinand Meyer attestierte ihr eine «ihr eigene Offenheit» und einen «regen Kopf». Ihr Leitspruch lautete: «Lieber handeln und bereuen als nicht handeln und bereuen.» Was aus dem Mund einer Frau um die Mitte des 19. Jahrhunderts fast schon aufmüpfig anmutet.

Der Apfel fiel bei Mathilde Escher nicht weit vom Stamm: Ihr Vater, Hans Caspar Escher, war der Gründer von Escher, Wyss und Co., der damals grössten Maschinenfabrik des Landes. Die Firma Escher Wyss wurde 1969 von Sulzer geschluckt, Mathilde Eschers grosses Werk aber existiert heute noch: Die Mathilde-Escher-Stiftung für Menschen mit Körperbehinderung feiert im Herbst ihr 150-Jahr-Jubiläum. Und die Stifterin wird heute Montag um 10.30 Uhr im Fraumünster durch die Gesellschaft zu Fraumünster geehrt. Am Nachmittag wird an der St.-Anna-Kapelle unweit der Bahnhofstrasse eine Ehrentafel enthüllt.

Mathilde Escher wurde 1808 im Felsenhof an der Pelikanstrasse in eine der bedeutendsten Stadtzürcher Familien geboren. Ihr Vater war ein «Escher vom Glas», ihre Mutter eine von Muralt. Sie war offenbar ein etwas altkluges und nicht ganz einfaches Kind, das lässt sich aus Beschreibungen von Zeitgenossen ahnen. Sie sei von ihren Spielgefährten wegen ihrer klaren und bündigen Sprache gefürchtet gewesen, schreibt ihre Nichte. Mathilde Escher selbst schreibt als 26-Jährige von einem Englandaufenthalt an ihre Eltern, dass sie sich in grossen Gesellschaften nicht wohl fühle: «Ich nehme und gebe alles auf Treu und Glauben und werde mich nie an eine gewisse Tändelei gewöhnen, ohne welche man in der grossen Welt den Menschen Langeweile macht und hinwiederum von ihnen zum Gähnen gebracht wird.»

Religiös, aber nicht frömmlerisch

Mathilde Escher war etwas schief gewachsen, schlicht gekleidet, in kleinem Kreis überaus fröhlich und zutiefst religiös, aber nicht frömmlerisch. Und sie war, was wir heute salopp eine «Emanze» bezeichnen würden. Sie pfiff darauf, was sich in ihrer Zeit für Frauen ziemte, und reiste zu Fuss oder auch auf dem Esel durch halb Europa, besuchte Parlaments­sitzungen, Spitäler und Docks.

Als ihre Eltern starben und sie über ein grosses Vermögen verfügen konnte, begann das zweite Leben der Mathilde Escher: Das einer Unternehmerin für die Barmherzigkeit. Ihre Nichte schrieb: «Je tiefer Tante in das Elend des Lebens hineinblickte, desto grösser wurde ihr Drang, es zu mildern.» Escher gründete einen Verein für die sittliche Pflege der Sträflinge, etwas später den Amalienverein, der arme Frauen unterstützte, schliesslich verwirklichte sie 1864/65 das St. Anna-Asyl für körperlich behinderte Mädchen aus armen Verhältnissen – die spätere Mathilde-Escher-Stiftung. Im oberen Stockwerk richtete sie eine Kapelle ein, die später abgerissen, aber neben dem Glockenhof von der Evangelischen Gesellschaft wieder erbaut und bis heute betrieben wird.

Mathilde Escher widmete sich fast Tag und Nacht der Armenpflege und empfing Bedürftige, denen sie nicht nur Geld gab, sondern wo möglich Arbeit vermittelte. Am 29. Mai 1875 starb sie «mitten in der Arbeit», wie ihre Nichte schreibt. Sie habe ruhig alles weggelegt. Sie hatte immer gehandelt und hatte nichts zu bereuen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2015, 17:43 Uhr

Mathilde Escher.

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