In 18 Minuten die Welt retten

Inspirierende Antworten auf grosse Fragen: Im Studio des Schweizer Fernsehens sprechen heute Professoren, ein Schönheitschirurg und ein 93-jähriger Bodybuilder darüber, wie die Welt besser werden kann.

Glauben an grosse Ideen: Die Organisatoren von TEDx; Dania Gerhardt, Tim Dührkoop und Oliver Süess (v. l.).

Glauben an grosse Ideen: Die Organisatoren von TEDx; Dania Gerhardt, Tim Dührkoop und Oliver Süess (v. l.). Bild: Nicola Pitaro

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Es begann mit einer Liste, auf der 200 Namen standen. Wissenschaftler, Kreative, Querköpfe, Spinner im positiven Sinn. Über diese Liste beugten sich Oliver Süess, Carola Ettenreich, Dania Gerhardt und Tim Dührkoop. Tausende Mails flogen hin und her, «Haben Sie Interesse?», «Nein, es gibt kein Geld», «Sie kriegen höchstens 18 Minuten!».

Süess und seine Freunde haben sich eine knifflige Aufgabe gestellt: Aus obiger Liste wollten sie jene 24 Personen herausfiltern, die eine überraschende, inspirierende Antwort auf grosse Fragen in petto haben – und diese Lösung in einen kurzen Vortrag verpacken können, der ein kritisches Publikum nicht langweilt. Dabei hantieren Süess und Co. mit Massstäben, welche in der Schweiz kaum jemand ironiefrei anzufassen wagt: Wunder. Ehrfurcht. Wohl der Menschheit. «Ich weiss, das klingt jetzt grossspurig, aber es soll in den Vorträgen am Ende darum gehen, wie diese Welt besser werden kann», sagt Oliver Süess über seine eigenen Worte schmunzelnd.

Wasser, Roboter, Kriegsgebiete

Das Ergebnis der monatelangen Vorbereitung wird heute Donnerstag von 9 bis 17 Uhr im Studio 5 des Schweizer Fernsehens präsentiert: 500 Zuhörer erfahren von Charles Eugster, einem 93-jährigen pensionierten Zahnarzt und Bodybuilder, wie man «erfolgreich altert». Schönheitschirurg Enrique Steiger spricht über Medizin in Kriegsgebieten. Uniprofessor Davide Scaramuzza berichtet aus seinem Labor für künstliche Intelligenz, wo er mit fliegenden Robotern experimentiert. Das Publikum soll immer wieder aus anderen Richtungen überrascht werden, die Reise geht innert Minuten von Extrembergsteigen über velofreundliche Städte zu Wasserknappheit.

Wie die Redner ist auch das Publikum handverlesen. Um dabei sein zu können, musste man sich bewerben. 730 Interessierte wollten die 50 Franken Eintritt bezahlen, der Saal bietet nicht Platz für alle. Also hiess es wieder: filtern. «Wir versuchen auch hier, die interessantesten Leute herauszupicken», sagt Tim Dührkoop. Ein CEO, der schon auf der halben Welt gelebt hat, hat sein Ticket praktisch auf sicher. Ein Student, der erst gerade zu Hause ausgezogen ist, schafft es auch, «falls er eine leidenschaftliche Bewerbung eingereicht hat», sagt Dührkoop.

Erfolgsmodell TED-Konferenz

Die Vortragsreihe läuft unter dem Titel TEDx Zurich, einem unabhängigen Ableger der jährlichen TED-Konferenz, die seit 1990 in Kalifornien stattfindet; TED steht für Technology, Entertainment and Design. Die Idee hat sich in den letzten Jahren auf der ganzen Welt verbreitet, über 5000 TEDx-Events haben schon stattgefunden. Wer sich im Internet die bekanntesten Vorträge anschaut, versteht, weshalb: Da räumen Nobelpreisträger, Wirtschaftskapitäne, Künstler und Politiker im Viertelstundentakt die grössten Probleme der Menschheit aus dem Weg.

Dazu kommt, dass die Talks streng reglementiert und auf maximalen Unterhaltungswert getrimmt sind. Deshalb dürfen die Redner nicht länger als 18 Minuten sprechen – eine gute Länge, um die Filme ins Internet zu stellen. Gleichzeitig wird die Gefahr begrenzt, das Publikum zu ermüden. Ein Teleprompter liefert Stichworte, auf einem zweiten Bildschirm zählt die Uhr die verbleibende Zeit sekundengenau rückwärts. Die Redner üben ihren Vortrag zusammen mit den Organisatoren und Sprech-Coaches. Die Konferenz wird live ins Internet übertragen und auf Youtube gestellt. Die besten Talks laden die amerikanischen TED-Macher auf Ted.com hoch, wo sie Hunderttausende Male angeschaut werden.

Vier Minuten für de Weck

TEDx Zurich wurde vor zwei Jahren von Peter Hogenkamp, dem heutigen Leiter der Digitalsparte der NZZ-Gruppe, ins Leben gerufen. Hogenkamp ist inzwischen nicht mehr aktiv dabei, nun organisiert ein Team von einem Dutzend TED-Fans den Anlass. Alle arbeiten ehrenamtlich. «Ich habe übers ganze Jahr hinweg ungefähr 40 Prozent meiner Arbeitszeit hineingesteckt», sagt Oliver Süess. Acht Sponsoren decken mit einem Beitrag von je 8000 Franken den Grossteil der Kosten, das Schweizer Fernsehen hat sein Studio 5 zu einem Spezialpreis zur Verfügung gestellt. Die TEDx-Leute haben den Segen von ganz oben erhalten: SRF-Generaldirektor Roger de Weck ist vom Konzept begeistert und richtet heute ein Grusswort ans Publikum. Er kriegt dafür exakt vier Minuten.

Die Vorträge werden heute von 9 bis 17 Uhr live ins Internet übertragen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2012, 10:26 Uhr

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