In Aussersihl ist «Züri-Sack» ein Fremdwort

Nirgends entsorgen die Zürcher so viel Müll illegal wie im Kreis 4. Die Stadt unternimmt wenig, putzt viel.

«Nur Züri-Säcke – Für e suubers Züri»: Bewohner im Kreis 4 ignorieren den Wunsch auffallend oft. Foto: Nicola Pitaro

«Nur Züri-Säcke – Für e suubers Züri»: Bewohner im Kreis 4 ignorieren den Wunsch auffallend oft. Foto: Nicola Pitaro

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Zürich – Morgens um 9 Uhr, irgendwo in einer Seitengasse im Kreis 4. Säcke voller Müll stapeln sich meterhoch an einer Hausmauer. Ein strenger Geruch liegt in der Luft. Ausser ein paar Fliegen hält sich hier niemand freiwillig auf. Bis mit lautem Getöse ein Lastwagen vorfährt, dem drei Männer in orangen Westen entsteigen.

Dann geht alles ganz schnell. Zuerst leeren sie die Container, dann schmeissen sie die mit Abfall gefüllten Papier- und Plastiktaschen in den stählernen Schlund am Heck ihres Vehikels. Die Glasscherben, den dürren Adventskranz, den ganzen übrigen Krempel, der schimmelt und stinkt, schaufeln sie zum Schluss weg. Zurück bleibt ein PC-Gehäuse, sonst nichts. Sekunden nachdem der Lastwagen um die Ecke gebogen ist, besetzt eine Frau die Seitengasse. Sie trägt hautenge Jeans, ihre Oberweite zur Schau, getigerte Pumps und ein kleines Täschchen in der Hand.

«Es ist frustrierend»

Ein Müllmann sagt: «Es ist schon frustrierend.» Nirgends in der Stadt sei es so schlimm wie im Kreis 4. Er schaut in einen anthrazitfarbenen Kunststoffcontainer, auf dem unmissverständlich steht: «Nur Züri-Säcke.» Darin liegen: 11 schwarze Abfallsäcke, zwei Coop-Tragtaschen, gefüllt mit leeren Bierdosen, ein Plastikkanister, ein Holzstuhl mit drei Beinen, ein Züri-Sack. «Natürlich nehmen wir alles mit», sagt der Mann. «Stellen Sie sich vor, was sonst passieren würde!» Schliesslich sei man immer noch in Zürich, nicht in Neapel.

Die Aussersihler Quartiervereinspräsidentin Renata Taiana bestätigt den Eindruck: «Im ganzen Kreis 4 steht kein einziger Container, der nichts Illegales enthält. Das ist eine Tatsache.» Taiana wohnt nicht in der Nähe der Langstrasse, sondern in einer gepflegten Liegenschaft beim neu gestalteten Bullingerplatz. Ihre Versuche, den Container für Hauskehricht mit einem Schloss zu sichern, schlugen allesamt fehl. Wer keine Skrupel hat, seinen Unrat illegal zu entsorgen, hat auch kein Problem damit, ein Schloss zu knacken.

«Zu teuer, zu aufwendig»

Die aktuellsten Zahlen stammen aus dem Jahr 2005. Rund 13 Prozent des damals im Chräis Chäib eingesammelten Mülls wurde von den Bewohnern illegal entsorgt. Zum Vergleich: Am Zürichberg betrug dieser Anteil 2,3 Prozent, in der ganzen Stadt 5,3 Prozent. Neuere Daten hat Entsorgung und Recycling (ERZ) nicht. Eine Erhebung ist laut ERZ-Sprecherin Leta Filli so bald nicht geplant: «Zu teuer, zu aufwendig.» Ob sich die Situation in den letzten sieben Jahren verbessert hat, weiss sie deshalb nicht. «Wahrscheinlich gibts in den Kreisen 4 und 5 immer noch den meisten illegal entsorgten Abfall.»

Die Gründe dafür ortet Filli in der intensiven Nutzung des Gebiets rund um die Langstrasse. Der Kreis 4 ist Wohnquartier, Heimat klassischer und horizontaler Gewerbebetriebe und Vergnügungsmeile. Auch spielt laut Filli der im städtischen Vergleich überdurchschnittlich hohe Ausländeranteil eine Rolle: «Diese Mitbürger haben eine andere Abfallkultur.»

Täglich sammelt ERZ bis zu 2,5 Tonnen illegal deponierten Müll ein. Dennoch handle es sich nicht um ein akutes Problem. «Die meisten verwenden Züri-Säcke.» Den Vorwurf, Entsorgung und Recycling toleriere Abfallsünder im Kreis 4, weist Filli entschieden zurück: «Wenn wir nichts machen würden, fühlten sich die Illegalen bestätigt und die anderen im Regen stehen gelassen.» ERZ setzt auf ein «Dreisäulensystem»: Information, Prävention, Kontrolle. Alle Zürcher bekommen einmal jährlich Entsorgungsunterlagen, worin das Prinzip des korrekten Umgangs mit allen Formen von Müll erklärt wird – auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch. Nach den Deutschen und Italienern bilden die Portugiesen den grössten Anteil an der ausländischen Wohnbevölkerung in Zürich, dicht gefolgt von Menschen aus Serbien und Montenegro.

32'000 Säcke kontrolliert

Wenn die Müllmänner bei einer Liegenschaft illegal entsorgten Müll vorfinden, bekommen die Mieter einen Flyer, der auf das Vergehen hinweist und Möglichkeiten aufzeigt, dem Problem Herr zu werden. Etwa, indem man den Container mit einem Schloss sichert oder länger damit zuwartet, ihn an Abfuhrtagen (Dienstag und Freitag im Kreis 4) aufs Trottoir zu schieben.

Nützt auch das nichts, schickt ERZ den Kontrolldienst vorbei, was laut Filli in Extremfällen zu einer Verzeigung führen kann. Für diese Aufgabe beschäftigt die Stadt zwei Personen, die in sämtlichen Kreisen unterwegs sind. 2011 riss das Duo knapp 32'000 Säcke auf, in 2224 fand es eine Adresse. Daraus resultierten 1761 Verwarnungen und 563 Verzeigungen. Wer erwischt wird, bezahlt mindestens 250 Franken Busse. Patrouillen der Stadtpolizei amten nicht als «Güselpolizei», melden aber gemäss Leta Filli «gröbere Sauereien» an Entsorgung und Recycling, das in solchen Fällen ein Team losschickt, um wieder sauber zu machen. Laut Polizeisprecherin Brigitte Vogt kam das im Kreis 4 im vergangenen Jahr 106-mal vor.

Ein schöner Freitagmittag in Aussersihl bricht an. Die ERZ-Teams haben ganze Arbeit geleistet, die Langstrasse ist fürs Wochenende herausgeputzt. In der Seitengasse, wo die Frau mit dem Täschchen wartet, taucht eine zweite Person auf. Der Barbesitzer hängt ein Schloss an den Container, zuckt mit den Schultern und sagt: «Es ist halt ein Fass ohne Boden.»

Erstellt: 24.03.2012, 08:18 Uhr

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