In den Zürcher Clubs bestimmen die Männer

Hinter dem Tresen sind Frauen im Ausgang omnipräsent. In den Führungspositionen dafür sehr selten und das in einer Branche, die als jung und innovativ gilt.

Frauen sind aus den Clubs nicht wegzudenken, aber nur im Fussvolk erwünscht: Das Plaza im Kreis 4. Fotos: Dominique Meienberg

Frauen sind aus den Clubs nicht wegzudenken, aber nur im Fussvolk erwünscht: Das Plaza im Kreis 4. Fotos: Dominique Meienberg

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Wer in einem Zürcher Club einen Drink bestellt, wird oft von einer Frau bedient. Wer seine Jacke an der Garderobe abgibt, händigt diese ebenfalls meist einer jungen Frau aus, und immer häufiger arbeiten Frauen auch als Türsteherinnen. Schwer vorzustellen ist eine Tanzfläche ohne weibliche Partizipation. Kurz: Das Leben in den Zürcher Tanzlokalen ist ohne Frauen nicht denkbar. Ein Blick hinter die Kulissen der mehr als 100 Zürcher Clubs zeigt jedoch eine andere Realität: In kaum einer Branche sind weniger Frauen in tragenden Rollen tätig als in diesem Bereich des Nachtlebens. Annähernd null Prozent beträgt der Anteil. Zum Vergleich: In KMU landesweit arbeiten rund 20 Prozent Frauen in Führungspositionen. Es stellt sich die Frage: Ist das als jung, innovativ und angesagt geltende Nachtleben in Tat und Wahrheit konservativer als die meisten anderen Branchen?

«Clubs sind nach wie vor ein Jungsding», sagt Vania Kukleta; sie arbeitete jahrelang in verschiedensten Funktionen im Club Mascotte. Warum die Chefposten so einseitig besetzt sind, sei schwierig zu erklären. «Die heutigen Besitzer sind alle schon sehr lange dabei», sagt sie. Es komme zudem selten vor, dass einer von ihnen die Branche wechsle. «Der Traum vom Clubbesitzer ist immer etwas eher Männliches.» Kukleta selber hat sich zwar von der Kundenanwerbung zur PR-Verantwortlichen hochgearbeitet. Dass eine Führungsposition für sie aber ausser Reichweite liegt, musste sie bald merken.

«Institutioneller Chauvinismus»

Alex Flach, Medienverantwortlicher zahlreicher Zürcher Clubs und Nachtleben-Kolumnist, nennt diesen Sachverhalt «institutionellen Chauvinismus». Er sagt: «Frauen sind hinter der Bar, am Eingang oder an der Garderobe wichtig für den Club – nicht zuletzt wegen ihres Äusseren. Doch in der Führung sind sie nicht erwünscht.» Als Grund für den Frauenmangel sieht er auch die sichtbare Dominanz der Männer in der Clubwelt, diese wirke abschreckend auf viele Frauen.

Frauen sind im Nachtleben präsent, aber haben kaum Führungspositionen.

Die oft Frauen zugeschriebenen Eigenschaften wie Teamintegration, Gesprächs- oder Kompromissbereitschaft seien im Clubumfeld zwar höchst erwünscht und führten bei der täglichen Arbeit zu Verbesserungen, sagt Kukleta. Aber auch: «Geht es um marktwirtschaftliche Entscheide, bleiben die Frauen in der Regel noch immer aussen vor.» Die wenigen spannenden Jobs im Zürcher Nachtleben seien in der Regel von Männern besetzt.

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Mehr Bemühungen erforderlich

Natalie Brunner vom Partylabel Les Belles de Nuit, das seit vielen Jahren aktive Frauenförderung in Zürcher Clubs betreibt, sieht die männliche Dominanz als ideologischen Widerspruch. Sie selber betätigt sich seit den Neunzigerjahren als DJ. «Die Technobewegung stand einst für etwas Verbindendes, auch für das Ausloten von Geschlechtergrenzen, und jetzt dominieren wieder die Männer», sagt sie. Es brauche von Männerseite her mehr Bemühungen, den Frauen im Clubleben einen Platz einzuräumen, findet sie.

«Wir sind uns der Thematik bewusst», sagt Alexander Bücheli, der Sprecher der Bar- und Club-Kommission, des Dachverbands der Zürcher Nachtkulturunternehmen. Er erklärt: «Das Nachtleben ist generell eine Männerwelt, dies zeigt sich auch daran, dass im Zürcher Ausgang mehr Männer als Frauen anzutreffen sind.» Beim nächsten Staff-Day, dem Schulungstag für die Angestellten der Mitgliederbetriebe, plant die Kommission erstmals einen Workshop zum Thema. Weitere Schritte seien zwar bisher nicht geplant, doch man sei interessanten Ideen gegenüber sehr aufgeschlossen, sagt Bücheli.

Nicht alle möchten die Ursache für die männliche Dominanz in den Clubs auf der Männerseite suchen. Helena Trachsel vom Gleichstellungsbüro des Kantons Zürich sagt: «In allen Branchen sind Frauen zurückhaltender, wenn es darum geht, Führungspositionen einzunehmen.» Unternehmertum sei noch immer männlich konnotiert. Dazu komme: Frauen überliessen die ruppige Geschäftswelt leider auch heute noch oftmals den Männern. «Das Nachtleben ist ein hartes Geschäft, bei dem übermässiger Alkoholkonsum oder Raufereien an der Tagesordnung sind. Nicht unbedingt ein Umfeld für Frauen.»

Nicht unbedingt ein Umfeld für Frauen: Das Nachtleben ist ein ruppiges Geschäft.

Vielleicht ein Grund, warum sich Vania Kukleta nach ihrem Engagement im Mascotte selbstständig gemacht hat. Mit dem Weihnachtsmarkt Heiliger Bimbam oder dem Streetfood-Festival hat sie sich in einem anderen gastronomischen Sektor erfolgreich etabliert – anfangs mit Unterstützung ihrer ehemaligen Arbeitgeber. Für sie kommt hinzu: «Das Nachtleben ist für viele Frauen auf die Dauer nicht attraktiv.» Wer an Familienplanung denke, verabschiede sich nicht selten wieder daraus. Dazu komme die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz des Nachtlebens, die der Karriere ebenfalls im Weg stehe.

Und doch gibt es Frauen, die genau das wollen. Um ihnen den Aufstieg langfristig zu ermöglichen, gibt es für Elisa Streuli, Soziologin und Psychologin mit Spezialgebiet Leadership, ein zentrales Element: Sichtbarkeit. «Frauen müssen zeigen, wenn sie etwas erreicht haben, damit andere nachziehen», sagt die Fachhochschuldozentin. Clubs wiederum sollten das aktiv hervorheben. Erst die Masse mache den Unterschied, fügt sie an. «Solange die Branche als Männerdomäne gilt, fühlen sich auch wenige andere Frauen angesprochen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2017, 23:05 Uhr

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