Hintergrund

In die Schule, dann zur Therapie

In der Stadt Zürich nehmen die Therapien wegen Schulproblemen laufend zu. Das sei problematisch, sagen Kinderärzte. Für viele Lehrerinnen hingegen ergeben sie Sinn.

Zunehmender Therapiebedarf: Kinder an ihrem ersten Schultag.

Zunehmender Therapiebedarf: Kinder an ihrem ersten Schultag. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Eine erste Klasse in einer Primarschule der Stadt Zürich: Von 26 Kindern besuchen 6 eine Psychomotoriktherapie, 1 die Logopädie, und 4 werden im Rahmen individueller Förderziele (IF) innerhalb des regulären Unterrichts betreut − von einem Heilpädagogen während dreier Stunden pro Woche.

Eine zweite Klasse in der Stadt Zürich: Von 23 Kindern absolvieren 4 eine logopädische Therapie, 3 eine psychomotorische, weitere 4 Schüler werden aufgrund ihrer besonderen pädagogischen Bedürfnisse von einem Heilpädagogen betreut.

Die Zahlen des Schulamtes der Stadt Zürich sprechen eine ähnliche Sprache: Die Therapien nehmen zu. Im Schuljahr 2005/2006 besuchten 388 Kinder eine Psychomotoriktherapie, im letzten Schuljahr 526. Das entspricht einem Anstieg von 35 Prozent innert 7 Jahren. Bei den Logopädietherapien ist der Anstieg mit 28 Prozent in 6 Jahren fast ebenso frappant (siehe Grafik). Verantwortlich für die Zuweisungen sind seit 4 Jahren die Schulleitungen. Der Schulpsychologische Dienst (SPD) wird einbezogen, wenn es Unklarheiten oder Uneinigkeiten zwischen den Beteiligten gibt, sowie bei Psychotherapien. Die Empfehlungen des SPD für Psychotherapien sind in den letzten Jahren weitgehend konstant geblieben. Es sind pro Jahr rund 500, das entspricht 2 Prozent aller schulpflichtigen Kinder.

Insgesamt verzeichnete der SPD im letzten Jahr Anmeldungen von 2443 Kindern, mehr als zwei Drittel davon waren Knaben (69 Prozent). Die 2443 Kinder entsprechen knapp 10 Prozent aller Zürcher Volksschüler. Laut Forster sind es meist Lehrer, die die Kinder beim SPD anmelden. Die Gründe seien vielfältig: Sie sorgen sich beispielsweise über Absenzen oder Schulverweigerungen von Kindern, stellen bei ihnen Gewalttätigkeiten oder psychische Belastungen fest oder wünschen sich Rat bei der Förderung einer besonderen Begabung.

«Therapiewahn» an Schulen

Experten beobachten die Zunahme der Therapien mit Sorge. Früher sei kaum ein Kind wegen Schulproblemen behandelt worden, heute hingegen erhalte ein grosser Teil der Kinder irgendeine Form von Therapie, schreiben die Kinderärzte Romedius Alber und Thomas Baumann in ihrem Buch «Schulschwierigkeiten: störungsgerechte Abklärung in der pädiatrischen Praxis». Man könne geradezu von einem «Therapiewahn» an Schweizer Schulen sprechen. Die Kinder als solche hätten sich nicht verändert − hingegen die Vorstellungen davon, was normal sei und was nicht. Viele Abweichungen vom Durchschnitt würden als Entwicklungsstörungen betrachtet. Damit habe man mehr «kranke» als gesunde Kinder geschaffen − und einen riesigen Therapiemarkt.

Aus einer anderen Perspektive beurteilen Lehrerinnen und Lehrer die Therapien für Schulkinder. Katrin Bammert*, die Lehrerin der eingangs erwähnten zweiten Klasse, hält sie für eine grosse Entlastung. Von ihren 23 Schülern stammt ein grosser Teil aus einer fremdländischen Kultur. Es sei schwierig, jedem einzelnen Kind in dieser grossen Klasse gerecht zu werden und es individuell zu fördern − besonders wenn Defizite auftauchen würden.

Bammert hält die Therapien in allen Fällen für gerechtfertigt. So mache es beispielsweise Sinn, dass ein tamilischer Knabe, dem es aufgrund seiner Kultur zu Hause untersagt sei, im Haushalt mitzuhelfen, eine Psychomotoriktherapie besuche. Er weise im Bereich der Feinmotorik ein grosses Defizit auf, während die tamilischen Mädchen ohne Probleme einen Apfel schneiden oder ein Geschenk einpacken würden. «Ich bin sehr froh, dass er diese Therapie besuchen kann», sagt die Primarlehrerin. Sie sei äusserst lösungsorientiert aufgebaut.

Belastende Standortgespräche

Noch mehr Kinder ihrer Klasse für eine Therapie anzumelden, sei hingegen nicht nötig, sagt Bammert. Denn dann würde es schwierig für sie, den Überblick über alle Therapien zu behalten. Ähnlich äussert sich Lena Seifert*, welche die erste Klasse mit 26 Schülern unterrichtet. Die «doch recht häufigen Standortgespräche», die bei speziell geförderten oder therapierten Kindern notwendig seien, empfindet sie als «eher belastend». Nur schon die Terminsuche sei bei den vielen involvierten Personen aufwendig. «Insbesondere wenn viele Kinder in der Klasse eine Therapie besuchen, kann es schwierig werden.»

Dass 6 ihrer Schüler eine Psychomotoriktherapie besuchen, hält die Lehrerin für «relativ viel». Doch wegen motorischer Schwierigkeiten sei sie bei allen sinnvoll. Auch Seifert empfindet das breite Angebot an Therapien als Entlastung. Die ausgebildeten Fachleute würden «in einem ganz anderen Rahmen auf die Schwierigkeiten der einzelnen Kinder eingehen, als ich das kann».

«Heute schaut man genauer hin»

Die Zunahme der Psychomotorik- und Logopädietherapien hat laut den Fachleuten mehrere Gründe. Mit der Einführung des neuen Volksschulgesetzes im Jahr 2009/10 mussten Therapien übernommen werden, die zuvor von der Invalidenversicherung bezahlt worden waren. Zudem erhielten neu auch die Schüler aus Privatschulen Anspruch auf Therapien. Des weiteren seien auf Druck von Schulen neue Therapiestellen in Schulkreisen eröffnet worden, die zuvor «unterdurchschnittlich versorgt» gewesen seien, sagt Regina Kesselring, Sprecherin des Schulamtes der Stadt Zürich. Dadurch sei das Angebot in den betreffenden Schulen bekannter geworden, vermutlich habe auch das zum Anstieg der Anmeldungen beigetragen.

Je mehr Druck von Schulen und Eltern, desto mehr Therapeuten, desto mehr therapierte Kinder? Jürg Forster, Leiter des Schulpsychologischen Dienstes der Stadt Zürich: «Es ist sicher so, dass man heute genauer hinschaut und den Therapiebedarf besser prüft.» Gerade Eltern würden das Recht ihres Kindes auf Unterstützung vehementer einfordern als früher. «Es ist wichtig, dass es all die verschiedenen Therapiemöglichkeiten gibt. Doch mehr ist nicht immer besser.» Es komme vor, dass der SPD sich gegen eine Therapie ausspreche − obwohl die Eltern diese unbedingt gewollt hätten. «Man darf nicht von allen Kindern gleich viel verlangen.»

* Namen geändert

Erstellt: 14.10.2013, 07:55 Uhr

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