In seiner Realität kommt der Tod nicht vor

Das Basler Medium Pascal Voggenhuber ist ein Star der Esoterikszene. Er füllt die Säle, auch in Zürich. Gegen die Bezeichnung Scharlatan wehrt er sich mit einem Anwalt.

Wir ändern nur «unsere Art des Daseins»: Pascal Voggenhuber.

Wir ändern nur «unsere Art des Daseins»: Pascal Voggenhuber. Bild: Sophie Stieger

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Sieht so jemand aus, der mit Toten kommuniziert? Der verzweifelte Mütter tröstet, die ihr Kind verloren haben? Modischen Jeans, ein blauer Schlüsselbändel baumelt aus der Hosentasche. Sein Shirt sticht ins Auge: grelles Gelb, giftiges Grün, eingerahmt von Schwarz. Die Haare mit Gel vorn zu einem Spitz drapiert. Den Hip-Hopper und Fussballfan gibt man ihm, nicht aber den esoterischen Seelsorger.

Im grossen Sitzungszimmer in Sissach BL, hellgelb gestrichen, zieht er die Ärmel zurück. Den linken Arm ziert ein Buddha, den rechten ein Spruch über Liebe in hinduistischen Lettern. Trotz seiner 33 Jahre wirkt er jugendlich.

Pascal Voggenhuber ist ein Star. Zumindest in der Esoterikszene. Eben wurden vier Sendungen auf dem Privatsender Sat 1 ausgestrahlt, in denen er Kontakt mit dem Jenseits knüpfte. Er füllt Säle in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Morgen Mittwoch stellt er sein neues Buch «Kinder in der Geistigen Welt» bei Orell Füssli in Zürich vor, doch auch diese Veranstaltung ist längst ausgebucht. Im nächsten August will er den grossen Saal im Zürcher Volkshaus füllen, er hat Termine bis 2015.

Pascal Voggenhuber wird von seinen Fans, mehrheitlich Frauen, überrannt. «Monatlich erreichen mich 900 Anfragen von Personen, die eine Einzelsitzung möchten», sagt das Medium. Den Ansturm bewältigt Voggenhuber nicht mehr allein. Er hat die Firma Spirit Messenger aufgebaut und beschäftigt ein Team. Einzelsitzungen führt er nur noch selten durch. «Die Belastung war zu gross», gibt er zu verstehen. Psychisch wie zeitmässig. Es braucht einige Voraussetzungen, um mit Toten zu kommunizieren. Man muss glauben, dass die Seele unsterblich ist, in einer Zwischenwelt oder im Himmel leben und sich autonom bewegen können.

Ein Überzeugungstäter

Pascal Voggenhuber glaubt daran. Das geht aus seinen Büchern hervor, allesamt Bestseller. «Ich will den Leuten beweisen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt», kommentiert er seine Arbeit. Aber er kann damit leben, wenn jemand sagt, er sei ein Spinner. Oder ein Fantast. Er ist tolerant. Mindestens äusserlich. Er ist ein Überzeugungstäter, aber kein aufdringlicher Missionar.

Voggenhuber weiss seit Kindesbeinen, dass die Toten noch leben. «Ich nahm schon als dreijähriger Knirps den Geist Verstorbener wahr», sagt er. Es war ihm lästig, weil er merkte, dass er damit allein war. Darum besuchte er in England und der Schweiz jahrelang spirituelle Kurse: Er wollte die Geister, die er nicht gerufen hatte, loswerden.

Als er realisierte, dass sich die gesamte Esoterikszene krampfhaft bemühte, das zu tun, was ihn eher belastete, war das Businessmodell geboren. Er machte die Geistwesen zu seinen Freunden und die unangenehme Gabe, sie wahrzunehmen, zu seiner Berufung. Der wilde Hip-Hopper mutierte zum Tröster. Und wohl begehrtesten Schwiegersohn seiner Klientinnen.

Die geistige Welt des Pascal Voggenhuber ist nicht nur mit Verstorbenen bevölkert, es sausen auch beschützende Engel und Geistführer durch Raum und Zeit. Sie alle vermitteln dem Medium Botschaften. Nur wie? Es klingt wie Gespräche unter Kumpeln. Ein Beispiel aus seinem Buch: Als Voggenhuber beim Zügeln an seine Grenzen stiess, rief er seinen Geistführern zu: «Hey, Jungs, keine Ahnung, warum, aber echt, so etwas brauche ich nicht, helft mir jetzt!»

Wirklich sprechen kann Pascal Voggenhuber aber nicht mit den Geistwesen. Er sieht sie nicht, er hört sie nicht. Er nimmt sie übersinnlich wahr und bekommt Impulse auf der Gefühlsebene, die er dann in Sätze verpackt.

Voggenhubers Welt auf der andern Seite der Realität scheint einfach gestrickt zu sein. Eine Legowelt des kleinen Pascal, der sich als Kind nicht nur mit Klötzchen herumschlug, sondern auch mit aufdringlichen Geistwesen. Heute passt er sein Weltbild den kindlichen Paradiesvisionen seiner Klienten an. In seiner Realität gibt es den endgültigen Tod nicht. «Der Tod ist keine Strafe, sondern ein Geschenk», schreibt er. Auch für Kinder, die an Krebs oder einem Unfall starben. Wir sterben also nach Voggenhuber nicht, sondern ändern nur «unsere Art des Daseins». Wenn er trauernden Eltern einen Kontakt zum verstorbenen Kind vermittelt und diese erfahren, dass es diesem gut geht, erlebten sie rasch Heilung, sagt er.

Voggenhuber hält Vorträge, schreibt Bücher und unterrichtet seine Schüler in teilweise mehrjährigen spirituellen Kursen. Dabei vermittelt er das ganze esoterische Sortiment: Aura Reading, Jenseitskontakte, Kartenlesen, Hellsehen, Geistheilen und vieles mehr. Zu seinem Team gehört auch seine Partnerin Francesca Conigliaro. Die Heilerin ist zuständig für die Fernheilung. Wer ein eigenes Foto und 150 Franken schickt, wird 14 Tage lang «behandelt». Dadurch sollen die Selbstheilungskräfte aktiviert und das Energiefeld wieder in Fluss gebracht werden.

Skeptiker sprechen von Tricks

Für Skeptiker sind Voggenhubers Botschaften aus dem Jenseits Sinnestäuschungen, Einbildungen oder Produkte seiner blühenden Fantasie. Nein, er vermittle authentische Informationen über die Verstorbenen, wehren sich seine Klienten. Dahinter stecke ein Trick, kontern die Kritiker, er wende die Methode des «cold reading» an, um Anhaltspunkte zu bekommen. Die «kalte Deutung» wurde von Trickkünstlern entwickelt, die im Variété Zuschauer mit Details aus ihrem Leben verblüfften. Mit geschickter Interviewtechnik und Beobachtung der Gesprächspartner tasten sie sich vor und kombinieren die Informationen zu neuen Erkenntnissen.

Für Voggenhuber sind dies Unterstellungen. Wenn er seine Klienten täuschen würde, wäre er ein Scharlatan. Genau dies formulierte der Schweizer Skeptiker-Verein auf seiner Website. Über seinen Anwalt verlangt das Medium nun, dass die Aussage gelöscht wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2013, 10:01 Uhr

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