Informative Spaziergänge durch Oberstrass

In Oberstrass wäre fast ein Atomwerk gebaut worden, hier fand das Wort «Putsch» Eingang in die Weltsprachen, und die Stolzewiese war ein Friedhof: Eine neue Spazierkarte erzählt.

Quartierhistoriker Ulrich Kolar am Sonntagssteig. Die Tafel erinnert an den Rebberg, den es einst am Kirchhang gab.

Peter Lauth

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Herr Kolar, Sie haben als Archivar des Quartiervereins Oberstrass zum 111- Jahr-Jubiläum die Informationen für den Oberstrassweg zusammengetragen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Ich habe immer in Oberstrass gelebt und bin seit 20 Jahren im Vorstand des Quartiervereins für unser Archiv zuständig. Seit ich mich erinnern kann, beschäftige ich mich mit der Geschichte des Quartiers und kenne die gesammelten Unterlagen wie meine Westentasche. Die Frage war also nicht, wie und wo komme ich zu Informationen, sondern: Welche wähle ich aus?

Und, wie haben Sie ausgelesen?
Ich habe mich gefragt, was würde ich als Insider einem guten Bekannten in Ober- strass zeigen? Bei der Auswahl habe ich darauf geachtet, eine gute Mischung von Geschichten oder Anekdoten rund um Bestehendes und Verschwundenes zu haben. Manchmal ist sogar etwas nie Realisiertes spannend.

Wie das?
Unterhalb der ETH wollte man 1958 das erste Schweizer Atomkraftwerk bauen. Die Abwärme sollte genutzt respektive in die Limmat geleitet werden. Damals war die Euphorie gross und Gefahren und Langzeitrisiken kaum ein Thema. Als helvetischer Kompromiss wurde der Reaktor schliesslich im Waadtland, nicht in Zürich gebaut. Zum Glück für uns: Der Atomreaktor Lucens wurde bei seiner Inbetriebnahme 1969 völlig zerstört und ist heute zubetoniert.

Wo hat Oberstrass tatsächlich eine Pionierrolle eingenommen?
Der Resiweiher oberhalb des Irchelparks war eines der ersten Pumpspeicherwerke der Schweiz. Das Wasser des Resiweihers wurde ursprünglich für das Pumpwerk am Letten gebraucht. 1882 wurde der Weiher aufgestaut, bei grosser Nachfrage wurde das Wasser ins Stadtzürcher Netz eingespeist, bei geringer Nachfrage wurde es wieder hochgepumpt. Von 1914 bis 1942 erzeugte das Wasser in Turbinen beim Strickhof Strom, später wurde der Weiher für Fischzucht genutzt. Als Kinder fuhren wir dort immer Schlittschuh – trotz Verbotsschild.

Auch die Stolzewiese war früher einmal ein Eisfeld.
In den 60er-Jahren wurde auf der Wiese, die während des Zweiten Weltkriegs ein Kartoffelacker war, Schlittschuh gelaufen. Von 1789 bis 1899 war die Stolzewiese der Friedhof von Oberstrass, bis die Zürcher 1927 beschlossen, dort eine Spiel-, Sport- und Erholungsanlage zu bauen. Das Gelände wurde terrassiert, die Gräber in den Friedhof Nordheim verlegt.

Wenn wir schon bei den Toten sind: Wer waren die prominentesten Bewohner von Oberstrass?
Die engagierte Sozialistin Rosa Luxemburg wohnte am Ende ihrer Studienzeit um die Jahrhundertwende an der Universitätstrasse 77, wo heute der Coop ist. Der irische Autor James Joyce schrieb 1918 an der Haldenbachstrasse 12 an seinem weltbekannten Roman «Ulysses», und Mileva Einstein, die wesentlich zur Relativitätstheorie ihres Gatten Albert beitrug, lebte von 1924 bis 1948 an der Huttenstrasse 62.

Auf welche architektonischen Highlights weist der Oberstrassweg hin?
Die Mehrfamilienhäuser an der Ottikerstrasse 18, 20 und 22 sind wunderbare Jugendstil-Zeitzeugen. In den 80er-Jahren war in einem der Häuser ein Privatklub, der als erste Adresse für ausschweifendes Nachtleben galt. Das Hotel Rigihof, dem 1930 eine Brauerei weichen musste, ist ein ausgezeichnetes Beispiel des historischen Bauhausstils, der mit klaren Fassaden und grossen Fensterflächen mit dem verspielten Jugendstil brach.

Im angrenzenden Gebäude ist der Gasthof Linde – welches ist seine Geschichte?
1510 wurde die Linde erstmals erwähnt als Bauernhof mit Weinausschank. 1803 kaufte ein Herr Ziegler das Gebäude. Weil er nur in der Altstadt ein Tavernenrecht besass, stellte er das Wirtshausschild von der Stüssihofstatt in Oberstrass auf. Als 1838 die Universitätstrasse fertiggestellt wurde, verlegte er den Eingang kurzerhand von der Culmann- an die Universitätstrasse. Böse Zungen nannten diese dann die Zieglersche Gefälligkeitsstrasse.

1839 war die Linde Ort eines gescheiterten Vermittlungsversuchs.
Reaktionäre, die unter anderem die obligatorische Schulpflicht und die Einschränkung der Kinderarbeit bekämpften, wollten gegen die fortschrittliche Regierung in der Stadt antreten. In der Linde sollte zwischen den beiden Lagern vermittelt werden – vergebens. An der anschliessenden Demonstration auf dem Münsterhof starben 15 Leute. Der Züriputsch vom Herbst 1839 ist aus sprachlichen Gründen in die Weltgeschichte eingegangen: Nach dem Zürcher Ereignis wurde das Wort Putsch zur internationalen Bezeichnung für Staatsstreiche.

Eine Tafel am Oberstrassweg bittet die Quartierbewohner um ihre Meinung zur Idee, den Weinbau am Hang der reformierten Kirche aufleben zu lassen.
Diese Idee ist bei einem Bier im Alten Löwen aufgekommen und hat uns seither nicht mehr losgelassen. Oberstrass war ein Rebbauerndorf, und die Vorstellung, am Oberstrassmäärt unseren Wein trinken zu können, ist bestechend. Bevor wir aber konkreter werden, möchten wir wissen, ob unser Wunsch im Quartier Rückhalt findet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.10.2008, 22:05 Uhr

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