Interview mit einer Göttin

Emma Mylan organisiert im Zürcher Mascotte-Club die erste Burlesque-Europameisterschaft. Wer ist diese Frau, die an ihrem grössten Tag Las Vegas verführte?

Manchmal ist Emma Mylan auch ein ganz normaler Mensch, der über Wiesen läuft. Fotos: Dominique Meienberg

Manchmal ist Emma Mylan auch ein ganz normaler Mensch, der über Wiesen läuft. Fotos: Dominique Meienberg

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Es gibt als Journalist einfachere Aufträge, als in die Erotikbranche einzutauchen. Nicht, weil man sich am lüsternen Knistern die Finger verbrennen könnte, sondern wegen der Kreaturen, die sich in diesem Milieu tummeln. Zum Beispiel der «italienische Hengst». Das ist kein Tier ­(zumindest zoologisch gesehen), das ist das Pseudonym des Pornostars Rocco Siffredi. Der war 2005 an der Erotikmesse «Extasia» als Gast angekündigt. Die ideale Steilvorlage, um «Mister 24 Zentimeter» (Selbstdeklaration) im Vorfeld ein paar – na ja, sagen wir: explizitere – Fragen zu stellen. Darauf jedoch hatte der Hengst nicht wirklich Bock, also hängte er nach kurzem Wiehern das Telefon auf.

Und nun, beim zweiten Mal, ist es also eine Göttin. Zumindest sagt das die Frau, die da im Mascotte-Haus im dünnen Morgenmantel vis-à-vis sitzt: «Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich eine Göttin.» Denn, fügt sie hinzu, sie möge es beim Burlesque lasziv, poetisch, sinnlich, der vulgäre Auftritt sei nicht ihr Ding, «ich habe es probiert, bei mir wirkt das grotesk, peinlich». Und all das auf nüchternen Magen. Wie gesagt, es gibt einfachere Jobs.

Die Strasse als Lebensschule

Doch es gibt auch schlimmere. Schliesslich ist Burlesque keine billig hingetanzte Peepshow in einer Schmuddelbar. Die Darstellerinnen (und Darsteller!) üben aufwendige Choreografien ein, schneidern sich opulente Verführungsroben, trainieren Hüftschwung und Wackelpo; die Etablissements, in denen sie auftreten, haben genauso viel Stil und Style wie das Publikum, vor dem sie performen ... und, last but not least: Die Burlesque-Gilde pflegt ein Erbe, ihre Sex-Appeal-Kunst hat Tradition, sogar im Mascotte (lesen Sie im grossen Abc noch mehr zur Szene). Doch dazu später mehr, erst einmal geht es jetzt zurück zur Frau im Morgenmantel.

Performte schon in der «Burlesque Hall of Fame» in Las Vegas: Emma Mylan.

Sie heisst Emma Mylan, auch jenseits des Scheinwerferlichts: «Meine Eltern haben mich Emmanuelle getauft, und Mylan ist der Nachname meines vietnamesischen Vaters.» Aufgewachsen ist die 32-Jährige in Paris. Cabarets, Striptease und Varietés à gogo, im berühmten Moulin Rouge steht gar ein Aquarium auf der Bühne, in dem sich nackige Meerjungfrauen räkeln, kein Wunder, sei sie beim Burlesque gelandet, vermutet der Reporter.

«Die Strasse wurde zu meiner Lebensschule, und ich war naiv genug, an Träume zu glauben.»Emma Mylan, Burlesque-Tänzerin

Sie lächelt mild, dann erzählt sie die tatsächliche Geschichte. Die Erzählung beginnt Ende der 90er-Jahre, fernab des glamourösen, romantischen, verführerischen Paris. Emma, die junge Rebellin, hat die Schule geschmissen, hängt mit Punks und Freaks ab, hüpft an illegalen Partys rum, fabriziert Feuershows. Als Kind habe sie die Welt oft als seltsamen, verstörenden Ort wahrgenommen – «und plötzlich sah ich, dass es Freiheit gab … die Strasse wurde zu meiner Lebensschule, und ich war naiv genug, an Träume zu glauben».

Eines Tages hört das Riot Girl, das mit elektronischem Sound aufgewachsen ist, alte Jazz-Aufnahmen. Ist hin und weg, taucht ein und ab in die Zeit vor unserer Zeit. Sie begegnet dem Blues, Swing und Rock ’n’ Roll, Tänzen wie dem Charleston und Lindy Hop, tollen und tollkühnen Kostümen, Filmen über die legendäre Revue-Show «Ziegfeld Follies» – und über allem thront die unvergleichliche Josephine Baker. «Es war ein Wahnsinnskontrast zur schnelllebigen, hochtechnisierten Realität, und ich spürte bald: Ich habe mich verliebt in diese andere Welt», so Mylan.

Als die Christen sangen

Und schliesslich wird dieser eine Traum, an den sie glaubt, wahr. Sie findet 2008 in einem neu eröffneten Genfer Cabaret eine Anstellung als Host und Art Director und kreiert und präsentiert in zwei Jahren über 1000 (!) Shows. Sie entdeckt ihr Tanztalent, gründet zwei Jahre später die erste Burlesque-Company der Romandie und wird im selben Jahr von Alfonso Siegrist, dem künstlerischen Leiter des Zürcher Mascotte-Clubs, beauftragt, in der Limmatstadt eine Burlesque-Show auf die Beine zu stellen. Das monatliche Programm heisst «Ohh! Lala! Chérie!», gezeigt wird es im Partnerclub Plaza.

Unabhängig davon entwickelt sie sich von einer guten zu einer aussergewöhnlichen Burlesque-Tänzerin (das behauptet nicht der Reporter, das sagen und schreiben Leute, die das beurteilen können), die 2014 als Belohnung auf dem grössten Stage ihrer Zunft performen und verführen darf: der «Burlesque Hall of Fame» in Las Vegas.

Dass Emma Mylan dank ihrem Renommee und Netzwerk die einzig richtige Person ist, um einen Event wie die «European Queen of Burlesque» auf die (sexy) Beine zu stellen, stand für Siegrist ausser Debatte. Sie wiederum freut sich, dass der Wettbewerb im Mascotte stattfindet: Zum einen hatte in den 1920er-Jahren Josephine Baker im geschichtsträchtigen Saal getanzt, zum anderen war das «Palais Mascotte» 1939 Schauplatz eines kleinen Skandals: Wie man in der NZZ nachlesen kann, versperrte eine Gruppe junger Christen den Eingang und sang lauthals fromme Lieder, um die Show der Erotiktänzerinnen Folies Bergère zu verhindern. Nachdem sich der Stadtrat die Show angesehen hatte, hob er das vom Polizeivorstand verhängte Auftrittsverbot auf – unter der Bedingung, dass die Tänzerin in Szene 8c einen Büstenhalter anzieht.

Eine Stunde ist um, die Göttin gähnt. Was sie tue, wenn sie aus der Burlesque-Welt hinaustrete, also zu einem gewöhnlichen Menschen werde, lautet die letzte Frage. Sie strahlt: «Dann gehe ich raus in die Natur. Ohne Make-up, High Heels und Fummel durch Wälder und Wiesen zu laufen, das ist das Schönste überhaupt, die pure Energie!»

Erstellt: 14.11.2019, 07:14 Uhr

European Queen of Burlesque

Der Auftakt zur Burlesque-Europameisterschaft im Mascotte mit der Crème de la Crème der Szene findet am kommenden Samstag um 19.30 Uhr statt (Weitere Daten: 14. Dezember, 18. Januar, 8. Februar, 14. März und 18. April). In jeder Vorrunde treten fünf Tänzerinnen oder Tänzer auf, die jeweiligen ­Sieger schaffen es in den Final vom 16. Mai. Emma Mylan und ihr Juroren-Team haben für den erstmals durchgeführten Contest eine Bewertungsskala ausgetüftelt, mit der auch unterschiedliche Darbietungsarten einheitlich und somit «fair» beurteilt werden können. (thw)

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