Ist Corine Mauch amtsmüde? Oder ehrlicher als andere Politiker?

Täglich gebe es Momente, in denen sie ihre Wahl zur Stadtpräsidentin bereue, sagte Corine Mauch. Die FDP legt ihr darum nahe, sich einen Wechsel zu überlegen.

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Ob es Momente gebe, in denen sie die Wahl zur Stadtpräsidentin bereue, wollte TA-Redaktor René Donzé von seinem «Stadtalk»-Gast Corine Mauch wissen. «Ja, die gibt es täglich», sagte die SP-Politikerin und lachte. Genauso wie das Publikum in der Winterthurer Coalmine. Gar nicht amüsiert zeigt sich Michael Baumer,Präsident der städtischen FDP. Jedermann kenne im Beruf negative Momente. «Mich erstaunt aber sehr, dass Corine Mauch jeden Tag solche Augenblicke erlebt», sagt Baumer. Sie müsse sich deshalb überlegen, ob sie die richtige Besetzung als Stadtpräsidentin sei. SVP-Fraktionspräsident Mauro Tuena sagt, Mauchs Worte zeigten, dass sie nicht in ihrem Amt angekommen sei.

«Eine ironische Bemerkung»

Die Vorgänger Mauchs mochten die «Stadtalk»-Äusserungen vom Donnerstagabend nicht bewerten. Er sei kein «schulterklopfender Onkel und auch kein Wadenbeisser», sagt Josef Estermann (SP). Thomas Wagner (FDP) meinte gegenüber Radio 24 bloss, dass die Aufgabe als Stadtpräsident anspruchsvoll sei, und er diese Rolle als spezielles Privileg erlebt habe. Elmar Ledergerber (SP) war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Politikexperte Andreas Ladner glaubt, dass Mauch wegen ihres harzigen Starts angreifbarer geworden ist. Vor diesem Hintergrund sei es leicht, jeden Fehler zu dramatisieren.

Corine Mauch wehrt sich gegen den Vorwurf, sie sei amtsmüde. «Ich bin sehr gerne Stadtpräsidentin von Zürich und habe dies im «Stadtalk»-Gespräch auch mehrfach klar zum Ausdruck gebracht.» Was jetzt aus dem Zusammenhang gerissen dargestellt werde, sei nicht mehr als «eine ironische Bemerkung» im Rahmen eines längeren Gesprächs gewesen. «Etwas anderes konstruieren zu wollen, ist Blödsinn.» Sie hoffe, dass es in Zürich auch in Zukunft eine Portion Ironie vertrage.

In welchen Situationen sagt Mauch zu sich, «Stadtpräsidentin zu sein, ist mein Traumjob»? Das denke sie täglich. Sie wünsche sich keine andere Aufgabe, das Präsidialdepartement sei ihr Wunschdepartement. Im Jahr 2014 werde sie darum selbstverständlich als Stadtpräsidentin wieder zur Wahl antreten.

Min Li Marti, Fraktionspräsidentin der SP im Gemeinderat, spricht von einem «Sturm im Wasserglas». Die Aussage Mauchs sei aus dem Zusammenhang gerissen. Die Stadtpräsidentin arbeite 80 bis 90 Stunden pro Woche; das Amt sei anstrengend. Das hätten auch ihre Vorgänger Estermann und Ledergerber gesagt, die beide gesundheitliche Probleme bekamen: Estermann litt an einer Hautkrankheit, Ledergerber hatte mehrere Gehörstürze.

Mehr Einsatz als Ledergerber

Sie habe auf keine Weise das Gefühl, dass Mauch leide, sagt Marti. Sie fülle die Rolle einfach anders und zurückhaltender aus als ihr Vorgänger Elmar Ledergerber. Auch SP-Gemeinderat Mark Richli hat keine Anhaltspunkte dafür, dass Mauch ihr Amt nicht gefällt. Er kann ihre Aussage nachvollziehen. «Sie arbeitet sehr viel.» So besuche sie regelmässig die Sitzungen der Kommission, die sich um ihr Departement kümmere. «Das konnte man von ihrem Vorgänger Elmar Ledergerber nicht behaupten.»

Aus dem links-grünen Lager kommt aber auch Kritik. Mauch habe sich selbst zuzuschreiben, dass sie sich hin und wieder überlastet fühle. Sie wolle alle Erwartungen erfüllen und könne sich schlecht abgrenzen, sagen Politiker, die ungenannt bleiben wollen. Mauch wird aber auch Dossierkenntnis attestiert. Sie setze sich viel stärker für das ihr unterstehende Kulturressort ein als Elmar Ledergerber, der sich weitgehend aufs Repräsentieren beschränkt habe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2011, 22:42 Uhr

Ist seit Mai 2009 Zürcher Stadtpräsidentin: Corine Mauch. (Bild: Keystone )

Corine Mauchs Aussage im Wortlaut

Moderator: Frau Mauch, Sie haben die Wahl ins Präsidium vor zwei Jahren geschafft. Gab es Momente, in denen Sie die Wahl bereuten?
Corine Mauch: Ja, die gibt es täglich. (lacht)

Warum?
Ich glaube, das ist wie bei jedem Beruf und allem, was Sie machen. Beispielsweise nach den Weihnachtsferien, in denen man sich zurückziehen, etwas anderes machen konnte. Und wenn es wieder losgeht, geht es allen gleich. Man findet, es gibt wohl noch etwas anderes im Leben. Das ist völlig normal. Grundsätzlich muss ich sagen, es war ein strenger Einstieg. (...) Ich brauchte eine Zeit, um hineinzuwachsen. Manchmal werde ich gefragt, ob es so sei, wie ich mir das vorgestellt habe. Dann antworte ich, dass ich mir im Vorfeld keine Vorstellungen darüber gemacht habe, wie es sein könnte. Ich vergleiche das mit Leuten, die das erste Mal ein Kind bekommen. (...) Da höre ich oft: «Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist, ein Kind zu haben. Wenn man es einmal hat, will man es nicht mehr hergeben.» Etwa so ergeht es mir mit dem Stadtpräsidium (lacht).

Es gibt also Momente ...
Ja, wo es einfach sehr anstrengend ist, auch vergleichbar mit Kindern. (...) Bei diesem Amt bezahlt man einen Preis.

Welches ist der gewichtigste Preis?
Der gewichtigste Preis für mich ist ein mehr oder weniger totaler Verlust der Autonomie, der Zeitautonomie. Und auch der Anonymität. Meine Agenda ist auf mehrere Monate hinaus durchstrukturiert. Das Pensum ist enorm. Das Leben besteht eigentlich aus dem Amt. (...) Ich bin ein sehr spontaneitäts- und freiheitsliebender Mensch. Das ist für mich der gewichtigste Preis, den ich bezahlen muss.

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