«Jemand will mir bös»

Der Historiker Philipp Sarasin wehrt sich gegen die Vorwürfe, seine Lebensgefährtin zur Professorin an der Universität Zürich gemacht zu haben. Sie seien erst nach ihrer Anstellung ein Paar geworden.

«Svenja Goltermann und ich sind hierarchisch gleichgestellt. Eine Beziehung ist kein Problem», sagt Philipp Sarasin. Foto: Sophie Stieger

«Svenja Goltermann und ich sind hierarchisch gleichgestellt. Eine Beziehung ist kein Problem», sagt Philipp Sarasin. Foto: Sophie Stieger

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Die Vorwürfe, welche die «Weltwoche» in zwei Artikeln gegen den Zürcher Geschichtsprofessor Philipp Sarasin aufführt, sind happig: Sarasin soll mit Svenja Goltermann seine Lebensgefährtin als Professorin an die Uni Zürich geholt haben. Goltermann trat ihre Zürcher Professur 2012 an, sie und Sarasin sind seit Sommer 2013 ein Paar.

Doch das Verhältnis, sagt die «Weltwoche» unter Berufung auf anonyme Quellen, habe viel früher begonnen. Sarasin hätte deshalb während des Berufungsverfahrens in den Ausstand treten sollen, so handle es sich um «Beziehungskorruption».

Haben Sie vor oder während des Berufungs­verfahrens, in dem Svenja Goltermann zur Professorin gekürt wurde, eine intime ­Beziehung mit ihr gehabt?
Eine völlig falsche Behauptung. Ich kenne Svenja Goltermann von zwei Tagungen in Bielefeld, die 1997 und 1998 stattfanden. Von da an bis zum Start des Berufungsverfahrens begegneten wir uns etwa dreimal. Einmal hielt sie einen Vortrag in Zürich, einmal habe ich ihr einen Sonderdruck einer meiner Aufsätze geschickt. Das war eine rein berufliche Beziehung, wie man sie mit vielen Kolleginnen und Kollegen pflegt. Mehr nicht.

Wann begann das private Verhältnis?
Im Sommer 2013. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Das ist privat.

Forschten Sie vorher zusammen?
Nie. Wir haben weder zusammen publiziert, Tagungen veranstaltet noch Drittmittel organisiert. Svenja Goltermann forschte in Bielefeld zum Thema Nationalismus. Danach arbeitete sie in England, Bremen und Freiburg. Wir hatten keinen engen beruflichen Kontakt.

Reichte diese Bekanntschaft aus, dass Sie im Berufungsverfahren in den Ausstand hätten treten sollen?
Bei weitem nicht. Die Bedingungen dafür sind klar festgelegt: Es braucht eine enge private Beziehung oder eine vertiefte berufliche Zusammenarbeit. Von beiden Fällen waren Svenja Goltermann und ich weit entfernt. Dass man in den Berufungsverfahren die guten Leute von Tagungen her kennt, kommt in jedem spezialisierten Fachgebiet häufig vor.

Wie geht man da mit Sympathien und Antipathien um?
Das läuft wie überall auf der Welt. Es gibt sie, man kann sie nie vollständig ausschliessen. Wie auch?

Der TA hat sich umgehört: Mehrere Mitarbeiter an Ihrem Institut kennen das Gerücht, dass Ihre Beziehung schon früher begonnen habe.
Wenn zwei Professoren am gleichen Institut eine private Beziehung eingehen, fällt das auf. Und logisch reden die Leute darüber. Aber dass solche hinterhältige, falsche Gerüchte in Umlauf kommen, hätte ich nie gedacht. Sie sind brutal gelogen, übelste Nachrede. Jemand will mir oder Frau Goltermann bös.

Hatten Sie Bedenken, sich mit ­einer Arbeitskollegin auf eine Liebesbeziehung einzulassen?
Dürfen wir das denn nicht? Beziehungen in hierarchischen Verhältnissen sind problematisch. Aber Svenja Goltermann und ich sind absolut gleichgestellt, wir können uns gegenseitig nichts befehlen, sind beruflich nicht voneinander ab­hängig. Da sehe ich kein Problem.

Haben Sie Frau Goltermann als neue Professorin vorgeschlagen?
Das kann ich gar nicht. Solche Stellen schreibt die Universität international aus. Svenja Goltermann bewarb sich im Februar 2010 als eine von 111 Interessenten. Sie war schon damals eine bekannte Historikerin, 2008 bekam sie für ihre Habilitation einen wichtigen Preis. Es ist völlig normal, dass sie sich auf diese Stelle meldete.

Haben Sie Svenja Goltermann als persönliche Favoritin gefördert?
Es ist eine absurde Behauptung, dass ich Frau Goltermann im Alleingang zur Professorin hätte machen können. Die Berufung ist ein aufwendiges, langwieriges Verfahren voller Checks und Kontrollen. In der Kommission sitzen 12 bis 15 Mitglieder, mehrheitlich Professoren, dazu Vertreter der Studierenden und Assistenten sowie Experten von anderen Universitäten. Sie alle vertreten ihre eigenen wissenschaftlichen Vorlieben. Alles wird sorgfältig protokolliert, die Favoriten müssen an der Uni einen öffentlichen Vortrag halten. Am Schluss entscheiden die Universitätsleitung und der Unirat. Es ist eine bösartige Unterstellung, dass ein derart sorgfältig abgesichertes Verfahren eine Bevorzugung zulassen würde, wie sie mir angedichtet wird.

Doch als angesehener Professor zählt Ihr Wort wohl viel.
Das stimmt, weil ich die Qualifikationen dank meiner Fachkenntnis gut zu beurteilen vermag. Doch das heisst nicht, dass ich oder jemand anders einfach seinen Buddy durchbringen könnte.

War Frau Goltermann umstritten?
Solche Verfahren lösen immer Diskussionen aus, die Uni ist ja keine Schraubenfabrik. Aber Frau Goltermanns Probevortrag hat das Publikum am stärksten überzeugt. Das Echo fiel eindeutig aus, ihr wissenschaftlicher Leistungsausweis sprach für sie. Die Kommission hat sie einstimmig zur Favoritin gekürt. Es war ein klarer Entscheid. Das hätte ich niemals so beeinflussen können.

Frau Goltermanns Profil wich von dem ihres Vorgängers Carlo Moos ab. War das ein Problem?
Die Neuausschreibung eines Lehrstuhls bedeutet immer auch eine gewisse Neuausrichtung. Man will nicht ständig das Gleiche machen. Frau Goltermann passte ins neue Profil.

Carlo Moos forschte auch über die Schweiz, was Frau Goltermann nicht tut. War das kein Kriterium?
In diesem Fall nicht.

Warum? Ein wiederkehrender Vorwurf gegen das historische Seminar lautet, dass die Schweizer Geschichte zu kurz kommt.
Setzt man bei Ausschreibungen einen starken Schweizbezug voraus, schrumpft das Kandidatenfeld auf verhältnismässig wenige Leute zusammen. Wer eine Uni mit internationalem Profil und international angesehenen Forschern will, kann den Schweizbezug nicht bei jeder Professur verlangen. Ausserdem arbeiten sich die meisten Professoren ein, sobald sie hier lehren. Bei uns forschen viele Studierende und Doktorierende zu Themen aus der Schweizer Geschichte, das beweist die öffentliche Liste der Abschlussarbeiten und Dissertationen.

Ein anderer Vorwurf lautet, dass die Meinungsvielfalt am historischen Seminar zu klein ist: Die Linke ­dominiere, viele Professoren ­verfolgten einen ähnlichen Ansatz wie Sie.
Wenn ich meine Kollegen wäre, würde ich mich ärgern über diesen Vorwurf. Sie arbeiten alle unabhängig. Warum sollten sie auf mich hören und meinen Ansatz übernehmen? Wir vertreten am historischen Seminar teils völlig gegensätzliche Positionen, stehen in wissenschaftlicher Hinsicht – auf kollegiale Weise – weit weg voneinander.

Gibt es am historischen Seminar konservative Professoren?
Von vielen Kollegen weiss ich nicht, wo sie politisch stehen. Das ist kein Thema, auch bei Berufungen nicht. Natürlich arbeiten wir Historiker in einem politischen Feld. Aber wir machen keine Parteipolitik, ich bin auch nicht Mitglied in einer Partei. Klar ist, dass wir heute andere Fragen stellen als die Generation unserer Grossväter.

Frau Goltermann verfolgt allerdings einen ähnlichen Ansatz wie Sie.
Wir teilen gewisse theoretische Grundlagen, arbeiten beide in der Wissens­geschichte. Thematisch unterscheiden wir uns aber stark.

Warum haben Sie nicht auf die Fragen der «Weltwoche» geantwortet und versucht, die Publikation des zweiten Artikels zu verhindern?
Die «Weltwoche» hat schon mehrmals sehr schlecht über mich geschrieben. Der Seminarvorsteher Sebastian Scholz hat die Vorwürfe an meiner Stelle klar dementiert. Erst dachte ich, dass sich die Sache nach dem ersten Artikel verlaufe. Als ich dann vom zweiten Artikel hörte, musste ich handeln. Derart verletzende Lügen kann man nicht stehen lassen. Deshalb haben ich und Frau Goltermann die «Weltwoche» wegen Ehr- und Persönlichkeitsverletzung eingeklagt.

Was sagt Svenja Goltermann dazu?
Für sie ist es besonders schlimm. Die Artikel reduzieren sie auf den Status der Geliebten. Ihr wird unterstellt, dass sie es nur dank dem Einsatz ihres Körpers zur Professorin schaffte. Das ist extrem sexistisch. In Deutschland wäre es nicht denkbar, dass man sie in einer solchen Geschichte mit Namen und Foto auf einem Titelbild exponiert. Wer sie im Internet sucht, stösst nun zuerst auf diese Artikel. Dabei hat sie sich nichts zuschulden kommen lassen. Sie wurde auf übelste Weise diffamiert.

Die SVP fordert eine Untersuchung der Vorfälle. Wie sehen Sie das?
Dieser Entscheid liegt bei der Universitätsleitung und der Politik. Ich fürchte mich nicht vor einer Untersuchung, ich habe überhaupt nichts zu verstecken.

Erstellt: 10.10.2014, 23:04 Uhr

Reaktionen

SVP will Professur neu vergeben

Von Berufskollegen und der Universität Zürich erhalten Philipp Sarasin und Svenja Goltermann volle Rückendeckung. Die Universität hat das Berufungsverfahren aufgrund der Vorwürfe intern untersucht. Es sei korrekt durchgeführt worden, teilte eine Sprecherin dem TA mit. Die Aussagen von Philipp Sarasin halte man nach den Abklärungen für glaubwürdig, es bestehe kein Anlass für Zweifel. Auch der zurücktretende Geschichts­professor Jakob Tanner nennt die Vorwürfe an Sarasin «frei erfunden».
Die SVP bezeichnet die Version der «Weltwoche» dagegen als «unumstössliche Tatsache». In einer Interpellation, die sie am übernächsten Montag im Kantonsrat ein­reichen wird, fordert sie, dass die Professur von Svenja Goltermann neu ausgeschrieben wird. Die Universität soll unter die Aufsicht des Gesamtregierungsrates gestellt werden, damit solche «Skandale» nicht mehr passieren. Die grüne Kantonsrätin und Universitätsspezialistin Esther Guyer hält eine Unter­suchung mit dem derzeitigen Wissen für unnötig. «Die SVP betrachtet Philipp Sarasin als Intimfeind, für mich sieht das nach einer politischen Kampagne aus.» (bat)

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