Jens Gloors Freunde fühlen sich von ihm hintergangen

Ex-Nervous-Bar-Betreiber Jens Gloor hat in Zürich einen Schuldenberg von rund 200'000 Franken hinterlassen – etliche Gläubiger waren Freunde. Nun betreibt Gloor in Brasilien ein Guesthouse.

Viele Altlasten: Jens Gloor (links, mit seinem Lebenspartner Carlos Garotta).

Viele Altlasten: Jens Gloor (links, mit seinem Lebenspartner Carlos Garotta). Bild: Peter Lauth

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Jens Gloor hat im Streit um seine geschlossene Nervous-Bar in Wiedikon mit Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) landesweit für Schlagzeilen gesorgt. Nun betreibt er mit seinem Lebenspartner an der brasilianischen Küste ein Guesthouse – und all die Freunde, die ihm damals finanziell unter die Arme gegriffen hatten, können sich das Geld abschreiben. Einer von ihnen ist Hugo Hack. Der selbstständige Informatik-Ingenieur ETH ist sauer und enttäuscht, seit er vor rund einem Monat im «Tages-Anzeiger» gelesen hat, dass Jens Gloor und sein Lebenspartner Carlos Garotta von der Stadt Zürich eine Abfindung in sechsstelliger Höhe erhalten haben. «Jetzt betreiben sie in Búzios bei Rio de Janeiro am Strand ein Guesthouse. Und wir, die ihn unterstützt haben, gehen leer aus.»

Hack hatte Gloor im Zusammenhang mit dem Schicksal der Rheintaler Findelhündin Funny via Facebook im Jahr 2009 kennen gelernt. Der Tierfreund und Hundebesitzer Gloor protestierte mit anderen Leuten dagegen, dass das herrenlose Tier auf Verfügung der Behörde der Stadt Altstätten vom Wildhüter erschossen wurde.

Spendenaufruf für Gloor

In der Folge unterstützte Hugo Hack den um seine Existenz kämpfenden Gloor mit rund 15'000 Franken. Hack war nicht der Einzige, der Gloor und seinem Lebenspartner mit Geld und Fronarbeit aushalf. Ein Freund aus Gloors Umfeld hatte einen Spendenaufruf gestartet. Gut ein halbes Dutzend Gönner hätten Gloor und Garotta finanziell unterstützt, sagt Hack. Andere halfen von sich aus. Vom Geld haben die meisten nie mehr etwas gesehen. Sein Engagement nennt Hack eine Mischung aus Investition, Goodwill und Dummheit.

Zur Erinnerung: Gloor und Garotta waren nach der behördlichen Schliessung der Nervous-Bar im November 2008 finanziell am Ende und verstrickten sich in einen Streit mit der Stadtpräsidentin. Die Stadt und Gloor einigten sich im Juli 2011 aussergerichtlich. Die Stadt zahlte eine Entschädigung, über deren Höhe Stillschweigen vereinbart wurde. Trotzdem brach Gloor Mitte August 2012 das Versprechen. Er schrieb auf seinem Blog, dass Zürich ihm einen sechsstelligen Betrag bezahlt habe, laut TA-Recherchen sind es hunderttausend Franken.

Gloors Projekte scheiterten

Schon zwischen Februar und September 2010 hatten die städtischen Sozialen Dienste den beiden ehemaligen Bar-Betreibern die Miete für ihre Wohnung von monatlich 1170 Franken bezahlt. Auch auf diese Unterstützung kommt Gloor in seinem Blog zurück: «Ausserdem hat das Sozialamt zu unseren Gunsten einen fünfstelligen Betrag ausgegeben, obschon wir nie einen Antrag auf Sozialhilfe stellten – nachdem wir gedroht hatten, nach Rausschmiss aus unserer Wohnung mit unseren Möbeln direkt in die Halle der Stadtverwaltung zu ziehen.»

Nach dem Flop der Nervous-Bar und dem Konkurs seiner PR-Firma wollte Gloor in Zürich ab Herbst 2010 ein Guesthouse-Konzept verwirklichen. Hack: «Ich zahlte ihm die Kaution für zwei Wohnungen.» Gloor wollte sie als Langzeitzimmer vermieten. Für Handwerker, die für ein oder zwei Monate auf Montage in Zürich weilten, oder auch für Studenten. Gloor mietete die Wohnungen an der Seestrasse im Seefeld und an der Staubstrasse in Wollishofen. In einem Zimmer der Wohnung an der Staubstrasse lebte auch Gloor zusammen mit seinem Lebenspartner. Hack: «Der Bedarf für das Guesthouse war vorhanden, aber Gloor hat sich mit allen zerstritten.» Ähnlich verlief es mit dem geplanten Snack-to-go-Betrieb, ein Catering an Messen und Veranstaltungen – für die Hack die Zuckerwattenmaschine finanzierte. Das Geschäft kam nicht über die ersten Runden, «weil Gloor manchmal einfach nicht an die Messen ging», wie Hack sagte.

Im November 2010 wollte Gloor ein Projekt für «Budget-Reisende» mit dem Betreiber des ehemaligen Hotels Atlantis im Triemli realisieren. Aber auch hier kam es zum Zerwürfnis mit dem Betreiber. Heute sind dort Studenten einquartiert. Auch der Verkauf ihres früheren Übernachtungsangebots Sleepinzurich.ch an das Hotel Plattenhof scheiterte – ebenfalls wegen Geldstreitigkeiten.

Musste Wohnungen räumen

Im Februar 2011 setzten sich Gloor und sein brasilianischer Lebenspartner nach Brasilien ab. Zurück liessen sie die beiden Guesthouse-Wohnungen, welche Hack und eine weitere ehemalige Freundin von Gloor zuerst weiterführten und später räumen mussten. Jetzt befinden sich die Möbel in einem Lagerraum im Kanton Thurgau. Inzwischen ist Hack klar geworden, warum der «Propaganda-Künstler» Gloor und Carlos Garotta nach Brasilien abgereist sind: Es war nicht der Ärger über den «Polizeistaat Schweiz» oder die Stadt Zürich, wie Gloor in seinen Mails und in seinem Blog immer wieder betonte, sondern es war eine Flucht vor den Schulden und der angedrohten Haft. Denn Gloor hatte etliche Bussen nicht bezahlt, die in Haftstrafen umgewandelt würden.

Laut Hack belaufen sich Gloors Schulden auf rund 200'000 Franken. Gut die Hälfte sind Gelder, welche Gloor von seinen damaligen Freunden erhalten hat. Der Rest sind offene Rechnungen von Behörden, privaten Firmen und Kleingewerblern. Hack zeigt auf die vielen Mahnungen und Betreibungen, die er in mehreren Ordnern abgelegt hat. Sie reichen von unbezahlten Tierarztkonsultationen für Gloors Hund, Krankenversicherungsbeiträgen bis hin zum Stromverbrauch. Die Rechnungen waren dem landesabwesenden Gloor an seine Adresse an der Staubstrasse zugestellt worden – dort, wo er das von Hack mitfinanzierte Guesthouse geführt hatte.

Nicht nur Hack sieht sich von Gloor hintergangen, auch eine andere Person, die ihm früher nahestand, fühlt sich «verseckelt». Hack: «Gloor hat viele gute Freunde sehr enttäuscht.» Gloor wollte sich zu Vorwürfen und seinem Schuldenberg nicht äussern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2012, 07:46 Uhr

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