Jetsetterin Christine Vögeli muss aus städtischer Wohnung

Nach Ex-Gemeinderätin Hedy Schlatter und Nationalrat Daniel Vischer zieht eine weitere prominente Person aus einer städtischen Wohnung. Die Gründe.

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Die Wohnung ist etwas dunkel und liegt gleich neben der Waschküche im 2. Stock. Ausserdem sind Küche und Bad nicht auf dem neuesten Stand. Doch die neue Mieterin oder der neue Mieter wird gerne darüber hinwegsehen. Denn die Sicht auf die Limmat und den Hafenkran ist exklusiv. Zudem ist die Miete von 1429 Franken inklusive 150 Franken Nebenkosten für die privilegierte Lage an der Schipfe 39 günstig. Die ruhige und 56 Quadratmeter grosse 1½-Zimmer-Wohnung gehört der Stadt. Sie verlangt eine Kostenmiete, will also keinen Gewinn erwirtschaften. Besichtigungstermin ist nächsten Dienstag um 12 Uhr, die Wohnung kann sofort bezogen werden.

Die künftige Mieterschaft wird eine bekannte Vorgängerin und prominente Nachbarn haben. Bisher wohnte Jetsetterin Christine Vögeli hier, die nun Schnell heisst. Vor einem Jahr hat sie den früheren Promi-Zahnarzt John Schnell geheiratet, der sie somit – wie er sagte – um «ein paar Millionen reicher» machte. Und im selben Gebäudekomplex wohnen unter anderen CVP-Nationalrätin Kathy Riklin und Opernstar Noëmi Nadelmann.

Maximaleinkommen 5700 Franken

Dass die Wohnung nun auf den Markt kommt, ist Hedy Schlatter zu verdanken. Anfang Jahr machte der «Tages-Anzeiger» publik, dass die damalige SVP-Gemeinderätin eine günstige städtische Wohnung mit Seesicht in Wollishofen mietet, obwohl sie mehrfache Millionärin ist und ihre Steuern in Uster zahlt. Dieser Umstand legte den Fokus auf Wohlhabende, welche kostengünstige Apartments der Stadt an begehrten Lagen bewohnen. Die «Weltwoche» nannte bald darauf weitere Namen.

Diese einkommensstarken Mieter mussten und müssen nun damit rechnen, dass sie von der Liegenschaftenverwaltung der Stadt kontaktiert werden. Sie geht Hinweisen nach, wenn die anfänglichen Mietbedingungen nicht (mehr) eingehalten werden. In Wohnungen zur Kostenmiete dürfen nicht weniger Personen leben als die Anzahl Zimmer minus eins. Zudem muss das Verhältnis von Einkommen zu Miete «angemessen» sein. Das bedeutet, dass das steuerbare Einkommen nicht höher ist als das Vierfache des Bruttomietzinses, also der Miete inklusive Nebenkosten. Für die ausgeschriebene Wohnung an der Schipfe 39 beträgt das Maximaleinkommen folglich 5700 Franken im Monat.

Jagd auf reiche Mieter

Gemäss Recherchen des «Tages-Anzeigers» war die Liegenschaftenverwaltung des zuständigen Stadtrats Daniel Leupi (Grüne) in den letzten Monaten sehr aktiv. Zahlreiche Personen wurden angegangen – viele mehr als nur jene Promis, die in den Medien Erwähnung fanden.

Doch die Stadt hat derzeit keine konkrete Handhabe, weil die Vermietungsrichtlinien nur bei Mietantritt gelten. Das hat der Gemeinderat 1995 so entschieden. Anders als bei direktsubventionierten Wohnungen überprüft die Stadt also nicht, ob sich die Einkommensverhältnisse der Mieter ändern.

Neue Mietrichtlinien in der Pipeline

Das könnte sich bald ändern. Das Departement Leupi hat neue Richtlinien formuliert. Die Stadtregierung ist bereits informiert, die Vorlage aber noch nicht bereinigt. Die neue Vermietungspraxis soll im vierten Quartal in den Gemeinderat kommen.

Wie viele reiche Mieter von der Liegenschaftenverwaltung kontaktiert wurden, gibt die Stadt nicht bekannt. Ebenso wenig die Zahl derjenigen, die reagiert haben und ausziehen oder ausgezogen sind. Publik ist bis heute, dass der grüne Nationalrat Daniel Vischer beschlossen hat, nach fast 30 Jahren in der Riedtli-Siedlung auszuziehen und sich eine Eigentumswohnung in der neuen Überbauung Guggach zu kaufen. Auch Hedy Schlatter wird ihre Wohnung an der Seestrasse verlassen.

Erstellt: 10.07.2014, 14:01 Uhr

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