«Jetzt kommen Stimmen, die mich für meinen Model-Job angreifen»

Die grüne Nationalratskandidatin Tamy Glauser über ihren Promibonus, ihren Grossvater und die Kritik an ihrem Job.

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Frau Glauser, gab es einen Schlüsselmoment, der Sie politisiert hat?
Nein, eher hat mich mein Sinn für Gerechtigkeit politisiert. Den hatte ich schon als Kind.

Gerechtigkeit bedeutet für alle etwas anderes. Was für Sie?
In einer gerechten Gesellschaft haben alle die gleichen Rechte.

Wofür wollen Sie sich als Nationalrätin einsetzen?
Eines meiner wichtigsten Themen, das eigentlich für alle eines der wichtigsten Themen sein müsste, ist das Klima. Da haben wir nicht mehr viel Zeit, um griffige Massnahmen zu erarbeiten. Jetzt kommen die Stimmen, die mich wegen des Fliegens für meinen Modeljob angreifen.

Diese Frage hätte ich auch gestellt. Was erwidern Sie?
Dass man sich vor allem auch über Ernährung informieren sollte. 28 Prozent der CO2-Emissionen werden durch die Ernährung, sprich den Fleischkonsum verursacht. Der Verkehr verursacht gerade mal 12 Prozent. Trotzdem beschweren sich alle nur über das Fliegen. Ich esse vegan, und wenn ich mal fliege, kompensiere ich es auf Mycli­mate. Ich kaufe keine neuen Kleider und wohne auf kleinem Raum. Die, die sich beschweren, sollen erst mal das nachmachen. Ich möchte mich aber auch für Gleichberechtigung einsetzen – in beiden Teilen.

«Ich kaufe keine
neuen Kleider
und wohne
auf kleinem Raum.»
Tamy Glauser, Model

Welche meinen Sie?
Ich werde mich für die LGBTI+ Community engagieren, weil ich selber Teil davon bin. Es scheint mir absurd, dass ich deswegen weniger Rechte habe als andere. Anders sexuelle müssen Zugang zur Adoption, zur Fortpflanzungsmedizin und zur Ehe haben. Dazu bin auch noch eine Frau, und ich kann es kaum fassen, dass es strukturell immer noch so ist, dass Frauen weniger verdienen für die gleiche Arbeit.

Werden Sie dafür streiken?
Ich gehe am 14. Juni auf die Strasse. Ich habe keinen Nine-to-five-Job. Wenn ein Auftrag reinkäme, würde ich ihn absagen.

Ihr Grossvater war der Historiker und SVP-Nationalrat Walther Hofer: Haben Sie Ihr Politgen von ihm geerbt?
Ja, das ist sicher nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Meine Tante, die Politjournalistin ist, sagte mal, ich würde denken wie er. Wir machen ähnliche Gedankengänge, auch wenn wir sie parteipolitisch anders interpretieren. Er hatte denselben Gerechtigkeitssinn, war ein sehr reflektierter Mensch. Die SVP war damals eine andere Partei.

«Ich hoffe, dass die Grünen mit mir noch mehr Diversität auf die Liste bringen»: Tamy Glauser im Video. (Video: SDA)

Wäre Ihr Grossvater heute auch für die Ehe für alle?
Er hat nicht mehr erfahren, dass ich homosexuell bin. Ich glaube, er hätte darauf ähnlich reagiert wie mein Vater. Der sagte, ihm gehe es gleich, er fände Frauen auch viel besser als Männer. Ich wünschte, mein Grossvater würde mitkriegen, was passiert. Ich bin mir sicher, er wäre stolz.

Sie wären die erste National­rätin aus der Schönheits­industrie. Was reizt Sie am trockenen Politbusiness?
Ich empfinde es nicht als trocken. Ich habe in der Fashionwelt viel erreicht, jetzt hat sich meine Motivation verändert, ich bin älter geworden. Ich fand Gefallen an der Politik, bewegte mich immer mehr in diese Richtung. Dass es so schnell gehen würde, hätte ich nicht gedacht. Es war nicht von langer Hand geplant.

«Ich will die Schweiz weiterbringen, 
vielleicht sogar zum internationalen Vorbild 
machen.»
Tamy Glauser, 
Nationalratskandidatin

Warum gerade die Grünen, warum nicht die GLP?
Ich habe die grüne Nationalrätin Sibel Arslan am Swiss Diversity Award kennen gelernt, und wir haben begonnen, über Politik zu reden. Irgendwann sagte sie: «Hey, du musst in die Politik.» Sie lud mich ins Bundeshaus ein, und dann kam eins zum anderen. Auch wenn sich «grünliberal» gut anhört, ich identifiziere mich stärker mit dem Parteiprogramm der Grünen. Es hat von Anfang an Sinn gemacht.

Sie und die Partei profitieren von Ihrer Berühmtheit. Haben Sie kein schlechtes Gewissen denen gegenüber, die die politische Ochsentour hinter sich haben?
Ich glaube, den Grünen ist klar, dass das für mich keine One-Woman-Show ist. Ich will die Schweiz weiterbringen, vielleicht sogar zum internationalen Vorbild machen. Ausserdem kann ich vielleicht Leute bewegen, die nicht politisch sind, die jetzt noch nicht wählen. Das ist meine Hoffnung. Und das erreiche ich vielleicht sogar, wenn ich nicht gewählt werde.

Wo soll die Schweiz zum internationalen Vorbild werden?
Wir haben die Infrastruktur und das Geld: Anstatt acht Milliarden für den Strassenverkehr auszugeben, wäre es doch toll, wenn die Schweiz das erste Flugzeug erfinden würde, das ohne CO2-Ausstoss fliegt und doch massentauglich ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2019, 23:03 Uhr

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Wie wichtig schillernde Prominenz auf einer Wahlliste sein kann, zeigte sich gestern Abend an der Nominationsversammlung der Grünen in Zürich-Wipkingen. Angezogen von der Kandidatur des 34-jährigen lesbischen Models Tamy Glauser waren Parteimitglieder und Journalisten in Scharen gekommen. Glauser wurde von der Versammlung Platz 10 auf der Nationalratsliste zugewiesen. Normalerweise sind Kandidaten in diesen Listenregionen chancenlos. Bei prominenten Quereinsteigern ist der Listenplatz aber nicht entscheidend. So hat Verleger Roger Köppel vor vier Jahren auf der SVP-Liste von Platz 17 aus das beste Wahlresultat aller Zeiten gemacht. Glauser bedankte sich in einer kurzen Rede für das Vertrauen und versprach, im Falle einer Wahl, ihre ganze Kraft in ihr Nationalratsmandat zu legen. Die beiden bisherigen Nationalräte Bastien Girod und Balthasar Glättli müssen zurückstehen, wie es der Vorstand vorgeschlagen hat. Ihnen wurden die Plätze 3 und 4 vergeben.

Parteipräsidentin Marionna Schlatter zeigte sich überzeugt, dass dies für die Wiederwahl ausreicht. Sie rechnet mit zwei Sitzgewinnen, was sehr ambitioniert ist und einer Verdoppelung der Nationalratsmandate für die Zürcher Grünen bedeuten würde. Auch die restlichen Listenplätze wurden so vergeben, wie es der Vorstand vorgeschlagen hatte. Der Entscheid fiel mit 91:50 Stimmen. So ist die 59-jährige Gewerkschafterin Katharina Prelicz-Huber Spitzenkandidatin. In den Ständeratswahlkampf ziehen die Grünen mit Schlatter. Sie wurde einstimmig mit einer stehenden Ovation nominiert. (sch)

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