Jetzt reden die Eingekesselten

Stefanie, Marco, Roman: Wie die FCZ-Fans die Polizeiaktion vom letzten Samstag erlebten.

Stundenlang waren am vergangenen Samstag FCZ-Fans auf der Badenerstrasse von der Polizei eingekesselt. Foto: Reto Oeschger

Stundenlang waren am vergangenen Samstag FCZ-Fans auf der Badenerstrasse von der Polizei eingekesselt. Foto: Reto Oeschger

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Dass so etwas in der Schweiz möglich ist, hielten sie für unmöglich. Die Polizei habe sie wie «wilde Tiere» behandelt, sagen einige Betroffene der Einkesselung des FCZ-Fanmarschs im Gespräch mit dem TA. Die Polizei habe ihnen trotz stundenlanger «Freiheitsberaubung» weder Wasser noch Decken gegeben. Wiederholt hätten die Polizisten Pfefferspray aus «unerlaubt naher Distanz» gegen sie gerichtet. Die Betroffenen fühlen sich schikaniert und gedemütigt. Die Polizisten hätten unprofessionell gehandelt und sogar Selfies von sich gemacht.

Für die Fans kam die Einkesselung überraschend. Eine Warnung der Polizei, die es ermöglicht hätte, sich vom Marsch zu entfernen, will keiner gehört haben. Die Fans fühlten sich während des Marsches nie bedroht oder in Gefahr. Es sei bis zur Einkesselung zu keiner Gewalt oder Sachbeschädigung gekommen, und die Polizei habe solche Fanmärsche stets toleriert. Deshalb habe es für sie keinen Anlass gegeben, sich vor dem Zugriff zu entfernen. Aus ihrer Sicht wäre eine Warnung zwingend notwendig gewesen.

«Auch der Pyroeinsatz war im üblichen Rahmen», sagt die 21-jährige Ste­fanie (alle Namen geändert). Es sei ein üblicher Derby-Marsch gewesen. Die «überschrittene Toleranzgrenze» der Feuerwerkskörper erachten die Fans als willkürlichen Vorwand für eine geplante Aktion. Auffällig schnell sei die nötige Infrastruktur wie mobile Büros vor Ort gewesen. «Das war Politik, eine Machtdemonstration und definitiv nicht spontan», sagt der 22-jährige Roman. Mit einer ähnlichen Begründung stoppte die Polizei im Mai 2013 einen Fanmarsch – kurz vor der Abstimmung über das Hooligan-Konkordat. Damals liess man den Marsch nach Verhandlungen weiter­ziehen – die Verhandlungsversuche der gleichen Personen sind nach Aussagen der Betroffenen dieses Mal gescheitert.

Im Kessel soll Ratlosigkeit und Unsicherheit geherrscht haben. «Was geschieht mit uns?», habe man sich gefragt. Für Marco ein «schlimmes» Erlebnis, er fragte sich, «warum darf ich nicht FCZ schauen?». Der 15-Jährige war verunsichert und zum ersten Mal an einem Marsch. «Die Kommunikation seitens der Polizei war sehr schlecht», sagt Roman.

Rettungsdecke als Sichtschutz

Irgendwann sei klar geworden, dass man nur nach einer Personenkontrolle aus dem Kessel komme. Einige wollten abwarten und hofften, es komme wie 2013 nicht zur Personenkontrolle. Andere wollten raus aus dem Kessel. «Dass irgendjemand daran gehindert wurde oder dass der harte Kern der Fans die Polizei daran gehindert habe, Familien herauszuschleusen, wie die Polizei sagt, stimmt nicht», sagt der 20-jährige Julian.

Roman gehört zu denen, die abwarten wollten. Er habe sich eines verängstigten 11-Jährigen angenommen, der im Quartier wohnt und auf dem Weg zum Stadion in den Kessel geriet. «Er wollte nicht allein raus, da habe ich eine Frau gefragt, ob sie ihn begleitet», sagt Roman. «Später habe ich ihn wieder im Kessel gesehen, er hatte keinen Ausweis dabei und wurde zurückgewiesen.» Erst nach langen Diskussionen hätten die Polizisten den 11-Jährigen freigelassen.

Die Personenkontrollen seien kaum vorwärtsgegangen, und anfänglich sei unklar gewesen, wo man sich anstellen müsse. Zudem mussten auch immer mehr Personen auf die Toilette – so auch Stefanie. Nach zwei Stunden bat sie einen Polizisten, sie hinten rauszulassen und dort zu kontrollieren. Aber der Polizist habe sie wie alle anderen auf die Büsche und Hauswände verwiesen. «Ich gab den Frauen die Rettungsdecke aus meinem Sanitätsrucksack, die sie als Sichtschutz beim Pinkeln nutzen konnten», sagt ein 47-jährige Sanitäter, der die Fans begleitete und im Kessel Erste Hilfe leistete. Je länger die Einkesselung dauerte, desto mehr habe der Stress zugenommen. Er musste vor allem Reizungen der Augen und Atemwege behandeln. «Zwei kollabierten wegen Reizmitteln», sagt er.

Die Stimmung innerhalb des Kessels beschreibt die Polizei als aggressiv, die Betroffenen widersprechen. Klar seien einige nach stundenlangem Ausharren in der Kälte wütend geworden. Die dominierenden Gefühle seien aber Ohnmacht, Hunger und Durst gewesen. Und wie steht es um das Schuldbewusstsein? Man weiss ja aus der Vergangenheit, dass es an Fanmärschen zu Ausschreitungen und Polizeieinsätzen kommen kann. Nein, einer Schuld ist sich keiner der Betroffenen bewusst, wie sie übereinstimmend betonen.

Einige überlegen sich sogar, juristische Schritte in die Wege zu leiten. Der Polizeieinsatz sei unverhältnismässig gewesen und habe nichts gebracht. Im Gegenteil: Die Aktion löste bei vielen der «unschuldig festgehaltenen» Bürger einen Groll aus.

Die Badenerstrasse wurde – nachdem der Kessel bereits über längere Zeit stand – Schauplatz von Ausschreitungen, die bis nach Spielschluss andauerten. Der Mob verletzte einen Polizisten und beschädigte zwei Einsatzfahrzeuge stark. Es kam zu Sachschäden in noch unbekannter Höhe, wie die Stadtpolizei schon am Samstag mitteilte.

Es kam auch zu elf Verhaftungen. Die kontrollierten Personen sind nun im Polizei-Informationssystem (Polis) erfasst. Diese Daten werden nach fünf Jahren gelöscht.

Die Grafik zeigt die Polizeieinsätze in Zürich wegen Fussballfans in den letzten 5 Jahren. Grafik: Marc Fehr (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2015, 23:03 Uhr

Flugblätter verteilt: Südkurve entschuldigt sich

Die Südkurve verteilte am Mittwoch Flugblätter bei den Anwohnern der Badenerstrasse und entschuldigte sich für die Umstände, insbesondere für das Verrichten ihres «Geschäfts» an deren Hauswänden. Sie bedankte sich im Gegenzug bei all jenen, die sich während des Kessels am Samstagabend solidarisch mit den Fans zeigten. (pat)

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