Jetzt verschwindet die letzte Kinderkrippe der Zürcher Altstadt

Der Frauenverein schliesst seine 106-jährige Krippe an der Neustadtgasse. Die Kinder sollen an den Zeltweg ziehen. Deren Eltern sind schockiert, denn sie haben keine Ausweichmöglichkeit mehr in der Altstadt.

Idylle pur: Der Hof der Kindertagesstätte an der Neustadtgasse beim Grossmünster.

Idylle pur: Der Hof der Kindertagesstätte an der Neustadtgasse beim Grossmünster. Bild: Denise Looser

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«Es ist eine Oase mitten in der Altstadt», schwärmt Denise Looser. Drei ihrer vier Kinder besuchen oder haben die «Kita 1» des Gemeinnützigen Frauenvereins Zürich (GFZ) gleich beim Grossmünster besucht. Insgesamt bietet die Krippe 36 Plätze an. Ab 2014 soll aber Schluss sein mit der ältesten Krippe Zürichs, wie der Verein den Eltern Ende Juni geschrieben hat.

Als Grund gab der GFZ an, die Räumlichkeiten an der Neustadtgasse 11 entsprächen «schon seit längerem nicht mehr den heutigen Anforderungen». Als Lösung angeboten wird die Kindertagesstätte «Gartenhaus» am Zeltweg 21b, die Anfang 2014 eröffnet wird. Diese biete «grosszügige und kinderfreundliche Räume, die den neuesten Erkenntnissen entsprechen». Zudem gebe es dann einen 650 Quadratmeter grossen Garten.

Die Nachfrage ist gross

Das sei schön und gut, meint Looser, die im Vorstand des Elternvereins rechts der Limmat sitzt. Doch für sie ist der weit entfernte Zeltweg kaum eine Option. Das Argument der nicht erfüllten Anforderungen kann sie nicht nachvollziehen. Die dreistöckige Kita mit ihren heimelig-verwinkelten Räumen habe alles, was es braucht, sagt sie. Der Innenhof sei geschützt vom Verkehr und ideal zum Spielen, die Trittliwiese nicht weit weg. Laut Looser seien diese «Anforderungen» auch noch nie ein Thema gewesen.

Looser ist sicher, dass eine fehlende Nachfrage kein Grund für die Schliessung sein kann. Sie selber musste für eines ihrer Kinder ein Jahr warten, andere Eltern hätten gar anderthalb Jahre warten müssen. In der Altstadt gebe es immer mehr Familien, so Looser. Der GFZ könne locker beide Kitas füllen. Sie vermutet vielmehr, dass Renditegedanken hinter dem Umzug stecken. Denn die Altstadt-Liegenschaft gehört dem GFZ und lasse sich bestimmt teuer vermieten.

Ist es eine Renditefrage?

Looser und die Eltern der rund 50 betroffenen Kinder sind nicht nur enttäuscht vom Wegzug. Looser ist auch irritiert über die Kommunikation. Obwohl der Beschluss bereits im Mai gefällt worden ist, habe in der Kita niemand etwas gesagt. Der Brief habe sie und andere Eltern richtiggehend schockiert, berichtet Looser. Die Eltern und der Elternverein haben am letzten Dienstag mit einem gemeinsamen Brief an den Frauenverein reagiert. Darin fragen sie nach den wahren Gründen und argwöhnen, der GFZ wolle wohl «weg von der familiären Betreuung zum rentableren Grossbetrieb».

Der Frust liegt tief, da vor weniger als drei Jahren die städtische Kita Frankengasse dichtgemacht hat. Auch dort hatten sich die Eltern gewehrt – allerdings ohne Erfolg. Zunächst hatte der Frauenverein Interesse an der Miete der städtischen Räumlichkeiten signalisiert, bald aber einen Rückzieher gemacht. Obwohl die Miete nicht – wie von der Stadt zunächst angekündigt – von 43'000 Franken auf 73'000 Franken gestiegen wäre. Damals schickte die Stadt die Eltern übrigens zur «Kita 1».

Auch Kindergärten verschwinden

Nun gibt es in der Altstadt, abgesehen von der sehr kleinen und nicht bei allen Eltern beliebten Kita Colibri an der Leuengasse, keine Krippe mehr. Die Eltern werden an die Kita Selnau oder ans Kinderhaus Artergut beim Kreuzplatz verwiesen. Beide sind aber nicht in Gehnähe.

Der Unmut wird auch nicht kleiner, wenn sich die Eltern vor Augen führen, dass in den letzten Jahren der Kindergarten an der Schipfe und jener an der Trittliwiese geschlossen wurden. Bewohner der Altstadt links der Limmat bedauern zudem, dass ihre Kinder im letzten übriggebliebenen Kindergarten am Neumarkt nicht aufgenommen werden, sondern ins Schulhaus Schanzengraben geschickt werden.

Der Frauenverein verschanzt sich

Beim Frauenverein waren die Verantwortlichen heute Donnerstag nicht erreichbar. Aufgrund der Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat der Verein am Nachmittag eine dünne Medienmitteilung verschickt, in der von einer Strategie die Rede ist. Sie wird allerdings nicht ausgedeutscht. Auch die veränderten Ansprüche werden nicht näher beschrieben.

Über die spätere Nutzung des denkmalgeschützten Hauses an der Neustadtgasse berate ein Ausschuss des Vorstands, heisst es in der Mitteilung weiter. Neu gegenüber dem Elternbrief ist bloss, dass der Umzug «frühestens 2014» stattfinden werde, während zuvor klar von «Anfang 2014» die Rede gewesen ist. Nachfragen beim GFZ war nicht möglich.

Amtswohnung von Ulrich Zwingli

Die «Kita 1» gibt es seit 106 Jahren und ist damit wenn nicht die älteste, dann eine der ältesten noch bestehenden Krippen der Stadt. Der 1885 gegründete Frauenverein hat sie 1906 eingerichtet, weil um die Jahrhundertwende immer mehr Arbeiterfrauen mitverdienen mussten, und die Kinder in den Gassen zu verwahrlosen drohten.

Das Gebäude, in dem heute Kinder im Alter von drei Monaten bis fünf Jahren betreut werden, war einmal die Amtswohnung von Ulrich Zwingli gewesen. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der GFZ gehofft, dass Krippen überflüssig werden. Der Gedanke dabei war, dass die Frauen eines Tages wieder dazu kommen, ihre Kinder selber zu betreuen. Heute haben die Kitas ein bedeutend besseres Image und werden als nicht mehr wegzudenkende Institution angesehen – damit die Frauen arbeiten können.

Erstellt: 05.07.2012, 16:41 Uhr

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