«Jugendliche Arbeitslose sind desillusioniert und hoffnungslos»

Gegen Ende August nimmt die Zahl der arbeitslosen 15- bis 19-Jährigen jeweils zu. Die Leiterin des RAV Oerlikon erklärt, wie ihnen geholfen werden kann.

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Was hat ein 15- bis 19-Jähriger, der sich jetzt im Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) anmeldet, schon alles versucht?
Das RAV ist für alle ein Notnagel. Die Jugendlichen, die sich bei uns melden, haben meist mehr als 50 erfolglose Bewerbungen verfasst. Sie haben sich gegen das 10. Schuljahr oder eine Privatschule entschieden, weil dieser Weg nicht finanzierbar ist oder sie absolut schulmüde sind.

Wie fühlen sich diese Jugendlichen?
Frustriert, desillusioniert, hoffnungslos. Ohne Zukunft dazustehen ist etwas vom Schlimmsten, das Jungen passieren kann. Auch wenn heute weniger Schulabgänger arbeitslos sind als in den Vorjahren (siehe Box), bleibt Jugendarbeitslosigkeit ein massives gesellschaftliches Problem.

In den RAVs im Kanton Zürich arbeiten Berater, die auf Jugendliche spezialisiert sind. Wo setzt ihre Hilfe an?
Man darf von Jugendlichen nicht dasselbe fordern wie von Erwachsenen. Für die Anmeldung laden wir sie beispielsweise in Gruppen ein und helfen ihnen, alle Formulare auszufüllen. Wir unterstützen sie bei der Jobsuche und nehmen uns Zeit für ihre Eigenheiten. Manchmal müssen sie noch lernen, zuverlässig zu sein und den Kaugummi aus dem Mund zu nehmen. Wir machen sie fitter für den Arbeitsmarkt.

Werden sie auch psychologisch betreut?
Wir arbeiten mit ihnen auf, weshalb sie keine Lehrstelle gefunden haben, und versuchen, ihren Berufswunsch mit ihrem Schulsack abzugleichen. Wir sind keine Psychologen und können nur versuchen sie zu motivieren, begleiten und unterstützen. Es gibt Jugendliche, die sich sehr realistisch einschätzen, andere wollen trotz schlechten Aussichten ihren Traumjob verfolgen. Letzteres ist ein Risiko – aber ich bin auch schon positiv überrascht worden.

Für welche Jugendlichen gestaltet sich die Lehrstellensuche am schwierigsten?
Jugendarbeitslosigkeit hat viel mit Integration zu tun. Die meisten, die nicht im ersten Anlauf eine Stelle finden, haben einen Migrationshintergrund. Weil Arbeitgeber aus vielen Bewerbern aussuchen können, wählen sie gut integrierte Jugendliche mit Bestnoten, die voraussichtlich keine Probleme machen. Die Schulabgänger, die bei uns landen, sind oft noch nicht berufsreif.

Wie können sie es werden?
Im sogenannten Motivationssemester arbeiten Jugendliche auf eine Grundausbildung hin. Während sechs bis zwölf Monaten arbeiten sie vier Tage die Woche in einem Betrieb und gehen am fünften Tag in die Schule. Die Arbeitgeber beteiligen sich an den Kosten für den Lohn und die Schule. Auch Sozialpädagogen stehen ihnen zur Seite. So kommen die Jugendlichen zu Erfolgserlebnissen und schöpfen Mut. Rund 90 Prozent finden nach Abschluss dieses befristeten Einsatzes eine Grundausbildung. Manche qualifizieren sich für eine Attestausbildung, eine zweijährige Grundbildung. Nicht jeder kann eine drei- bis vierjährige Lehre absolvieren. Wichtig ist ein Ausweis, auf dem man aufbauen kann.

Was passiert mit Jugendlichen, die keine Ausbildung abschliessen?
Viele landen auf dem Bau, in der Reinigung oder in der Küche als Hilfsarbeiter. Wer nach der Schule keine Lehrstelle findet und dann monatlich 1800 Franken verdient, geht kaum mehr zurück in die Schule. Aber er schafft es auch kaum weg aus den Hilfsarbeiter-Positionen.

Wie kann den Jugendlichen der Einstieg in die Arbeitswelt erleichtert werden?
Eltern und Lehrpersonen sollten sie intensiver und besser begleiten und statt auf ihre Defizite vermehrt auf ihre Stärken fokussieren. Arbeitgeber sollten auch jemandem, der vielleicht etwas mehr Unterstützung braucht, eine Chance geben.

Das Bild der Jungen in der Öffentlichkeit ist nicht gerade positiv. Wie erleben Sie sie?
Als feine, aufgestellte junge Leute, die versuchen, sich ihrem Alter entsprechend weiterzuentwickeln.

Marie-Hélène Birchler Balbuena ist Leiterin des RAV Zürich Oerlikon und des kantonalen Netzwerks Jugendliche. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2008, 23:18 Uhr

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