«Jugendliche in diesem Alter sind an allem interessiert»

Sex mit Tieren im Literaturunterricht? Die Sexologin Esther Elisabeth Schütz erklärt, wie weit man im Schulzimmer gehen darf.

«In der Sexualität gibt es keine Labels»: Esther Elisabeth Schütz, klinische Sexologin.

«In der Sexualität gibt es keine Labels»: Esther Elisabeth Schütz, klinische Sexologin. Bild: TA

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Ein Lehrer eines Gymnasiums wurde vor Gericht gezerrt, nachdem er mit seinen 14- bis 15-jährigen Schülern Literatur behandelte, die sexuell äusserst explizit wird. Die Richter haben ihn als unschuldig beurteilt. Trotzdem bleibt die Frage: Ist es für Jugendliche in diesem Alter sinnvoll, solche Texte zu lesen?
Grundsätzlich sind Jugendliche in diesem Alter an allem interessiert, was Erwachsene machen. Sie sind im Umbruch, auch was ihre Sexualität anbelangt, und daran, ihr eigenes Ich zu bilden. In diesem Sinne ist es wichtig, dass sie sich mit unterschiedlichen Themen der Sexualität auseinandersetzen, sich Fragen stellen, was gewisse Dinge in ihnen auslösen, und dass sie eine Haltung dazu entwickeln können. Natürlich immer im Rahmen der geltenden Gesetze.

In einem der Bücher gibt es eine Stelle, bei der eine junge Frau von einem Hund befriedigt wird. Gehört dies wirklich ins Klassenzimmer?
Dies ist grenzwertig. Sexualität mit Tieren ist gesetzlich verboten. Ich würde auf jeden Fall das Thema Sexualität nicht zuerst mit einem Buch behandeln, das solche Szenen beinhaltet. Es gibt Literatur, wo dies anders zur Sprache kommt. Aber grundsätzlich dagegen, dass 14-Jährige sich mit solchen Themen auseinandersetzen, bin ich nicht. Es kommt sehr darauf an, wie ein Lehrer diese Stellen bespricht und ob er dazu fähig ist. Dies liegt in seiner Verantwortung.

Wie würde denn – ganz allgemein – eine ideale Einbindung aussehen?
Wichtig ist, dass der Lehrer erklärt, dass dies eine heikle Stelle ist. Er muss nachfragen, was es auslöst. Am besten sollte dies sogar geschlechtergetrennt gemacht werden. Wenn er aufzeigt, dass es verschiedene Sichtweisen zu einem Thema gibt, gesellschaftliche, wie gefühlsmässige. Im geführten Gespräch können Jungen und Mädchen von den unterschiedlichen Sichtweisen vieles lernen. Es unterstützt sie darin, ihre sexuelle Identität zu finden. Jugendliche brauchen auf diesem Gebiet dringend Entscheidungskonzepte.

Bücher mit erotischem Inhalt könnten aber auch Gefühle verletzen. Denken wir an religiöse Schüler oder solche, die in einer rigiden Sexualmoral aufwachsen. Sollte dies nicht vor dem Lesen angesprochen werden?
Das glaube ich nicht, denn die pädagogische Verantwortung liegt bei der Lehrperson. Wenn sie Jugendlichen schon im Vorfeld sagen, worum es geht, fragen sie nur: «Gibt es nicht noch etwas Geileres?» Dennoch kann es sein, dass die Jugendlichen sich mit ihrer Neugier selbst überfordern.

Werden heute über Neue Medien nicht so oder so heikle Themen an Jugendliche herangetragen?
Natürlich ist dies so. Es ist auch logisch, dass das Angebot heute riesig ist. Dies ist ja in allen Lebensbereichen so. Als ich ein kleines Mädchen war, gab es vielleicht drei Sorten Äpfel zu kaufen. Heute findet man sich vor lauter Angebot kaum mehr zurecht. Viele Leute orientieren sich dann an Labels, kaufen beispielsweise nur Max Havelaar. In der Sexualität gibt es diese Labels nicht, man muss selbst herausfinden, was zu einem passt. Deshalb ist es ungemein wichtig, dass die Auseinandersetzung damit stattfindet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2011, 14:37 Uhr

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