Hintergrund

Kardiologen leben gefährlich

Der Abteilungsleiter der Kardiologie am Kinderspital Zürich starb nach jahrzehntelanger Arbeit im Herzkatheterlabor an einem Hirntumor. Mehr als ein Zufall, sagt seine Ehefrau. Experten geben ihr recht.

Gesundheitsgefährdend: Eine Herzkatheteranlage gibt ionisierende Strahlen ab, die DNA-Schäden verursachen.

Gesundheitsgefährdend: Eine Herzkatheteranlage gibt ionisierende Strahlen ab, die DNA-Schäden verursachen. Bild: Keystone

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Urs Bauersfeld ist 54 Jahre alt, als er im Oktober 2010 den Kampf gegen seinen bösartigen Hirntumor verliert. Dieser war 14 Monate zuvor diagnostiziert worden − direkt über Bauersfelds linkem Auge. Seine Kollegen würdigen den Leiter der Abteilung Kardiologie am Kinderspital Zürich für seine «visionären und integrativen Qualitäten». Dank seines Engagements sei die Abteilung zur «mit Abstand grössten Abteilung für Kinderkardiologie in der Schweiz» geworden. Man werde ihn als «national und international anerkannten Experten auf dem Gebiet der pädiatrischen Elektrophysiologie, speziell der Schrittmachertherapie» in Erinnerung behalten.

Seine Ehefrau Eva Lindemann ist sich sicher: Der Verstorbene hatte mit seinem Hirntumor nicht einfach Pech. Die Ursache für die Erkrankung ist vielmehr in den gegen 1000 Operationen im Herzkatheterlabor zu suchen, die ihr Mann im Lauf seiner Kardiologenkarriere vorgenommen hatte. Die Herzkatheteranlage gibt ionisierende Strahlen ab, die DNA-Schäden verursachen. Aus diesen kann sich Krebs entwickeln.

«Warum passierte das mir?»

Lindemann kämpft deshalb dafür, dass die obligatorische Unfallversicherung Zürich den Hirntumor als Berufskrankheit anerkennt. Nach einer abgelehnten Einsprache hat die Witwe Beschwerde beim Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich eingereicht.

Auch der Verstorbene selbst war überzeugt, dass der Hirntumor durch seine jahrzehntelange Arbeit im Herzkatheterlabor ausgelöst worden war. «Er wusste: Je länger die Exposition und je näher zur Quelle, desto höher die Strahlendosis – und damit das Krebsrisiko», sagt Lindemann. Im Auftrag des Kinderspitals war Bauersfeld zusätzlich in der Erwachsenenkardiologie des Universitätsspitals Zürich und der Klinik Im Park tätig. Auch dort war er fast täglich ionisierender Strahlung ausgesetzt − Röntgenstrahlung mit einer besonders hohen Energie.

Mehr Glück als Bauersfeld hatte der amerikanische Kardiologe Fritz Andersen. Er erkrankte 2011 ebenfalls an einem linksseitigen Hirntumor. «Warum passierte mir das?», fragte er sich in einem Gastbeitrag in der «Washington Post». Um anzufügen, er habe in seinem Berufsleben rund 400 Herzschrittmacher implantiert und sei dabei «ionisierender Strahlung ausgesetzt gewesen». Gerade in den «frühen Tagen» seiner Karriere habe man sich nur mit «leichten Bleischürzen» geschützt.

Heute benütze man schwerere Exemplare und bedecke auch die Augen und Schilddrüsen mit Brillen und Schutzschildern. Zudem arbeite man hinter Strahlen abweisendem Glas. Andersen liess sich einer Operation sowie Chemotherapie unterziehen, doch erst eine experimentelle Behandlung im Rahmen einer Studie half ihm. Er überlebte.

Zwei Hirntumore bei zwei Kardiologen − reiner Zufall? Theoretisch möglich, sagt Ariel Roguin, Chef der interventionellen Kardiologie am Rambam Medical Center in Haifa. Doch unwahrscheinlich. Denn interventionell tätige Kardiologen seien der «höchsten Strahlenbelastung aller Gesundheitsberufe ausgesetzt». Sie würden «chronisch» belastet.

Der Kopf ist «völlig ungeschützt»

In mehreren Aufsätzen legt Roguin dar, dass der Kopf des Kardiologen im Gegensatz zum Rest des Körpers «völlig ungeschützt» und deshalb besonders exponiert sei. Die empfangene Strahlendosis liege in der Erwachsenenkardiologie und bei vorschriftsgemässer Schutzausrüstung bei 20 bis 30 Millisievert jährlich, das sei rund zehnmal so viel wie am restlichen Körper. Die linke Kopfseite sei dabei doppelt so exponiert wie die rechte, da die Kardiologen während der Operationen rechts der Patienten stünden.

Kinderkardiologen wie der verstorbene Bauersfeld müssen wegen der kleinen Körpergrösse ihrer Patienten noch näher an der Strahlenquelle arbeiten, ihr Krebsrisiko steigt exponentiell an. Im neuesten von Roguin verfassten Artikel, der im März im renommierten «European Heart Journal» veröffentlicht wird, nennt der israelische Kardiologe 35 Kardiologen und Radiologen, die ebenfalls jahrzehntelang ionisierender Strahlung ausgesetzt waren − und allesamt an Tumoren im Gehirn oder Nacken erkrankten.

In 30 dieser Fälle ist die Seite des Tumors bekannt: Bei 26 Ärzten wuchs er auf der linken Seite (86 Prozent), bei einer Person in der Mitte und bei weiteren drei auf der rechten Seite. In der Normalbevölkerung sind diese Tumoren laut Roguin zu gleichen Anteilen auf links und rechts verteilt, was er als gewichtiges Indiz für die berufliche Entstehung der Tumore beurteilt. Harte statistische Beweise für seine These gebe es nicht, da bösartige Hirntumore sehr selten und die Kardiologen eine kleine Gruppe innerhalb der Bevölkerung seien, sagt Roguin.

Doch die Häufigkeit der linksseitigen Hirntumore sei «auf jeden Fall statistisch signifikant». Das Mindeste, was man tun müsse, sei dem Schutz vor Röntgenstrahlen bei Ärzten vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken. Bislang stand vor allem das Risiko für die Patienten im Vordergrund.Seit der Publikation seines ersten Aufsatzes gehen bei Roguin immer mehr Meldungen von Ärzten ein, die nach jahrelanger Tätigkeit im Herzkatheterlabor ebenfalls an Tumoren im Hirn oder Nacken erkrankt sind.

Der Krankheitsverlauf ist gerade beim bösartigen Glioblastom schnell, die meisten Patienten sterben laut Roguin innert zwei Jahren – so wie Kinderkardiologe Bauersfeld.Auch in der Schweiz hat man das Problem der Belastung durch ionisierende Strahlen bei Ärzten erkannt. Wie die Sendung «Puls» des Schweizer Radios und Fernsehens kürzlich berichtete, hat das Universitäre Herzzentrum in Zürich als erste Klinik der Schweiz letzten Herbst eine neue Technik zur Verringerung der Röntgenstrahlung in Betrieb genommen.

Anstelle wiederholter Durchleuchtungen speichert die sogenannte Strahlenschutzkabine Röntgenbilder elektronisch und fügt sie anschliessend in ein virtuelles Bild ein. So entsteht eine Landkarte des Herzens, anhand welcher der Operateur arbeiten kann. Damit sinkt die Röntgenstrahlung auf ein Viertel bis ein Zehntel der bisherigen Belastung.

«Jeder von uns kennt Fälle»

Herzspezialist Thomas Wolber zeigt sich erleichtert über die neue Technik an seinem Arbeitsort: «Es gibt immer wieder Diskussionen, inwieweit bei Untersuchern die Krebshäufigkeit grösser ist. Jeder von uns kennt Leute, die an Krebserkrankungen gestorben sind.»

Auch Thomas Lüscher, der Leiter der universitären Klinik für Kardiologie, hält die neue Strahlenschutzanlage für notwendig. Die Röntgenstrahlen seien eine «grosse Belastung für die Operateure, da sie diesen über lange Zeit und im Gegensatz zu den Patienten regelmässig ausgesetzt sind». Er kennt wie Wolber «einige Kollegen, die nach jahrelanger Arbeit im Herzkatheterlabor an Krebs erkrankten».

Beispielsweise seien bei eigenen Mitarbeitern Tumore diagnostiziert worden. «Das hat mich sehr betroffen gemacht», sagt Lüscher. Beweisen könne er den Zusammenhang zwar nicht. Doch die Erkrankungen hätten ihn veranlasst, die neue Röntgenanlage an seiner Klinik anzuschaffen. «Es macht Sinn, dass wir uns so gut wie nur möglich schützen.»

Lüscher kennt auch den verstorbenen Bauersfeld. «In seinem Fall gehe ich zusammen mit vielen Kardiologenkollegen davon aus, dass die Arbeit im Herzkatheterlabor wahrscheinlich wesentlich zur Entwicklung des Hirntumors beigetragen hat.» Denn das Auffallende sei: Bei den meisten Kardiologen, die an einem Hirntumor erkrankten, befinde sich dieser auf der linken, strahlenexponierten Seite des Kopfes. Aber auch in Bauersfelds Fall sei «eine überzeugende Beweisführung natürlich schwierig».

Am Kinderspital, dem einstigen Arbeitgeber von Bauersfeld, ist man sich der Risiken der Röntgenstrahlung für Patienten und Personal bewusst, wie Direktor Markus Malagoli sagt. Wenn immer möglich verzichte man auf das Röntgen und greife auf Alternativen wie beispielsweise Ultraschall zurück. Denn das kindliche Gewebe reagiere viel empfindlicher auf Röntgenstrahlen als das erwachsene, und zudem erhöhe die höhere Lebenserwartung von Kindern die Wahrscheinlichkeit für Tumore zusätzlich. Wenn Röntgenuntersuchungen nötig seien, beschränke man die Strahlenmenge auf ein Minimum, sagt Malagoli. Eine geringere Exposition bei Patienten komme indirekt auch dem Personal zugute.

Versicherungen klären ab

Zum Fall Bauersfeld sagt der Kispi-Direktor: «Man kann nicht ausschliessen, dass es einen Zusammenhang zwischen Strahlenexposition und Krebserkrankung gibt. Man kann es aber auch nicht bestätigen.» Derzeit seien «versicherungstechnische Abklärungen am Laufen». Aufgrund eines hängigen Gerichtsverfahrens könne er nichts Genaueres sagen. Nur so viel: Es sei der Verstorbene gewesen, der die Abklärungen zu Lebzeiten angeregt habe. «Es ging ihm um die Anerkennung seines Hirntumors als Berufskrankheit.»

Malagoli sagt auch: «Wir sind als Arbeitgeber völlig neutral und akzeptieren jede begründete Entscheidung. Wenn es eine Berufskrankheit ist, dann ist es so. Wenn nicht, dann nicht.» Bauersfelds Nachfolger Oliver Kretschmar wollte gegenüber dem TA keine Stellung nehmen.

Die Witwe des Verstorbenen bestätigt den Sachverhalt. Ihr Mann habe sich gewünscht, dass die Abklärungen zur Berufskrankheit noch vor seinem Tod abgeschlossen würden. «Die passive Haltung seines Arbeitgebers hat ihn sehr enttäuscht – umso mehr, als das Kinderspital nichts verlieren würde, wenn es sich hinter meinen Mann stellte», sagt Lindemann. So aber stelle es sich «indirekt gegen den zu Schaden gekommenen Mitarbeiter». Es sei ihrem Mann keineswegs um eine Schuldzuweisung gegangen, sondern um eine «sorgfältige Abklärung eines wahrscheinlichen Zusammenhanges». Weil ihm diese Abklärung «enorm wichtig» gewesen sei, wünsche sie eine gerichtliche Beurteilung.

Die Präsidentin des Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich, Christine Grünig, will zum laufenden Verfahren keine Auskunft geben. Derzeit sei nicht absehbar, wann mit einem Entscheid zu rechnen sei.

Erstellt: 27.02.2014, 07:18 Uhr

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