Keine Gnade für Skater

In Zürichs einzigem Indoor-Skatepark gefrieren bei den gegenwärtigen Temperaturen schon mal die Getränke. Eine Heizung sei zu teuer, findet die Stadtverwaltung.

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Nach einer halben Stunde kriecht die Kälte die Beine hoch. Jacke, Schal und Stirnband nützen wenig. Die Nase wird kalt, die Hände steif. Zwei Skatelehrer, eben noch auf der Rampe, verziehen sich nach dem Training schnell ins enge Entree. Schweissperlen tropfen von ihrer Stirn. «Da draussen», sagt Sven Kilchenmann und deutet auf die Skatehalle, «erkältet man sich schnell.» Es daure bei der Kälte viel länger, bis die Gelenke aufgewärmt seien, somit sei auch die Unfallgefahr grösser. «Trainiert irgendeine andere Sportart im Winter in einer kalten Halle?», fragt Kilchenmann herausfordernd. Gute Frage. Fussballplätze sind zwar auch nicht beheizt, zumindest die Junioren können aber auf Turnhallen ausweichen.

Für Fahrzeuge konzipiert

Die Freestyle-Halle im Werdhölzli war ursprünglich als Provisorium gedacht. Die Halle ist eigentlich nicht für Skater, sondern für Fahrzeuge von Entsorgung + Recycling Zürich konzipiert. Wenn der Outdoor-Freestyle-Park in der Allmend fertig wäre, würden da Lastwagen ein und die Skater wieder weiterziehen. So weit der ursprüngliche Plan vor zehn Jahren. Doch auch nach Eröffnung des Parks blieb das Bedürfnis der Skater nach einer Indoor-Trainingsmöglichkeit im Winter. Skaten ist beliebt, vor allem auch als Einstiegssport für Kinder und Jugendliche. Bei den Spielen in Tokio im Jahr 2020 wird Skaten erstmals olympisch. Die Freestyle-Halle im Werdhözli verzeichnet pro Jahr 20'000 Eintritte.

2013 stimmte der Stadtrat also zu, den Status quo der provisorischen Halle zu erhalten. Doch der Status quo bekommt Fahrzeugen immer noch besser als Menschen. In der Halle herrscht eine natürliche Belüftung. Durch eine Ritze am Boden kommt Zugluft rein, bewegt sich nach oben und entweicht durch eine 40 Zentimeter breite Ritze an der Decke. Anders gesagt: Es zieht. Was Gummi von Fahrzeugen geschmeidig hält, lässt Menschen frösteln.

Das Schul- und Sportdepartement hat einen klaren Standpunkt: «Skaten ist eine Outdoorsportart.»

«Es kommt vor, dass Getränke gefrieren», sagt Carlos Venegas, Chef der Freestyle-Halle und des dazugehörigen Vereins. «Es war toll, dass das Provisorium erhalten blieb, jetzt bräuchte es nur eine kleine Investition, um den Park in die Zukunft zu befördern», sagt er. Doch Venegas läuft auf. Er thematisiert die Situation seit langem, stösst bei der Stadt aber auf taube Ohren. «Nach all den Jahren wird Skateboarden als Sport von den Behörden immer noch stiefmütterlich behandelt», sagt Venegas. «Und Teenager haben keine Lobby.» Wo Eltern von Kindern involviert seien, werde viel mehr Druck aufgebaut, meint Venegas. Doch Teenager wollten sich von ihren Eltern lösen, weshalb aber auch ihre Lobby wegfalle.

Stadt winkt ab

«Wir sind ein wichtiges Refugium, gerade für junge Erwachsene», sagt Venegas. «Das soll endlich richtig anerkannt werden.» Gemäss seiner Schätzung würde die Isolation der Halle rund 900'000 Franken kosten. Der Eintrittspreis für seine Halle ist vergleichsweise tief: 7 Franken ab 18 Jahren. Jüngere kommen noch günstiger rein. Im beheizten Skillspark Winterthur kostet der Eintritt 15, ab 25 Jahren 20 Franken. «Wir möchten niederschwellig und günstig bleiben», sagt Venegas. «Und den Kindern per Sponsoring Süssgetränke vor die Nase setzen möchte ich eigentlich auch nicht.» In der Halle trainieren im Sommer auch Snowboarder, das Sportamt gibt Kurse, und es finden J+S-Seminare statt. Gemäss der in der Stadt Zürich geltenden SIA-Norm für Sporthallen muss eine Turnhalle im Winter mindestens 18 Grad Celsius warm sein.

Doch diese Norm lasse sich nicht anwenden, meint das Schul- und Sportdepartement, weil die Halle als Fahrzeug-Einstellhalle konzipiert wurde. «Die Freestyle-Halle wurde 2008 vor der Realisierung der Freestyleanlage Allmend-Brunau als Entgegenkommen gegenüber der Freestyleszene, als unbeheizte Übergangslösung offeriert», sagt Sprecher Marc Caprez. Und: «Skaten ist eine Outdoorsportart.» Bei den Skatern sei es üblich, dass auch bei Kälte und Winter draussen trainiert würde. Der Freestylepark in der Allmend würde jedenfalls auch bei Kälte im Winter rege genutzt.

«Dank der Freestyle-Halle kann sichergestellt werden, dass auch bei Schnee ein Angebot besteht», sagt Caprez. Die Stadt verstehe das Bedürfnis der Skater. Der ordentliche Einbau einer Heizung würde jedoch zu grosse Eingriffe erfordern, und das Beheizen mit Deckenheizlüftern wäre zwar möglich, würde jedoch kaum bewilligt, weil der Energieverlust wegen der fehlenden Isolierung enorm ausfallen würde.

Tennis, Volleyball oder Basketball seien auch Outdoorsportarten, hätten aber Hallen, meint Venegas und gibt noch nicht auf: «Wir hoffen immer noch, dass wir endlich Gehör finden und auf die Agenda der städtischen Politik kommen. Die SP und den Quartierverein konnten wir schon überzeugen», sagt er, während er vom warmen Büro wieder in die kalte Halle geht. Im Treppenhaus hängen Porträts von Skatern, die hier trainieren. «Was gibt dir Skaten?», wird im Steckbrief dazu gefragt: «Halt», findet sich unter den Antworten, «Spass», «ein ruhigeres Bauchgefühl», «starke Beine» und «einen ruhigeren Kopf». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2019, 14:41 Uhr

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