Interview

«Keine Sozialwissenschaft hat sich so stark verändert wie die Ökonomie»

Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr reagiert auf den Vorwurf von Zürcher Studenten, das Wirtschaftsstudium sei realitätsfern. Der Volkswirt verteidigt sein Fachgebiet, weist die Kritik aber nicht gänzlich zurück.

Professor Ernst Fehr am Institut für Volkswirtschaftslehre in Zürich: «Unsere Mittel sind im Vergleich zu anderen Spitzenfakultäten relativ bescheiden.» Foto: Reto Oeschger

Professor Ernst Fehr am Institut für Volkswirtschaftslehre in Zürich: «Unsere Mittel sind im Vergleich zu anderen Spitzenfakultäten relativ bescheiden.» Foto: Reto Oeschger

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Studierende sagen, in der Wirtschaftswissenschaft herrsche eine Scheuklappenmentalität vor. Was sagen Sie dazu?
Eine solche pauschale Verurteilung wird der Sache nicht gerecht. Keine andere Sozialwissenschaft hat sich in den letzten 20 Jahren so stark verändert wie die Wirtschaftswissenschaften. Vor allem die immer wichtigere «Verhaltensökonomie» ist eng mit der Forschung in Psychologie, Soziologie und selbst in der Neurowissenschaft verknüpft. Gerade die Volkswirte an der Universität Zürich haben bei dieser Öffnung der Wirtschaftswissenschaften eine wichtige Rolle gespielt.

Mit Bezug auf wichtige makroökonomische Zusammenhänge haben die Ökonomen aber versagt. Die meisten Ökonomen hielten eine Finanzkrise für ausgeschlossen, bis sie da war. Die Ökonomen haben ihre Schwere unterschätzt und streiten bis heute über die angemessenen Rezepte.
Tatsächlich sind in manchen Bereichen der Makroökonomie die Fortschritte weniger ausgeprägt. Bis zur Krise haben die Ökonomen die Bedeutung der Finanzmärkte für die Gesamtwirtschaft vernachlässigt. Das hat sich seither allerdings stark geändert. Auch die quantitative Erforschung des Einflusses von Stimmungsschwankungen auf die Konjunktur wird heute verstärkt wahrgenommen, und die Universität Zürich konnte vor kurzem einen der weltweit führenden Forscher auf diesem Gebiet für sich gewinnen.

Schon in den 1930er-Jahren hat John Maynard Keynes viel Gewicht auf die sogenannten «Animal Spirits» gelegt. Damit meinte er, dass etwa für Investitionsentscheide ein spontaner Optimismus oder Pessimismus wichtiger ist als eine kühle Berechnung, für die oft Grundlagen fehlen. Die Ökonomen gingen aber weiter von kühl berechnenden Individuen aus.
Die Feststellung, dass «Animal Spirits» von Bedeutung sind, reicht nicht. Die Forschung muss darüber hinausgehen. Wir müssen Genaueres über die Wirkungszusammenhänge wissen. Sonst laufen wir Gefahr, alles, was wir nicht verstehen, mit «Animal Spirits» zu «erklären». Wenn die Unternehmen nicht investieren, kann das verschiedene Gründe haben. Das wollen wir genauer verstehen.

Wirtschaftsstudierende und auch andere scheinen von den neuen Entwicklungen wenig zu spüren. Sie beklagen sich, dass die gelehrten Theorien noch immer vom Menschen als reinem Nutzenmaximierer ausgehen. Wie weit finden die neuen Entwicklungen Eingang ins Studium der Ökonomen?
Ich kann nicht für andere sprechen. Doch es würde sicher nicht schaden, wenn die Theorien, die die Studierenden im Grundstudium lernen, vermehrt mit Fakten und neueren Forschungsergebnissen konfrontiert würden. Ich selbst biete jedes Jahr Veranstaltungen an, in denen neue Ansätze berücksichtigt und erforscht werden: So wird etwa untersucht, unter welchen Umständen Menschen sich altruistisch verhalten, unter welchen egoistisch, wie sich Risikopräferenzen im Konjunkturverlauf ändern und was das jeweils für Konsequenzen hat.

Offenbar hapert es bei der Konfrontation der Theorie mit der Praxis noch.
Das ist gut möglich. Das liegt zu einem grossen Teil daran, dass die gängigen Lehrbücher die neuen Forschungsergebnisse noch viel zu wenig enthalten. Aber wer heute in Zürich studiert, findet viele Angebote, in denen moderne Ansätze wie etwa aus der Verhaltensökonomie gelehrt werden. Wir bieten hier mehr als die meisten anderen Universitäten.

In der Volkswirtschaftslehre spielt die Mathematik eine immer grössere Rolle. Wie lässt sich das mit dem grösseren Realitätsbezug in Übereinstimmung bringen?
Je mehr man sich von alten Modellen verabschiedet und sie an die komplexere Realität annähert, desto komplexer wird auch die Mathematik. Aber damit steigt auch die Aussagekraft der Forschung.

Wie steht es um die Wirtschaftsgeschichte und um das Verständnis von Institutionen wie der SNB, die in der wirtschaftlichen Praxis hierzulande eine grosse Rolle spielen? Von Uni-Professoren ist zur konkreten Schweizer Wirtschaftspolitik nicht mehr viel zu hören.
Dass diese Themen gelehrt werden müssen, ist unbestritten. Die Wirtschaftsgeschichte haben wir daher mit neuen Professoren und Lehrbeauftragten aufgewertet.

Immer wieder wird auch kritisiert, dass die Wirtschaftsethik heute zu kurz kommt. Auch an der Universität Zürich.
Eine empirisch orientierte Wirtschaftsethik, die erforscht, wie man die Wirtschaftsakteure zur Einhaltung ethischer Grundsätze animiert, ist sehr wünschenswert. Bei der empirischen Ethikforschung haben wir schon jetzt einiges zu bieten.

Genügt Ihnen das?

Nein, wir sind noch nicht so weit, wie ich es gerne hätte. Auch einen speziellen Lehrstuhl für Ethik und Ökonomie – für den wir gerade eine private Finanzierung suchen – würde ich mir wünschen.

Das Geld sollte doch vorhanden sein. Die Grossbank UBS hat Ihnen 100 Millionen Franken für die Forschung zur Verfügung gestellt.
Mit diesen Mitteln machen wir Riesenschritte – sie stärken unsere Forschung etwa im Grenzbereich zwischen Makroökonomie und Finanzmärkten und helfen uns, die Zürich Graduate School of Economics auszubauen. Diese Mittel tragen daher auch zum hohen internationalen Renommee der Wirtschaftsfakultät der Universität Zürich bei. Aber unsere Mittel sind natürlich im Vergleich zu anderen europäischen Spitzenfakultäten immer noch relativ bescheiden. Die London School of Economics oder Oxford haben zwischen 50 und 60 Volkswirtschaftsprofessoren, während wir nur knapp über 20 haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2013, 10:19 Uhr

Ein Pionier mit Weltruf

Ernst Fehr ist Wirtschaftsprofessor und Direktor der volkswirtschaftlichen Abteilung der Universität Zürich. Dank seinen Arbeiten im Bereich der Verhaltensökonomie zählt Zürich in Bezug auf die Volkswirtschaftslehre zu den führenden Universitäten. Der Österreicher Fehr wird immer wieder als Anwärter für den Wirtschaftsnobelpreis gehandelt.


In seiner wissenschaftlichen Arbeit befasst er sich unter anderem mit dem Einfluss, den die Wahrnehmung von Fairness auf das wirtschaftliche Verhalten von Individuen hat. Diese Forschung liefert Antworten auf die Frage, welche Entlöhnungssysteme die Produktivität eines Unternehmens am besten fördern. Fehr ist ausserdem Pionier im Gebiet der Neuroeconomics. In diesem jungen Zweig der Ökonomie werden wirtschaftliche Entscheidungsprozesse mit Methoden der Hirnforschung untersucht.


Nicht überall goutiert wird Fehrs Zusammenarbeit mit der UBS. Die Grossbank hat ein wissenschaftliches Zentrum unter seiner Leitung mit 100 Millionen Franken dotiert.

Aufgewachsen ist der 1956 geborene Fehr in Vorarlberg, sein Volkswirtschaftsstudium hat er in Wien absolviert. Seit 1994 lehrt er in Zürich, wo er mit seiner Familie auch lebt. (mdm)

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