Keinen Bock, die Bude zu räumen

Die Woko stellt Studenten günstigen Wohnraum zur Verfügung – zu klaren Bedingungen. Doch viele Bewohner behalten ihr Zimmer mit allerlei Tricks, obschon sie längst Platz machen müssten.

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Katja B.* ist eine ehemalige Bewohnerin einer Wohnung der Studentischen Wohngenossenschaft Zürich (Woko). Sie wechselte im letzten Jahr von der Universität Zürich zur ZHAW in Winterthur, was sie der Genossenschaft telefonisch mitteilte. Da sie nicht mehr in Zürich selbst studierte, musste sie ihr Zimmer räumen. Ganz, wie es die Regeln der Woko verlangen. Doch viele Bewohner nehmen diese kaum ernst und finden allerlei Wege, ihre günstige Bleibe zu behalten.

Die WG-Zimmer sind wegen des knappen Angebots an günstigem Wohnraum bei Studenten äusserst beliebt: Auf jedes freie Zimmer gehen im Schnitt rund 40 Bewerbungen pro Tag ein. Momentan wird auf der Woko-Website nur ein einziges angeboten. Weitere zehn gibt es zur Untermiete – von Studenten, die sich beispielsweise im Auslandssemester befinden.

Ein Glückspilz also, wer sich im WG-Casting gegen mehrere Dutzend Mitbewerber durchsetzt und in ein Zimmer ziehen darf. Die einzigen beiden Eintrittsbedingungen: Man muss Student an einer Universität oder Hochschule mit Standort in Zürich sein, und der Bewerber darf das 28. Lebensjahr nicht überschritten haben. Das Alter lässt sich durch die Woko gut kontrollieren, schwieriger gestaltet sich dies aber beim zweiten Kriterium.

Nur sporadische Kontrollen

Denn Studenten, die gegen die geltenden Regeln verstossen, um ihr Zimmer zu behalten, sind kein Einzelfall. Dies zeigt ein Besuch einer WG der Woko-Siedlung Bülachhof: Alle Bewohner kennen mehrere Personen, die sich nicht an die Vorgaben halten. Einer ihrer ehemaligen Mitbewohner beendete sein Studium und blieb rund ein Jahr länger in seinem günstigen Zimmer. Dies, obwohl er bereits Vollzeit arbeitete. «Er hatte einfach keinen Bock, sich eine neue Wohnung zu suchen», sagen seine ehemaligen Mitbewohner. Normalerweise müsste jeder seine Wohnung innerhalb von vier Monaten nach der Exmatrikulation räumen.

Möglich war dies nur dank der Tatsache, dass die Woko nicht regelmässig kontrolliert, ob die Bewohner weiterhin immatrikuliert sind. «Wir führen momentan nur sporadisch Mietkontrollen durch», sagt Pascal Wirsch, der bei der Genossenschaft für Vermietung und Buchhaltung zuständig ist. Man arbeite aber daran, in Zukunft jedes Semester die Legi zu kontrollieren.

Ein weiteres Problem sind jene, die zwar immatrikuliert sind, aber nicht Vollzeit studieren, sondern arbeiten. Diese schreiben sich beispielsweise nur für einen Kurs an der Uni ein, um in der Woko weiterwohnen zu können. Zwar wäre dies Vollzeitstudierenden vorbehalten. Aber weil jeder Immatrikulierte eine Legi erhält, ist es der Genossenschaft nicht möglich, zu kontrollieren, wer die Vorgabe erfüllt. Im Bülachhof kennt man gleich mehrere solcher Fälle: «Die gibt es in fast jeder WG, aber da kann man nichts machen.»

Eine Person, die schon seit über einem Jahr Vollzeit arbeitet und trotzdem noch in einer Woko-Wohnung blieb, sagt dazu: «Wir wissen ja alle, wie schwer es ist, in Zürich eine Wohnung zu finden; jeder muss auf sich selbst schauen.»

Von Studenten für Studenten

Doch damit nicht genug. Gewisse Bewohner der günstigen WG-Zimmer erfüllen überhaupt keine der Woko-Kriterien. Die WG im Bülachhof ist empört, als eine Bewohnerin erzählt, dass Leute in der Woko wohnen, die keine Studenten sind: «Ich kenne sogar einen Fall, bei dem ein Mann angemeldet ist, aber eine Frau in der WG wohnt.» Der Trick funktioniert so: Ein Student unterschreibt den Vertrag anstelle des eigentlichen Bewohners. Der Student selbst lebt dann unter dessen Namen in einer anderen Wohnung.

Die rund 2000 Zimmer, welche die Woko anbietet, kosten im Schnitt 500 Franken inklusive Nebenkosten, TV- und Internetanschluss und Putzmittel. Zudem sind die Wohnungen oft ohne Aufpreis möbliert. Dies, obwohl die Woko selbsttragend und ohne Subventionen funktioniert. Die Woko wurde vor rund 60 Jahren von Studenten beider Zürcher Hochschulen als Wohnbaukommission ins Leben gerufen. Ihre Wohnangebote sind in der ganzen Stadt verteilt und reichen vom Haus über Blöcke bis hin zur ganzen Siedlung.

*Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 11.01.2013, 11:31 Uhr

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