Kesb interveniert seltener als Vorgängerinstanz

Halb so viele Fremdplatzierungen von Kindern, deutlich weniger andere Massnahmen: In Zürich ist die Kesb weniger umtriebig als die frühere Vormundschaftsbehörde.

«Die Behörden greifen zum Schutz und zur Unterstützung von Kindern und Erwachsenen nur dort ein, wo die Hilfe nicht anders geleistet werden kann»: Kesb-Präsident Michael Allgäuer.

«Die Behörden greifen zum Schutz und zur Unterstützung von Kindern und Erwachsenen nur dort ein, wo die Hilfe nicht anders geleistet werden kann»: Kesb-Präsident Michael Allgäuer. Bild: Siggi Bucher/Keystone

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Im vergangenen Jahr wurden in Zürich 54 Kinder von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) fremdplatziert. 2013, als das revidierte Kindes- und Erwachsenenschutzrecht in Kraft trat, waren es noch 90 gewesen. Ähnlich war die Entwicklung in diesem Zeitraum bei den angeordneten Kindesschutzmassnahmen: Deren Zahl ging von 437 auf 351 zurück. Die Erwachsenenschutzmassnahmen sanken zwischen 2013 und 2016 von 559 auf 504.

Von einem Trend will Kesb-Präsident Michael Allgäuer jedoch nicht sprechen. Tiefere Zahlen könnten viele Ursachen haben, betonte er heute Mittwoch an einer Medienkonferenz. Bei deren Interpretation sei deshalb Vorsicht geboten. Insbesondere bei kleinen Fallzahlen wie etwa den Platzierungen könnten immer wieder starke Schwankungen auftreten. Im Zehnjahresvergleich seien die Zahlen nämlich ziemlich konstant.

Kesb kommt zuletzt zum Zug

Klar ist für Allgäuer jedoch: «Die Behörden greifen zum Schutz und zur Unterstützung von Kindern und Erwachsenen nur dort ein, wo die Hilfe nicht anders geleistet werden kann». An erster Stelle stehe immer die Familie. Erst am Schluss komme die Kesb zum Zug.

Konkret heisst das nach Allgäuer: Massnahmen kommen erst in Frage, wenn Schutz und Unterstützung nicht anders gewährleistet werden können - beispielsweise durch die Familie oder nahestehende Personen. Allgäuer unterstrich diese Aussage damit, dass rund zwei Drittel der Meldungen, die bei der Kesb eingehen, keine Massnahme zur Folge haben.

Der Einbezug der Angehörigen gehöre zum Alltag der Kesb, versicherte Allgäuer. So würden bei Kindesschutzmassnahmen Eltern und Kinder ab 6 Jahren grundsätzlich immer angehört und bei Bedarf weitere Personen aus dem familiären Umfeld einbezogen. Die Kooperation der Eltern sei für das Gelingen einer Massnahme entscheidend, stellte der Kesb-Präsident fest.

Wie wichtig die Rolle von Angehörigen ist, zeigt sich bei der Einsetzung von Beiständen. Rund ein Viertel der Beistandschaften von Erwachsenen in der Stadt Zürich werden von Eltern, Angehörigen oder Freiwilligen übernommen. Das sind laut Allgäuer insgesamt 1250 Beistandschaften. Bei Kindern werden praktisch ausschliesslich Berufsbeistände eingesetzt.

Verwandte nicht immer die Nächsten

Beim Einbezug von Angehörigen gibt es laut Allgäuer aber auch Schranken. So könnten etwa Schutzbedürftige eine Unterstützung durch Verwandte ablehnen, weil sie zerstritten seien oder ein Angehöriger aus fachlichen Gründen als Beistand nicht geeignet sei - etwa weil er das Einkommen des Schutzbedürftigen nicht verwalten kann.

Verwandtschaft heisse nicht automatisch Nähe zur betroffenen Person, betonte Allgäuer. In den meisten Fällen treffe die Kesb nicht auf heile Familien. Ein Nachbar könne manchmal eine engere Beziehung zu einer schutzbedürftigen Person haben.

Nachbar oder Verwandter?

Behördenmitglied Peter Nussberger illustrierte dies an einem Fallbeispiel einer dementen Frau, die ihren Nachbarn als Beistand eingesetzt hatte für den Fall, dass sie ihre Urteilsfähigkeit verlieren sollte. Damit war jedoch ihr Sohn nicht einverstanden. Dieser konnte nicht verstehen, dass seine Mutter eine fremde Person als Vorsorgebeauftragten bestimmt hatte und setzte sie unter Druck. Aus Angst, die Familie könnte auseinanderfallen, willigte die demente Frau schliesslich ein, dem Sohn die Beistandschaft zu übertragen. In der Zwischenzeit habe der Nachbar sein Amt wegen des Widerstandes der Nachkommen niedergelegt, sagte Nussberger. Die Kesb müsse nun entscheiden, ob der Sohn oder eine Amtsperson als Beistand eingesetzt werden soll. Entschieden sei der Fall noch nicht.

Wer die Kesb heraushalten will, dem rät Allgäuer, sich rechtzeitig für den Fall des Verlustes der Urteilsfähigkeit beispielsweise wegen Demenz oder eines plötzlichen Unfalls abzusichern. Dabei sollten sowohl die Vertretung als auch die Bankvollmachten in einem Vorsorgeauftrag bezeichnet werden. In der Stadt Zürich werden jährlich rund 90 Vorsorgeaufträge bei der Kesb hinterlegt. (sda/pu)

Erstellt: 12.04.2017, 14:42 Uhr

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