Kinderärzte dringend gesucht

Die Geburtenrate steigt, der Mangel an Kinderärzten in Zürich spitzt sich zu. Viele Eltern werden abgewiesen und weichen auf Notfallpraxen aus. Das birgt Risiken für die Kinder und kostet mehr.

Für die vielen Babys, die in Zürich zur Welt kommen, fehlt es an Kinderärzten: Ein Kind bei einer Arztkonsultation in einer Zürcher Kinderarztpraxis.

Für die vielen Babys, die in Zürich zur Welt kommen, fehlt es an Kinderärzten: Ein Kind bei einer Arztkonsultation in einer Zürcher Kinderarztpraxis. Bild: Sabina Bobst

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Kinderärzte sind gefragte Leute. Ihr Telefon klingelt ununterbrochen, täglich müssen sie Eltern enttäuschen, weil sie keine neuen Patienten mehr aufnehmen können. «Das Problem wird sich noch zuspitzen», sagt Gian Bischoff, Co-Präsident der Zürcher Kinderärzte. Ein Drittel der Stadtzürcher Hausärzte und Kinderärzte sei über 60 Jahre alt und werde in den nächsten fünf Jahren pensioniert; der Nachwuchs fehle. Vergangenes Jahr musste in Oerlikon, in Schwamendingen und in Höngg je eine Kinderarztpraxis schliessen, weil niemand sie übernehmen wollte.

Gleichzeitig kommen jedes Jahr mehr Babys auf die Welt: 2011 wurden in der Stadt Zürich 4760 Kinder geboren, 2010 waren es noch 4588 gewesen, zehn Jahre zuvor 3472. Auch im Kanton steigt die Geburtenrate.

Der knappen Versorgung stehen anspruchsvolle Eltern gegenüber. «Wir ersetzen auch die Grosseltern», sagt Bischoff. Früher hätten unsichere Eltern Ratschläge bei den Grossmüttern geholt und Fieber erst einmal mit Hausmittelchen wie Essigsocken behandelt. Heute gehen Eltern mit fiebrigen Kindern oft direkt zum Arzt. Das Internet als Informationsquelle nütze wenig, verstärke die Sorgen oft eher noch. «Eltern brauchen jemanden, der sagt: Ich sehe, was Ihr Kind hat, es ist nicht schlimm», sagt Bischoff.

«Die heutigen Eltern übernehmen nur wenig Verantwortung und stehen unter dem Druck, funktionieren zu müssen», sagt Kinderarzt Roland Kägi. Ihr Kind soll am nächsten Tag die Krippe besuchen können, sie müssen zur Arbeit. «Alles muss heute schnell gehen.» Stellten die Eltern fest, dass das Kind fiebert, erwarteten sie einen Termin innerhalb von zwei Stunden. «In den Augen der Eltern ist vieles ein Notfall.» Kägi berichtet von Patienten, die wöchentlich mehrmals seine Praxis oder eine Permanence mit einer Notfallstation aufsuchten. Er wünscht sich mehr Selbstverantwortung und Kostenfolgen für das eigene Portemonnaie. In Deutschland habe eine Kostenbeteiligung für Arztkonsultationen zu einer Abnahme der Besuche geführt.

Permanence statt Kinderarzt

Attila Molnar leitet die Kinder-Permanence beim Hauptbahnhof. An Wochentagen behandelt er mit seinem Team etwa 30, an Feiertagen und am Wochenende bis zu 70 Kinder. Er unterscheidet zwischen Notfällen aus medizinischer Sicht und Notfällen aus Sicht der Eltern. Bei 30 bis 40 Prozent der Konsultationen in seiner Permanence handle es sich um medizinische Notfälle, zum Beispiel um ein Kleinkind, das seit fünf Tagen hohes Fieber habe und sich in einem allgemein schlechten Zustand befinde.

Beim Rest der Fälle gehe es darum, unsichere Eltern zu beraten. Mit seiner Permanence will Molnar Kindern helfen, deren Arzt gerade keine Zeit hat, und die Notfallstationen der Spitäler entlasten. Anfang Februar hat auch das Spital Zollikerberg eine Kinder-Permanence eröffnet, um die Notfallstation zu entlasten. Täglich melden sich Eltern bei Attila Molnars Permanence, die keinen Kinderarzt finden.

Die Entwicklung, dass immer mehr Eltern ohne einen eigenen Kinderarzt auskommen müssen, bereitet Molnar Sorge. «Es ist wichtig, dass jemand die Krankengeschichte eines Kindes kennt, seine Entwicklung verfolgt und Akutsituationen erfassen kann.» Molnar beschäftigt fünf Kinderärzte – vier von ihnen sind Deutsche. «Ich würde gerne Schweizer einstellen», sagt er, «nur gibt es keine.»

Gründe für den Mangel an Kinderärzten gibt es laut Experten viele:

  • Der Eignungstest fürs Medizinstudium prüft nicht die Fähigkeit, auf Patienten einzugehen. Viele Anwärter mit dieser Qualität, die das Profil von Haus- oder Kinderärzten erfüllen würden, scheitern bereits am Numerus clausus.
  • Assistenzärzte werden von Spezialisten an Spitälern ausgebildet, die Arbeit in einer Praxis erscheint danach vielen als zu banal.
  • Wie die Lehrer haben auch Kinderärzte mit zunehmender Bürokratie zu kämpfen: Eltern müssen ihre Abwesenheit beim Arbeitgeber mit Arztzeugnissen belegen, und die Abrechnungen mit den Krankenkassen brauchen viel Zeit.
  • Hinzu kommt der tiefere Lohn: Laut der Ärztevereinigung FMH beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Kinderarztes 173'000 Franken, während Spezialisten zum Teil das Doppelte verdienen.

Teilpensen verstärken Mangel

10 bis 12 Assistenzärzte schliessen jährlich die Ausbildung als Kinder- und Jugendmediziner am Kinderspital Zürich ab. Weniger als die Hälfte von ihnen arbeiten anschliessend in einer Praxis, die anderen bleiben als Oberärzte im Spital oder bilden sich zu Spezialisten weiter. Im Kanton hat die Zahl der Kinder- und Jugendmediziner, die in einer Praxis arbeiten, in den letzten Jahren leicht zugenommen, von 158 (2010) auf 160 (2011) und 169 (2012).

Mehrheitlich Frauen wählen dieses Berufsfeld, und viele von ihnen arbeiten später Teilzeit; auch männliche Kinderärzte wählen zunehmend Teilzeitpensen. «Um einen älteren Kinderarzt zu ersetzen, der in Pension geht, braucht es drei Absolventinnen und Absolventen, die Teilzeit arbeiten», sagt Ulrich Lips vom Kinderspital Zürich. Er hält die Versorgungslage für prekär, zumal die Kinder von heute nicht gesünder seien. «Es gibt viele Frühgeborene und mehr chronisch kranke Kinder, die dank der modernen Medizin überleben.»

Gian Bischoff, der Co-Präsident der Zürcher Kinderärzte, hofft, dass die Bemühungen der Fachgesellschaften und politische Massnahmen die Entwicklung entschärfen. Das Parlament bearbeitet zurzeit die Hausarzt-Initiative, die der Bundesrat ablehnt. Bischoff erwartet einen attraktiven Gegenvorschlag, der die Hausarzt- und Kindermedizin an den Universitäten fördert. Zudem will der Bundesrat die Haus- und Kinderärzte besser entlöhnen (siehe Artikellink).

Bis die Massnahmen greifen, möchte Attila Molnar bei den Eltern ansetzen und sie weiterbilden. Er plant Nothelferkurse, in denen Eltern lernen, bei wie viel Fieber sie den Arzt aufsuchen sollten und welche Wunden genäht gehören. «Aber mir fehlt bisher die Zeit dafür.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2013, 06:40 Uhr

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