Kinderspital wehrt sich gegen Vorwürfe

Dem Kinderspital wird eine hohe Sterblichkeitsrate vorgeworfen. Die Spitalleitung spricht von einem unzulässigen Vergleich mit anderen Kinderherzzentren.

Besonders risikoreich: Operation an einem Kinderherz. Foto: Keystone

Besonders risikoreich: Operation an einem Kinderherz. Foto: Keystone

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Bislang gab sich das Kinderspital äusserst bedeckt, wenn es um die Herausgabe von Zahlen zu Komplikationen und Todesfällen in der Herzchirurgie ging. Solche Zahlen hatte der «Tages-Anzeiger» schon im Dezember 2018 verlangt – wenige Wochen nach der Freistellung von Michael ­Hübler, dem Leiter der Herzchirurgie. Erst auf ein Nachhaken Ende März und mit Hinweis auf das Öffentlichkeitsgesetz zeigte sich das Kispi bereit, die Zahlen zusammenzustellen. «Das dauert aber einige Wochen», liess Generalsekretär Urs Rüegg dazu verlauten.

Doch dann ging alles plötzlich sehr schnell. Weil die Zeitungen von CH Media gestern mit der Schlagzeile «Erhöhtes Sterberisiko am Kinderspital» ­erschienen waren, sah sich das Kispi gezwungen, eilends eine Medienkonferenz einzuberufen. Das Ziel der Presseorientierung war es, die «nicht validen, falschen Aussagen» in dem Artikel zu widerlegen, wie es Kinderspital-CEO Markus Malagoli gleich zu Beginn formulierte.

Malagoli brachte eine grosse ­Entourage mit: den ärztlichen Direktor Michael Grotzer, den chirurgischen Direktor Martin Meuli, den Co-Leiter Kardiologie Oliver Kretschmar und zwei weitere Spitzenkräfte. Ein Spezialist der Herzchirurgie, um die sich derzeit alles dreht am Kispi, fehlte allerdings. Seit der Freistellung von Michael Hübler fehlt am Kinderspital viel herzchirurgisches Know-how. Einmal die Woche kommt René Prêtre, der Vorgänger von Michael Hübler, von Lausanne nach Zürich, um die «komplexen» Fälle zu operieren.

«Keine Vorselektion»

Worum ging es bei der Pressekonferenz? Die Zeitungen von CH Media berichteten in dem vom Kispi angeprangerten Artikel über eine Studie, in der es um die Todesfälle bei Kindern mit einem seltenen angeborenen Herzfehler ging, einem sogenannten hypoplastischen Linksherzsyndrom. Bei dieser Fehlbildung ist die linke Herzhälfte nicht vollständig entwickelt. In der Studie berichtete das Kispi über 57 operierte Kinder im Zeitraum von 2001 bis 2014, 22 davon starben, also etwa 39 Prozent. Als Vergleich zitierte die Zeitung zwei Studien der Kinderherzzentren Giessen und Utrecht, die beide eine deutlich tiefere Todesrate zeigten, jeweils unter 20 Prozent.

Das Kispi wehrte sich vor allem gegen diesen Vergleich. «Wir machen keine Vorselektion bei den Patienten zwischen leichten und schweren Fällen», sagte Martin Meuli. Man lehne im Gegensatz zu anderen Zentren keine Operationen ab. Solche Vergleiche seien daher nicht zulässig. Nur: Dass die Zahlen am Kispi bei dieser seltenen Operation – im Durchschnitt werden in Zürich pro Jahr nur fünf Patienten mit einem hypoplastischen Linksherzsyndrom operiert – relativ hoch sind (oder zumindest in dem Zeitraum waren), «schleckt keine Geiss weg», wie es Martin Meuli gegenüber dem «Tages-Anzeiger» formulierte.

Denn auch eine zweite Kispi-Studie zu dem Thema zeigte mit 27 Prozent eine deutlich höhere Mortalität bei den Linksherz-Patienten als in anderen grossen Kinderherzzentren. «Die grösseren Zentren haben gute Zahlen», sagt Meuli, «möglicherweise auch in der puren Wahrheit bessere Zahlen.» Man wolle am ­ ­Kinderspital zwar wo immer möglich bei den Besten mitspielen, sagt Meuli, aber: «Bei den Linksherz-Hypoplasten sind wir nicht in der Champions League.»

Zu wenig Operationen

Dann präsentierte das Kispi eigene, aktuellere Zahlen zu den Mortalitätsraten, also jene Zahlen, die der «Tages-Anzeiger» schon vor Monaten eingefordert hatte. Oliver Kretschmar zeigte dabei auf, dass die Sterblichkeit, über die wichtigsten Herzoperationen gemittelt, nur leicht über der internationalen Vergleichsmarke liegt. 2016 starben am Kispi demnach 2,9 Prozent der operierten Kinder, international waren es 2,6 Prozent. 2017 lauteten die Werte 3,4 Prozent (Kispi) und 2,9 Prozent (Vergleich). Für 2018 gibt es erst Zahlen vom Kispi, letztes Jahr starben 4,5 Prozent der operierten Kinder. Dass die Kispi-Zahlen jeweils leicht über der Benchmark liegen, hat vermutlich mit den zu tiefen Fallzahlen am Kispi zu tun, wie die anwesenden Experten einräumten. Im Schnitt werden am Kispi pro Jahr weniger als 250 Kinder operiert, nötig für eine hohe Qualität wären aber 300 bis 600 Operationen pro Jahr, wie internationale Richtlinien empfehlen.

Was an der Medienkonferenz nicht thematisiert wurde: Die hohen Mortalitätsraten bei Linksherz-Hypoplasten stammen aus den Jahren 2001 bis 2014 – also aus jener Zeit, als der renommierte Kinderherzchirurg René Prêtre am Kispi die Leitung innehatte. Beim aktuellen grossen Disput am Zürcher Kinderspital geht es hingegen um die Freistellung von Michael Hübler und die Entlassung des Assistenzarztes A.S., der sich dagegen wehrt und sich seit über sechs Wochen im Hungerstreik befindet.

Erstellt: 14.05.2019, 23:01 Uhr

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