Kirche zieht sich aus Hilfe für Suizidbetroffene zurück

Der reformierte Zürcher Stadtverband hebt seine Fachstelle Kirche und Jugend auf: Die Suizidnachsorge gehöre nicht zur Kernkompetenz der Kirche.

Eine neue Richtung: Der Reformprozess trifft inhaltliche Angebote. Foto: Marcduf (Getty)

Eine neue Richtung: Der Reformprozess trifft inhaltliche Angebote. Foto: Marcduf (Getty)

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Jörg Weisshaupt hatte nach den Zürcher Jugendunruhen der 80er-Jahre die Fachstelle Kirche und Jugend aufgebaut und sie 30 Jahre lang geleitet. Jetzt, mit 61 Jahren, muss der Sekundarlehrer mit Katechetikausbildung gehen. Im Zuge des Reformprozesses zu einer grossen Kirchgemeinde hat der reformierte Stadtverband seine einzige Fachstelle mit 320 Stellenprozenten auf Anfang 2018 abgeschafft. Die Fachstelle hatte die Jugendarbeit in den 34 Kirchgemeinden der Stadt koordiniert, Veranstaltungen zu Themen wie Radikalisierung organisiert, über neue religiöse Bewegungen informiert und trug die beliebte «Nacht der Lichter» mit. Darüber hinaus unterstützte sie am Rande andere innovative Projekte wie die spätere Notfallseelsorge oder die Streetchurch für junge Menschen.

Stellenleiter Weisshaupt hat sich vor allem einen Namen als Pionier der sogenannten Suizidnachsorge gemacht. Innerhalb der Fachstelle leitete er geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene, die jemanden durch Suizid verloren haben. Solche Gruppen gibt es mittlerweile auch in Bern und Biel, bald auch in St. Gallen. Ende 2016 hat Weisshaupt die Gruppen unter dem Dach des Vereins Trauernetz zusammengeführt.

Immobilien statt Diakonie

Weisshaupt denkt nicht ans Aufgeben, er will seine Projekte teils ehrenamtlich weiterführen und nach anderen Finanzquellen suchen. Allerdings ist er enttäuscht, dass die Kirche die Thematik nicht selber weiterführen und die Fachstelle nicht an die neue Grosskirchengemeinde angliedern will. Er hält es zudem für irreführend, dass der Stadtverband die Aufhebung der Stelle intern unter dem Titel «Jugendarbeit geht zur Basis» kommunizierte.

Auch Roland Gisler, Co-Präsident des Diakonatskapitels Stadt Zürich, kann den Entscheid des Stadtverbands nicht nachvollziehen. Die Fachstelle sei als verlässliche Ansprechstelle für Jugendarbeit sehr geschätzt worden. Mit ihrem Spezialgebiet der Suizidnachsorge sei sie Fahnenträger der ganzen Kirche gewesen. Er bedauert, dass gerade diese Angebote jetzt sich selber überlassen werden. Das nähre die Angst, dass bei der Fusion der Kirchgemeinden die Verwaltung auf Kosten der Inhalte ausgebaut werde. Das ist auch Weisshaupts persönliche Befürchtung: Die Streichung seiner Stelle sieht er als Symptom dafür, dass im Rahmen des Reformprozesses inhaltliche Stellen zugunsten einer aufgeblähten Bürokratie gestrichen werden. Statt wie bisher eine werde es bald acht bis neun Stellen für die Verwaltung der kirchlichen Liegenschaften geben. Die reformierte Kirche will sich künftig zu einem bedeutenden Teil mit der Bewirtschaftung von Immobilien finanzieren. Doch ohne Diakonie fehlten der Kirche die Füsse, kritisiert Weisshaupt.

Der Geschäftsführer des Stadtverbandes, Martin Peier, erklärt, man habe die Fachstelle Kirche und Jugend aufgehoben, weil der gesamte Stadtverband auf Anfang 2019 aufgelöst und einer neuen Geschäftsstelle für die neue Grosskirchgemeinde weichen werde. Wie viele Verwaltungsstellen für die 200 kirchlichen Liegenschaften geschaffen würden, stehe noch nicht fest. Gemäss Peier sind gerade die Suizidprojekte stark an persönliche Beziehungen gebunden. Man habe lange vergeblich nach einem Weg gesucht, die Aufgaben der Fachstelle in einer neuen Form in den Reformprozess einzugliedern. Auch die neue Kirchgemeinde Zürich werde die Begleitungsarbeit von Menschen nach einem gewaltsamen Tod anbieten – im Rahmen der Seelsorge. Suizidnachsorge gehöre aber nicht zur Kernkompetenz der Kirche, dafür gebe es viele einschlägige private und staatliche Organisationen. Weisshaupt widerspricht: «Im Bereich der Nachsorge gibt es sonst keine Organisationen.»

www.trauernetz.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2018, 20:58 Uhr

Nachfolgeprojekt

Hilfe mit Polizisten

Jörg Weisshaupt ist dabei, mit dem Schwerpunktprogramm «Suizidprävention» des Kantons Zürich ein neues Projekt in der Suizidnachsorge aufzugleisen. Bisher war es so, dass sich Beamte der Kantonspolizei Zürich zwei, drei Tage nach einem aussergewöhnlichen Todesfall bei den Hinterbliebenen meldeten. Weisshaupts Projekt zufolge sollen sie neu 10 bis 14 Tage nach einem Suizid bei den Angehörigen nachfragen, ob sie von einem Fachmann in der Person von Jörg Weisshaupt beraten werden wollen. Das Projekt stützt sich auf amerikanische Studien, die besagen, dass «survivors» nach einem Suizid in der Regel vier Jahre warteten, bis sie psychologische Hilfe beanspruchten. Die Trauer nach einem Suizid sei meist kompliziert, weil schuldbeladen. Das Projekt soll den Hinterbliebenen die Chance geben, bald nach dem Suizid die Trauerarbeit anzugehen. (mm)

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