Kleine, sterbende Gegenwelt

Hängende Möbel, pragmatische Hippies, autonome «Schönheit»: Am Samstag gaben Bewohner und Besetzer des Labitzke-Areals Einblick in ihre Räume und Träume – Ende Jahr müssen sie diese verlassen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Herbstsonne gibt alles, was sie noch zu geben hat, das Laub macht auf Farbentherapie, irgendwo zwitschert ein fröhliches Autoradio, Pärchen bummeln Hand in Hand ins Café, und so deutet nichts darauf hin, dass an diesem Nachmittag da draussen in Altstetten Erschlagendes passieren könnte.

Und doch passierts. Auf dem Labitzke-Areal. Am Herbstfest, das die «pragmatischen Hippies, die viel Gemüse essen und ebenso diszipliniert wie hedonistisch leben» (O-Ton eines Österreichers, der hier sein Zuhause gefunden hat), zum Anlass nehmen, der Öffentlichkeit erstmals überhaupt Einblick in ihre Wohnräume und Tagträume zu gewähren. Bei einem Rundgang mit «Musik, Häppchen und Happenings». Klingt harmlos. Doch bereits bei der Station 1 namens «Albulatorium» wird klar: Das inoffizielle Motto dieser Führung, es lautet: «Sachen gibts, die gibts gar nicht!»

Umgekipptes Brockenhaus

Der weitläufige Raum, der vor sieben Jahren als WG etabliert wurde und heute 12 Personen Heim und Heimat bedeutet, sieht auf den ersten Blick aus wie ein umgekipptes Brockenhaus: An der Decke hängen ein Salontisch, Stühle, eine Stewi Libelle (die tatsächlich als Wäschetrockner dient) und andere Gebrauchsgegenstände, die in «normalen» Logen Bodenhaftung haben.

Im Zentrum des Raums befindet sich die Küche, dahinter die Badewanne, die so offen dasteht, dass Menschen mit natürlichem Schamgefühl allein beim Hinsehen die Krise kriegen. Beim zweiten Blick entdeckt man dann auch Zimmer. Das eine besteht aus Bücherregalen und einem Moskitonetz, ein anderes verfügt zwar über Wände, erinnert aber eher an den Darkroom eines berüchtigten Nachtclubs denn an ein Schlafgemach, ein drittes erreicht man durch eine Tür, die aussieht, als wäre sie für Gulliver (der von den Reisen) gezimmert worden.

Und natürlich herrscht am einen und anderen Schauplatz dieses real existierenden Erwachsenenmärchens ein bisschen ein Puff, was eine Besucherin sagen lässt: «Ich finds total läss, aber für mich wärs glaub nichts.»

Angeführt von den «Labitzke-Tour»-Bands Zugluft und Zussamba, betritt die wohlig perplexe Gästeschar bald darauf ein Kunstatelier so hell und gross und inspirierend, dass man am liebsten stante pede zum Pinsel greifen und Leinwände bemalen würde.

Doch schon gehts voran zur nächsten 12-Personen-WG. Sie heisst «Herr Arnold», ist benannt nach einem viel zu früh verstorbenen Kater, der hier hauste, und sie verfügt über das abgehobenste Zimmer des ganzen Komplexes – es befindet sich quasi über Boden schwebend im Durchgang, der einst das eine mit dem andern Fabrikgebäude verband.Wieder gibts Schnittchen und Wodka, dazu die Zürcher Premiere von Marina Rossets poetisch-erotischem Kurzfilm «La fille aux feuilles» auf der Küchenwand.

Die ersten Kleinen legen sich erschöpft auf Diwane und dösen weg, die Grossen aber wirken mehr und mehr verzaubert. Was dazu führt, dass im Raum der Fabritzke-Gemeinschaft – sie wurde vor 14 Jahren ins Leben gerufen und gelte als Mutterschiff der Labitzke-WGs, wie der Tourguide erklärt – zum melancholischen Akkordeonspiel eines Mieters spontan Tango getanzt wird. All das an einem hundsgewöhnlichen Herbstnachmittag mitten in Altstetten – dem Quartier, das im Ruf steht, Zürichs biederstes Pflaster zu sein!

Fortgesetzt wird die Tour d’Horizon im zweiten Gebäude, wo die auf fast 100 Neugierige angewachsene Gruppe auch in den Genuss von Deckenkunst kommt: Diese zeige auf, «dass die Evolution am Schluss in die Reziprozität führt» – was noch viel besser klingt, als das Werk aussieht. Danach stösst man erneut auf ein Puff (diesmal gehts um Sex), unweit davon ist eine Moschee eingemietet, und schliesslich stehen wir in der «Techno-WG», die dem Pseudonym alle Ehre macht, brettert Herbergsvater und DJ Dada Global doch ein sattes Elektro-Set in die gute Stube; schlafende Kids hats danach keine mehr.

Um 18 Uhr ist das Ziel erreicht: Es ist der Autonome Beauty-Salon (ABS) – eine Barackenlandschaft, in der Schönheit dezidiert anders definiert wird als in den Nailstudios der Reststadt und die im Gegensatz zu den Labitzke-Ateliers, deren Bewohner Mietverträge haben, 2011 besetzt wurde. Eine Kerngruppe von 40 Personen hält den ABS-Betrieb aufrecht, kreiert und geboten wird Kultur im weitesten Sinne – was heisst, dass der armenisch-kurdisch-türkische «Chor ohne Grenzen» genauso einen Übungsraum erhält wie jugendliche Skater eine Indoor-Rampe und dass Konzerte und Partys genauso wichtig sind wie die Velowerkstatt oder der Marroniofen.

Ein «Abriss auf Vorrat»?

Es ist eine sonderbar-wunderbare kleine Gegenwelt, die über die letzten 15 Jahre auf diesem fussballfeldgrossen Gelände zwischen Albula- und der Hohlstrasse errichtet wurde. Es ist aber auch eine sterbende Gegenwelt. Mobimo hat das Areal 2011 erworben, sie will hier 2014 eine Wohnüberbauung realisieren, der Abriss der heutigen Bauten soll bereits im Januar beginnen (siehe Box).

Für Anja, Mitglied der Kerngruppe im ABS, ist es ein «Abriss auf Vorrat». Soviel sie wisse, habe Mobimo für das geplante Bauvorhaben noch keine Baueingabe gemacht, und bei normalem Ablauf könne auch nach dieser Eingabe bis zum tatsächlichen Baubeginn viel Zeit verstreichen. «Also ist das Areal nach dem Abriss wahrscheinlich monatelang nichts als eine Brache, die man zum Leben und für die Kultur nutzen könnte», so die Mittdreissigerin. Von Mobimo enttäuscht ist auch Thomas, Ethnologe und freischaffender Journalist. Er ist Mitglied des Fabritzke-Kollektivs, das wie alle andern Parteien schriftlich angewiesen wurde, bis 31. Dezember um 12 Uhr das Gebäude und Gelände zu verlassen. «Mehrere Mietparteien haben für Ersatzlösungen angefragt, doch man hat sie gar nicht ernst genommen.» Wütend mache ihn, dass Mobimo Altstetten jetzt gar als Trendquartier bewerbe: «Wie früher im Kreis 5 will man aus der Kreativwirtschaft Profit schlagen – und das ohne irgendeine Gegenleistung!»

Anja und Thomas sind sich bewusst, dass ihr Labitzke-Abenteuer aufs Ende zugeht. Schlimmer ist für beide aber die Vorstellung, «dass Orte von gelebter Toleranz, die Leben und Arbeiten, Freizeit und Kultur vereinen», gänzlich aussterben könnten. Die Gentrifizierung habe die Peripherie erreicht, sagt Thomas, es gebe kaum mehr Gebäude für eine zeitlich vernünftige und bezahlbare Zwischennutzung. Aus diesem Grund beteiligen sich der ABS und Labitzke am Samstag an einer bewilligten Demo für Lebens- und Freiräume. Das Thema lautet «Wem gehört Zürich?», Beginn ist um 14 Uhr auf der Gemüsebrücke.

Erstellt: 21.10.2013, 07:28 Uhr

Stellungnahme von Mobimo
«Wollen Hand zur Lösung bieten»

Vor zwei Jahren hat die Immobilien-Investmentgesellschaft Mobimo das Labitzke-Areal in Altstetten dem Vorbesitzer Fredy Schönholzer abgekauft. Zum Kaufpreis mag man bei Mobimo keine Angaben machen, zu den Vorhaltungen der jetzigen Bewohner nimmt Peter Grossenbacher, der Leiter des Portfolio-Managements, aber Stellung.

Den Vorwurf, Mobimo betreibe auf dem Labitzke-Areal «Abbruch auf Vorrat», weist er entschieden zurück: «Wir werden im Januar 2014 mit dem Rückbau beginnen. Wegen der umweltgerechten Trennung des Bauschutts und dem toxisch belasteten Boden wird diese Arbeit rund sechs Monate in Anspruch nehmen. Danach werden wir raschmöglichst mit der Umsetzung des neuen Projekts beginnen.» Dabei handle es sich um «eine moderne, lebendige Liegenschaft mit rund 250 Wohnungen im mittleren Preissegment». Geplant seien vor allem Mietobjekte. Zudem verfüge die Überbauung über Gewerberäume.

Nicht einverstanden ist Grossenbacher auch mit der Anschuldigung, Mobimo habe die aktuellen Labitzke-Mieter faktisch ignoriert, als diese sich nach Ersatzlösungen erkundigten: «Meines Wissens waren es drei Anfragen, diese haben wir beantwortet.» Dass man nicht helfen konnte, habe nicht am mangelnden Willen, sondern an fehlenden Räumen gelegen. (thw)

Artikel zum Thema

Der Kampf um die Farbenfabrik

Besetzer und linke Politiker wollen über die Zukunft des Labitzke-Areals mitreden. Die Eigentümerin Mobimo hält an ihren Wohnbauplänen fest. Mehr...

So wohnt man im Mobimo Tower

Heute gewährte die Bauherrin zum ersten Mal einen Blick in die fertiggestellten Luxus-Appartements im Mobimo Tower. Sie sind aussergwöhnlich, lassen aber einige Wünsche offen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...