Klima-Alarm im Musikzimmer

Schattenseiten der Minergie-Bauten: Die trockene Luft in den Unterrichtsräumen der Pädagogischen Hochschule Zürich schädige die Instrumente, sagt Klavierbauer Urs Röllin.

«Die Instrumente an der PH Zürich verstimmen sich überdurchschnittlich stark»: Klavierbauer Urs Röllin in seiner Werkstatt an der Rosenbergstrasse. Foto: Reto Oeschger

«Die Instrumente an der PH Zürich verstimmen sich überdurchschnittlich stark»: Klavierbauer Urs Röllin in seiner Werkstatt an der Rosenbergstrasse. Foto: Reto Oeschger

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Ein halbes Jahr nach der Einweihung der neuen Pädagogischen Hochschule Zürich an der Europaallee leiden nicht nur Studierende und Dozierende körperlich unter einem schlechten Raumklima. Mittlerweile greift die trockene Luft auch die Musikinstrumente an.

Urs Röllin ist Klavierbauer und -stimmer. Seit fast zwanzig Jahren betreut er Instrumente für die PH Zürich mit viel Herzblut. Derzeit sind es 14 Flügel und 21 Klaviere. Jetzt muss er mit ansehen, wie sie im Minergie-Neubau «einem permanenten warmen und zu trockenen Föhn ausgesetzt sind». Röllin sagt: «Die Instrumente verstimmen sich überdurchschnittlich stark.» Die Wartung werde dadurch erschwert, was einen zusätzlichen Arbeitsaufwand zur Folge habe. Ohne sofortige Gegenmassnahmen trockne der Stimmstock aus, entstünden Resonanzbodenrisse, und auch das Gehäuse und die Mechanik würden leiden. Bereits seien erste Schäden zu verzeichnen.

Die 35 Instrumente haben einen Neuwert von schätzungsweise 1,2 Millionen Franken. Um einen «Totalschaden» zu verhindern, meldete der Klavierbauer die «alarmierenden Zustände» der Flügel und Klaviere in einem Brief an seine direkte Vorgesetzte mit der unmissverständlichen Botschaft: «Es besteht dringender Handlungsbedarf.» Angereichert hat er sein Schreiben mit Vorschlägen, wie die Instrumente vor der Verdorrung gerettet werden könnten. Das war vor vier Wochen. Bis heute hat noch niemand darauf reagiert. Den Brief habe man zur Kenntnis genommen, heisst es dazu in der Direktion der PH Zürich trocken.

Keine Gefährdung der Gesundheit

Nach der Eröffnung des Campus Ende September 2012 hatten sich Studierende und Dozierende über die stickige Raumluft beklagt, die ihnen physisch zu schaffen mache: Juckreiz, Kopfweh, Bindehautentzündungen waren die Folge. Ein Student wurde während der Gesangsstunde gar ohnmächtig, verletzte sich am Kopf und musste sich ärztlich behandeln lassen, wie der «Tages-Anzeiger» Anfang Dezember 2012 berichtete. Mediensprecher Reto Klink liess sich damals im Artikel so zitieren: «Wir nehmen an, dass es etwa ein Jahr dauern wird, bis die ganze Anlage von Lüftungstechnikern richtig justiert ist.»

Mitte März hat die PH Zürich an einem eigens einberufenen Informationsabend ihre Mitarbeitenden über das Raumklima informiert. Ein Gutachten, das sie in Auftrag gegeben hatte, kam zum Schluss: Das Raumklima gefährdet die Gesundheit nicht. Verwaltungsdirektor Roger Meier bestätigt aber, dass die Luft während der Wintermonate «zu trocken» sei. Konkrete Zahlen zur Luftfeuchtigkeit seien schwierig zu benennen. Dies, da der Grad der Luftfeuchtigkeit abhängig von der Aussentemperatur sei. «Je kälter es draussen ist, desto trockener ist es drinnen», sagt Meier.

Arbeitsgruppe am Werk

Die PH Zürich hat auf die Rückmeldungen der Mitarbeitenden und den Brief des Klavierbauers hin Massnahmen ergriffen. Eine Gruppe, in der die Bauherrin SBB, der Baukonzern Implenia, das Hochbauamt und die PH Zürich selbst vertreten sind, arbeitet nun daran, die Einstellungen des Systems zu verbessern. Gebäude dieser Art benötigen laut Spezialisten ein bis zwei Jahre, bis sie klimatisch richtig justiert seien, hält Meier nochmals fest. Auch die SBB sagen, es sei nicht unüblich, dass es eine gewisse Zeit brauche, bis neue Anlagen optimal auf die Bedürfnisse der Gebäudenutzer eingestellt seien. Mediensprecher Reto Schärli: «Die Fachleute sind laufend daran, den Betrieb der Lüftung zu optimieren.»

Ob dereinst einzelne Musikzimmer darüber hinaus noch «gezielt befeuchtet» werden, hängt von den Ergebnissen der Arbeitsgruppe ab, sagt Roger Meier.

Im letzten Dezember hatte sich die Raumfeuchtigkeit laut Messungen von Klavierbauer Urs Röllin sowie verschiedenen Mitarbeitenden zwischen 15 und 25 Prozent bewegt. Für Flügel und Klaviere sind gemäss Urs Röllin 50 bis 55 Prozent Luftfeuchtigkeit ideal. Am stärksten spürt man die trockene Luft in kleinen Zimmern. Und genau dort stehen die meisten Klaviere und Flügel.

Entworfen hat den PH-Campus hinter der Sihlpost der Architekt Max Dudler. Der Kanton hat sich bei den SBB eingemietet und die Innenausstattung bezahlt. Wie Baudirektor Markus Kägi (SVP) sagt, ist der bewilligte Kredit von rund 44 Millionen Franken nicht ausgeschöpft worden. Der Kanton und die Bauherrin SBB hüten seit der Einweihung gemeinsam ein Geheimnis: Wie hoch die jährlichen Mietkosten sind, legen weder die Vermieterin noch der Mieter offen.

Erstellt: 13.04.2013, 08:08 Uhr

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