Klotzen in der Zürcher Kinobranche

Obwohl die Zahl der Besucher sinkt, investieren Kinobesitzer in ihre Filmtempel. Warum nur?

Um Zuschauer zu generieren, müssen Kinobetreiber Mehrwert anbieten: Besucher im Le Paris während einer Lunch-Vorstellung über Mittag. Foto: Dominique Meienberg

Um Zuschauer zu generieren, müssen Kinobetreiber Mehrwert anbieten: Besucher im Le Paris während einer Lunch-Vorstellung über Mittag. Foto: Dominique Meienberg

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In Sihlcity und an der Ecke Langstrasse/Europaallee werken Bauarbeiter an Zürichs Kinozukunft. Auf den beiden Baustellen entstehen 14 neue Kinosäle, die Plätze für 1300 Zuschauer bieten. Zürich steuert damit auf einen Rekord zu. Künftig flimmern die Filme über 73 Leinwände in Kinos mit insgesamt mehr als 12'000 Sitzplätzen – so viele wie noch nie. Allein das Kino Arena in Sihlcity wird ab September 18 Säle anbieten und als Megaplex-Theater das grösste seiner Art in der Schweiz sein.

Weniger rekordverdächtig sieht die Statistik der Kinobesucher aus, wie bisher unveröffentlichte Zahlen zeigen. 2014 sind in der Stadt Zürich erstmals weniger als zwei Millionen Zuschauer verzeichnet worden, was in den vergangenen 20 Jahren noch nie vorgekommen ist. Ist ein solcher Ausbau in den Arena Cinemas im Sihlcity nicht blauäugig? «Nein», sagt Arena-Geschäftsführer und Mitinhaber Patrick Tavoli. «Zürich bietet nach wie vor zusätzlichen Raum für gut geführte Kinos.» Dazu zählt Tavoli seinen eigenen Betrieb. Das Arena leide nicht unter Zuschauermangel, man schreibe seit Jahren schwarze Zahlen. Die Erfolgsfaktoren sind laut Tavoli eine gute Lage, zuvorkommender Service, Parkplätze, Anbindung an den ÖV, bequeme Sitze und Top-Vorführtechnik.

Auf die Frage, ob der Kinomarkt Zürich genügend Kapazität für weitere Kinosäle bietet, sagt Tavoli: «Ein solches Denken ist zu engmaschig. Das Kino bewegt sich nicht mehr nur in der Kinolandschaft, sondern im Freizeitmarkt – dies bedeutet, sich gegen viele Mitbewerber zu behaupten.» Deshalb müsse man den Zuschauern Mehrwert bieten. Einen der bestehenden Säle will er deshalb in ein 4-DX-Kino umwandeln, wie es bereits in Genf besteht. Bei diesem neuartigen Typ Kino soll der Zuschauer alle Elemente spüren: Wind bläst durch den Raum, Wasser tröpfelt auf die Zuschauer, es duftet wie in der gezeigten Szene, und die Stühle bewegen sich.

Tavoli will künftig die Programm­vielfalt erweitern. Auch sollen gewisse Filme länger als bis heute laufen. Ebenso will das Kino Arena neben den Synchronversionen wieder vermehrt Filme in der Originalversion zeigen.

Branchenmeinung gespalten

In der Branche sind die Meinungen unterschiedlich, was die Kinoexpansion betrifft. Es gebe sowohl Stimmen, die darin positive Auswirkungen für die Kinostadt Zürich sähen, andere würden sich kritischer äussern, sagt Bea Cuttat vom Schweizer Studiofilm-Verband. «Kleinere Filmproduktionen könnten möglicherweise einen schwereren Stand haben, sollte sich der Trend zu kommerzielleren Filmen verstärken.» Dann wären solche Filme, die tendenziell ein kleineres Publikum ansprechen, gefährdet, da sie keinen Verleiher finden, der das finanzielle Risiko tragen will. Der Verleiher erhält rund 30 Prozent der Kinoeinnahmen. Macht ein Film nun wenig Umsatz, schreibt der Verleiher rote Zahlen, weil er seinerseits Fixkosten bezahlen muss, die auch bei kleinen Filmen fünfstellig sein können.

Cuttat sieht noch ein anderes, generelles Problem für die Studiofilme: die weltweite Überproduktion an Filmen. «Es besteht ein Kampf um Leinwände. Nur ein Teil der produzierten Filme schafft es überhaupt in die Kinos, weil dieser Weg teuer ist.» Bietet sich mit den zusätzlichen Kinoleinwänden eine Chance, mehr Produktionen zu zeigen, die es sonst kaum auf die Leinwand schaffen würden? Das lasse sich schwer prognostizieren, sagt Cuttat. Spielten die Kinobetreiber den neuen «Bond»- oder «Jurassic Park»-Streifen neu auf noch mehr Leinwänden, ändere sich an der Situation nur wenig. Die Studiofilm-Expertin glaubt, dass es zu einem Vedrängungskampf kommen wird.

Für René Gerber, Geschäftsführer des Branchenverbandes Procinema, ist es schwierig einzuschätzen, ob in Zürich künftig zu viele Leinwände stehen. «Zürich ist eine sehr cinephile Stadt und verfügt über ein Einzugsgebiet von einer Million Menschen. Da steckt natürlich viel Potenzial drin.» Ein Kino wie Arena könne seinen Betrieb mit zusätzlichen Sälen wirtschaftlicher betreiben. Gerber glaubt nicht, dass der Wettbewerb über den Preis geführt wird. Darüber herrsche in der Branche auch weitgehend ­Einigkeit. «Die Preise sind im europäischen Vergleich sicher hoch. Doch der Zuschauer erhält dafür auch ein tolles Kinoerlebnis geboten.»

Erstellt: 25.06.2015, 23:47 Uhr

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