Kontrollverlust im Netz – mit Folgen im realen Leben

Der Aufruf zur Zürcher Sauforgie ist heikel. Wer auf Plattformen wie Facebook Spuren hinterlässt, muss auf alles gefasst sein: auf Mobbing und schnüffelnde Chefs. Der Datenschützer warnt.

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Damit hat Jan Fröhlich, 17-jähriger KV-Stift im kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit, nicht gerechnet: Sein Aufruf zum Saufgelage auf der Blatterwiese hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Mittlerweile wollen über 5300 Personen aus der ganzen Schweiz der Stadt Zürich am 29. August ein Kollektivbesäufnis bescheren – auch wenn Fröhlich gestern Abend zum Rückzug geblasen hat . Möglich gemacht hat die rasante Verbreitung seiner Botschaft die Internetplattform Facebook, die Menschen per Mausklick in nächste Nähe zueinander rücken lässt.

Der kantonale Datenschutzbeauftragte Bruno Baeriswyl ortet darin einen exemplarischen Fall. «Vielen ist nicht bewusst, welche Dimensionen ein Eintrag in einem solchen sozialen Netzwerk annehmen kann.» Baeriswyl hält Plattformen wie Facebook für wenig transparent und deshalb für datenschutzrechtlich problematisch. Wer Daten oder Bilder ins Netz stelle, laufe Gefahr, die Kontrolle über deren Verbreitung und Verwendung zu verlieren, sagt er. Einmal publizierte Fotos oder Texte lassen sich leicht auf andere Websites laden, auf Festplatten speichern, in Blogs verwenden und per Mail in die ganze Welt verschicken – das Netz vergisst nichts.

Einmal im Netz, immer im Netz

Diese Erfahrung machte auch eine 14-jährige Zürcher Gymnasiastin. Eine Bekannte von ihr verbreitete auf Facebook geschmacklose Bemerkungen über sie. Die junge Frau war am Boden zerstört, ihr Ruf im Freundeskreis ramponiert. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch. Datenschützer Baeriswyl spricht von einer «neuen Dimension» im Zeitalter des gläsernen Menschen. Eine Videokamera etwa registriert lediglich, wer sich an einem bestimmten Ort aufhält und was er dort tut. Facebook hingegen ist eine Onlinedatenbank, die Unmengen von persönlichen Daten speichert. Die Benutzerinnen und Benutzer geben dort in der Regel weit mehr preis als ihren Namen und ihr Alter. Sie erstellen Steckbriefe, lästern über Chefs, bejubeln Filmstars, beklagen ihr Sexleben. «Solche Daten zu löschen, ist sehr schwierig», sagt Baeriswyl. Den Betreiber der Seite anzuschreiben und das Löschen der Daten zu verlangen, ist zwar theoretisch möglich, in der Praxis jedoch meist wirkungslos. Facebook, so Baeriswyl, gebe zwar an, die Daten zu entfernen, garantiere es aber nicht. «Faktisch bleibt der Eintrag damit im Netz stehen.» Jan Fröhlich muss deshalb damit rechnen, dass ihn sein Aufruf zum Massenbesäufnis noch jahrelang verfolgen wird.

Zum Problem werden kann dies etwa bei einer Bewerbung. Personalchefs wollen wissen, wen sie einstellen – und suchen im Netz nach privaten Daten, die über das offizielle Bewerbungsdossier hinausgehen. Bestätigen will dies selbstredend niemand. Esther Geisser, Leiterin Human Resources bei der kantonalen Finanzdirektion, sagt, es gebe genug bedeutsamere Selektionskriterien. Wenn für eine Stelle etwa ausgezeichnete Deutschkenntnisse verlangt seien und die Bewerbung gespickt mit Orthografiefehlern sei, erledige sich der Fall von selbst. Dennoch: Geisser kann nicht ausschliessen, dass einzelne Abteilungsleiter bei einer Bewerbung im Internet weitere Nachforschungen anstellen. Sie warnt aber vor der Verwechslungsgefahr, zum Beispiel bei gleich lautenden Namen. «Es ist fahrlässig, aus Einträgen im Internet Rückschlüsse auf den Bewerber zu ziehen.»

Ähnlich tönt es bei den VBZ. Sprecher Andreas Uhl hält es für denkbar, dass der eine oder andere Chef ergänzend zu den Bewerbungsunterlagen und zum Vorstellungsgespräch «googelt». «Fraglich ist aber, wie zuverlässig Daten aus dem Netz sind.» Im persönlichen Gespräch mit dem Bewerber würden jedenfalls nur jobrelevante Aspekte besprochen. Wenn jemand zum Beispiel auf einer Website für Schwule aufgeführt sei, werde dies sicher nicht thematisiert.

Schnüffelei rechtlich heikel

Laut Datenschützer Baeriswyl ist die Suche nach privaten Daten im Netz rechtlich heikel, da der Arbeitgeber das Persönlichkeitsrecht eines Bewerbers zu verletzen droht. Ein Arbeitgeber dürfe zwar grundsätzlich alle Informationen bearbeiten, die er als erforderlich erachtet, um eine Bewerbung zu beurteilen. «Strittig ist aber, wie weit er dabei gehen darf.» In jedem Fall müsse er seine Suche im Netz und die gefundenen Informationen gegenüber dem Bewerber offenlegen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2008, 08:23 Uhr

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