Kritik von allen Seiten an Mega-Wohnprojekt in Seebach

Politiker haben überraschend viele Bedenken wegen des Neubau-Quartiers Thurgauerstrasse in Zürich-Nord. Fraktionen von links und rechts fordern gar einen Neuanfang.

Wohnen statt gärtnern: Auf den 65'000 Quadratmetern an der Thurgauerstrasse entstehen unter anderem 700 gemeinnützige Wohnungen und 200 Alterswohnungen.

Wohnen statt gärtnern: Auf den 65'000 Quadratmetern an der Thurgauerstrasse entstehen unter anderem 700 gemeinnützige Wohnungen und 200 Alterswohnungen. Bild: Dominique Meienberg

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Gäbe es die Thurgauerstrasse nicht, könnte die Stadt Zürich kaum noch im grossen Stil wachsen. Auf einer der grössten Baulandreserven der Stadt, auf der heute Hobbygärtner ihre Freizeit verbringen, will Zürich in den nächsten Jahren «die innere Verdichtung Zürichs» vorantreiben. Dieses Projekt hat schon einiges zu reden gegeben und wird es auch künftig tun. Im Quartier hat sich der Widerstand längst formiert. Nun hat auch die vorberatende Gemeinderatskommission des Hochbaudepartements – nach einjähriger Arbeit – ihre Bedenken formuliert.

Problematisch ist aus Sicht der Kommission die Überbauung als Ganze und deren Erschliessung, wie sie am Mittwoch in einer Mitteilung schreibt. Die Fraktionen haben entsprechend zahlreiche Änderungsanträge formuliert. Damit werde deutlich, dass «das Verdichtungsziel einige Herausforderungen in sich birgt». Kommissionspräsident Patrick Hadi Huber (SP) sagt: «Es war eine komplexe Vorlage, es wurde hart um Anpassungen gerungen, aber wir haben nun eine gute Lösung gefunden.»

Unheilige Allianz

Herausfordernd sind die Dimensionen. Auf einem halben Kilometer langen Landstreifen mit 65'000 Quadratmetern Fläche an der Grenze zum Opfiker Glattpark soll ein neues Quartier entstehen. 700 gemeinnützige Wohnungen, eine Schule, 200 Alterswohnungen, drei Türme und ein Park.

Das bestehende Quartier zur Bahnlinie hin ist hingegen kleinteilig, die Häuser sind bescheiden und zweistöckig. Um den neuen Stadtteil möglichst gut auf den bestehenden abzustimmen, hat die Stadt eine umfassende Testplanung machen lassen, auf der die beiden Gestaltungspläne «Schule/Quartier» und «Wohnen/Gewerbe» basieren. Das neue Quartier soll eine «Antwort auf beide Seiten liefern», wie Huber sagt.

Neu und alt nebeneinander: Drei Türme und viele kleine Häuser an der Thurgauerstrasse. Modell: Bollhalder Eberle Architektur

Unumstritten sind die Schule und der Quartierpark. Gegen den Gestaltungsplan Wohnen und Gewerbe hat sich aber eine unheilige Allianz formiert: AL und SVP wollten den entsprechenden Plan an den Stadtrat zurückweisen und forderten eine neue Testplanung. Den beiden Fraktionen fehlt eine «organische Entwicklung des ganzen Quartiers», und sie fordern eine etappierte Bebauung des Areals. Zudem sollen das Ausnützungspotenzial des angrenzenden Grubenackerquartiers in die Planung und in die Berechnungen zur Verdichtung integriert werden.

Die SVP stört sich an der Erschliessung, am Parkplatzabbau und an den drei Türmen. Auch SP, FDP, Grüne und GLP teilen einige der Bedenken, schätzen aber eine Rückweisung des ganzen Projekts nicht als zielführend ein. Damit würde der Baubeginn um mehrere Jahre verzögert.

Tote Flaniermeile vermeiden

Zweifel hegt die Kommission insbesondere am Übergang vom Erdgeschoss des Neubaus zur Thurgauerstrasse. Sie ist skeptisch, ob aus der sogenannten Vorzone eine belebte Flaniermeile entsteht. Leere Flächen mit wenig Anbindung ans Quartier müssten auf jeden Fall verhindert werden.

Die linken Parteien schlagen zusammen mit der GLP deshalb vor, die publikumsintensive Nutzung auf der Höhe des Parks und der Tramhaltestelle einzuplanen. Die Vorzonen sollen nur dort erweitert werden, wo sich eine sinnvolle Anbindung an den öffentlichen Verkehr oder Strassenübergänge ergeben. Um Leerstand zu verhindern, beantragt die Kommission auch eine Wohnnutzung im Erdgeschoss.

So sieht das Situationsmodell der Schule von Bollhalder Eberle Architektur aus.

Parkieren soll in dieser Vorzone für Kurzzeitnutzer beschränkt möglich sein. Besucher- und Kundenparkplätze will eine Mehrheit der Kommission in der Tiefgarage unterbringen. Zudem sollen in der Vorzone grössere Bäume gepflanzt werden. Zudem soll die definitive Lage der Passerelle über die Thurgauerstrasse aus dem Gestaltungsplan gestrichen werden.

Mehr Partizipation gefordert

Begleitend fordern verschiedene Fraktionen mit Vorstössen, dass die Quartierbewohner im Planungsprozess mehr mitwirken können. Die Anwohnerschaft soll zusammen mit dem Stadtrat mögliche Projekte zur Ausnützung der eigenen Reserven entwickeln (GLP). Die Stadt soll mehr Partizipation ermöglichen (Grüne) und die Wohnbaugenossenschaft Grubenacker unterstützen (FDP). Dazu kommt eine Handvoll weiterer Vorstösse zur Vorlage. Diese wird am 3. Juli im Stadtparlament beraten.

Anwohner der Wohnbaugenossenschaft hatten sich im vergangenen Jahr zum Widerstand gegen das städtische Grossprojekt formiert. Ihre Idee: Sie wollen möglichst viele Eigentümer zum Verkauf ihrer Flächen an die Genossenschaft bewegen, um so mit eigenen Grossprojekten die Zukunft ihres an das Grossprojekt angrenzenden Quartiers zu bestimmen. Sie ist auch bereits aktiv geworden und will das ehemalige Schützenhaus auf dem Areal des Quartierparks kaufen und zu einem lokalen Quartier-Treffpunkt machen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2019, 17:47 Uhr

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