Kronenwiese-Siedlung wird autofrei

Das Zürcher Stadtparlament hat den 65-Millionen-Kredit für die städtische Wohnsiedlung bewilligt – ohne Tiefgarage. Bürgerliche übten heftige Kritik an der «autofeindlichen Ideologie» von Links-Grün.

Falls das Volk im Juni Ja sagt, entstehen hier bis Ende 2016 99 Wohnungen: Visualisierung der geplanten Siedlung auf der Kronenwiese.

Falls das Volk im Juni Ja sagt, entstehen hier bis Ende 2016 99 Wohnungen: Visualisierung der geplanten Siedlung auf der Kronenwiese. Bild: PD

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Der Entscheid fiel mit 74 zu 41 Stimmen gestern Abend deutlich aus. Falls auch die Stimmberechtigten im Juni den 65-Millionen-Kredit gutheissen, baut die Stadt auf der Kronenwiese in Unterstrass nächstes Jahr 99 Wohnungen inklusive Kindergarten, Hort und Gewerberäume. Der Bezug der Siedlung oberhalb des Limmatplatzes ist auf Ende 2016 geplant. Eine 4½-Zimmer-Wohnung soll rund 2150 Franken kosten.

Heftig umstritten war, ob auf der Kronenwiese eine autofreie Wohnsiedlung entstehen soll. Der Stadtrat präsentierte auf Anregung der SP eine Variante ohne Tiefgarage. Er schlug vor, die nötigen Pflichtparkplätze im nahen Parkhaus Unterstrass sicherzustellen. FDP und SVP verlangten dagegen eine neue Vorlage mit Tiefgarage. Es sei «sachfremd», Familienwohnungen ohne Parkplätze zu bauen, monierte die FDP. Familien hätten nun mal oft ein Auto, auch in Zürich. Der links-grünen Ratsseite warf die FDP vor, nur Wohnungen für die eigene Wählerklientel zu bauen.

FDP: «Wenig familienfreundlich»

Auch die SVP attackierte die «ideologisch motivierte Parkplatzverknappungspolitik». Links-Grün unterschlage den volkswirtschaftlichen Nutzen des Autos, es gebe noch immer viele Leute, die aufs Auto angewiesen seien. Das rund 300 Meter von der Kronenwiese entfernte Parkhaus sei gerade für Frauen nachts keine befriedigende Lösung.

AL-Gemeinderat Niklaus Scherr warf den Bürgerlichen im Gegenzug «Auto-fundamentalismus» vor. Auch Grüne und SP betonten die citynahe, gut erschlossene Lage, die sich bestens für autoarmes Wohnen eigne. Es gebe in der Nachbarschaft genug Parkplätze. Eine Tiefgarage passe schlecht zu diesem «Leuchtturmprojekt der 2000-Watt-Gesellschaft», so Esther Straub (SP). Immerhin sei die Kronenwiese-Überbauung die erste städtische Null-Energie-Siedlung; sie wird im Minergie-A-Eco-Standard erstellt. Auch GLP, CVP und EVP wollten das für den gemeinnützigen Wohnungsbau wichtige Projekt nicht an den Parkplätzen scheitern lassen. Eine Mehrheit fand auch ein SP-Postulat, das auf der Kronenstrasse direkt vor der geplanten Wohnsiedlung verkehrsberuhigende Massnahmen verlangt.

Auch Herdern-Siedlung autofrei

Weiterer Streit um Parkplätze entzündete sich bei der geplanten kommunalen Wohnsiedlung auf dem Herdernareal beim Schlachthof. Mit 67 zu 42 Stimmen stimmte das Parlament einem 2,5-Millionen-Kredit für die Projektierung zu. Die Überbauung mit 45 Wohnungen soll 27 Millionen Franken kosten und 2018 bezugsbereit sein. Auch in diesem Fall pochte Links-Grün auf autofreies Wohnen, was die FDP verärgerte. Es sei grotesk, so Gemeinderätin Cäcilia Hänni-Etter, «wie die links-grüne Mehrheit der Hälfte der Bevölkerung in Zürich vorzuschreiben versucht, wie sie zu wohnen hat». Bei jeder Wohnungsvorlage auf autofreiem Wohnen zu beharren, sei falsch, es brauche Kompromisse.

SVP-Präsident Roger Liebi packte den Zweihänder aus: «Himmeltraurig, ihr wollt in dieser Stadt nur noch Gutmenschen ohne Autos», warf er der Linken vor. Wenn es so weitergehe, heisse Zürich bald Karl-Marx-Stadt. Auch die EVP kritisierte die «rigide, parkplatzfeindliche Politik» der Linken, die das Gewerbe vergraule. SP und Grüne verteidigten ihre Strategie. Es gebe noch immer sehr viele Parkplätze in Zürich, viele Hauseigentümer hätten Mühe, diese zu vermieten. Zudem gehe es darum, den Willen des Volkes umzusetzen. Dieses habe sich für die 2000-Watt-Gesellschaft und die Städteinitiative ausgesprochen, die eine markante Abnahme des motorisierten Individualverkehrs fordert.

Überwiesen wurde auch ein Postulat der Grünen mit der Forderung, Grünfläche zu ersetzen, die durch den Bau der Herdernareal-Siedlung verloren geht.

Erstellt: 24.01.2013, 07:48 Uhr

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