Künstler ziehen Polizei vor Gericht

Eine Gruppe Künstler klagt die Stadtpolizei wegen Kunstvernichtung an. Das Verfahren wurde eingestellt. Nun wirft die Gruppe der Polizei vor, Beweise zurückzuhalten, und tritt vor das Obergericht.

Die Internetadresse des Künstlerkollektivs steht unten links: Die Heckflosse, am Döltschiweg parkiert.

Die Internetadresse des Künstlerkollektivs steht unten links: Die Heckflosse, am Döltschiweg parkiert. Bild: Simon Eppenberger

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Das Künstlerkollektiv «Bury the Jumbo» lässt nicht locker: Die Polizei hatte im Herbst 2010 eine Heckflosse auf Rädern entsorgt, die an der Kreuzung am Döltschiweg stand. Doch die acht Meter lange und 3,98 Meter hohe Heckflosse war kein Sperrgut, sondern ein Kunstwerk. Alleine das Material habe 30'000 Franken gekostet, wie die Künstler sagen. Deshalb wollen sie den verantwortlichen Polizisten zur Rechenschaft ziehen und fordern eine Million Franken Schadenersatz.

Dass es sich angesichts des Vorfalls um eine hohe Summe handelt, gestehen «Bury» und «Captain», zwei Mitglieder des Künstlerkollektivs, ein. «Neben dem Materialaufwand waren an dem Werk 30 Künstler beteiligt. Sie haben vier Jahre daran gearbeitet. Zudem haben wir auch den künstlerischen Wert berücksichtigt, der durch vergangene und geplante Ausstellungen gestiegen ist», rechnen sie vor.

Die Suche nach der richtigen Polizistin

Die Künstler werfen den Ordnungshütern vor, sie hätten die Heckflosse kurzerhand entsorgt. Obwohl die Internetadresse des Künstlerkollektivs gut sichtbar auf der Heckflosse stand, habe der angeklagte Polizist keine Bemühungen unternommen, die Besitzer der «Skulptur» ausfindig zu machen.

Das als Verein organisierte Künstlerkollektiv «Bury the Jumbo» erstattete daraufhin Strafanzeige wegen Sachbeschädigung gegen den Beamten der Zürcher Stadtpolizei sowie einen Mitarbeiter von Entsorgung und Recycling Zürich. Bei der Heckflosse habe es sich um ein Kunstobjekt gehandelt, das auch an der Art Basel hätte ausgestellt werden sollen.

Der Staatsanwalt wollte das Verfahren einstellen, weil die Verantwortung niemandem vollständig zugeschrieben werden könne, wie den Gerichtsakten zu entnehmen ist, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegen.

«Diese Begründung ist für uns alles andere als überzeugend, da wir wissen, welcher Beamte den Auftrag für die Vernichtung gab», sagt «Captain» von «Bury the Jumbo». Wie aus der Einstellungsverfügung der Zürcher Staatsanwaltschaft hervorgeht, gab der angeklagte zuständige Kreischef der Polizei an, eine Kollegin habe das fragliche Objekt vor Ort gesichtet. Auf einem handgeschriebenen Zettel habe sie ihm die Dimensionen der «herrenlosen Sache» mitgeteilt. Die meterlange Internetadresse, über welche die Besitzer der Heckflosse hätten ermittelt werden können, schrieb sie offenbar nicht auf.

Obwohl der Vorname der Beamtin in den Akten genannt wird, gelang es der Polizei nach eigenen Angaben nicht, die Frau zu identifizieren. Die Staatsanwaltschaft geht zwar davon aus, dass die Mitarbeiterin «eruierbar wäre», nachgefragt hat sie allerdings nicht, dazu habe es keinen Anlass gegeben, wie den Akten zu entnehmen ist.

Ein herber Rückschlag

Das ist aber nicht der einzige Grund, weshalb «Bury the Jumbo» die erstinstanzliche Entscheidung des Gerichts nicht akzeptieren wollen: «Der angeklagte Polizist sagt, er habe unsere Internetadresse nicht gesehen. Über Google Analytics konnten wir jedoch ermitteln, dass im Zeitraum der Vernichtung unseres Werkes vom Server der Stadt Zugriffe auf unsere Website stattgefunden haben», sagt Captain. Das muss zwar nichts heissen, denn jeder Beamte der Stadt Zürich kann die Seite aus privatem Interesse aufgerufen haben. «Bury» und «Captain» bemängeln jedoch, die Staatsanwaltschaft hätte die genaue IP-Adresse identifizieren und so aufdecken müssen, ob die Stadtpolizei nicht doch wusste, was es mit dieser Heckflosse auf sich hat. Da das Verfahren noch nicht abgeschlossen ist, nimmt die Staatsanwaltschaft keine Stellung zu dem Fall.

Die Beharrlichkeit, mit der das Kollektiv den juristischen Weg eingeschlagen hat und aus einer scheinbar bürokratischen Bagatelle ein Spektakel macht, gehört möglicherweise genauso zum Projekt von «Bury the Jumbo» wie die Idee, einen richtigen Jumbojet im Boden zu vergraben. Die Künstler selbst wollen den Strafantrag aber nicht als Kunstperformance verstanden wissen. «Die Vernichtung der Heckflosse ist für unsere Bewegung ein herber Rückschlag», sagt «Bury». Es gehe um Gerechtigkeit.

«Wer einen 35 Liter fassenden Müllsack zu früh vor die Haustür stellt, wird von der Stadt gebüsst», führt «Bury» an. Abfallsünder wissen, dass Mitarbeiter von Entsorgung und Recycling Gebührensäcke, die Tage vor der Kehrichtabfuhr auf die Strasse gestellt werden, sorgfältig so lange durchwühlen, bis sie auf Hinweise stossen, die zum Besitzer des Abfalls führen und ihn kontaktieren. «Wären wir Abfallsünder, hätten wir nicht die meterlange Internetadresse auf die Heckflosse geschrieben. Wir hätten erwartet, dass uns die Polizei informiert, bevor sie die Heckflosse einfach vernichtet. Dann hätten wir die Skulptur in Stundenfrist verschoben», sagt «Bury».

Eine Million für eine Heckflosse

Die Künstler hatten die Heckflosse an der Kreuzung Döltschiweg/Wasserschöpfi angebunden. Sie wollten sie dort laut eigenen Angaben rund sieben Tage zwischenlagern, bis die Heckflosse in einer Galerie untergekommen wäre. Ein Anwohner kontaktierte die Polizei und beschwerten sich über eine «Skulptur», die seit einigen Tagen an der Kreuzung stand.

Trotzdem sind «Bury» und «Captain» nicht der Meinung, es sei fahrlässig gewesen, ein Kunstwerk unbeaufsichtigt stehen zu lassen. «In der Stadt Zürich stehen viele Kunstwerke seit Jahrzehnten im öffentlichen Raum und werden nicht beschädigt.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.07.2012, 11:46 Uhr

Diese Performance hat die Heckflosse unbeschadet überstanden: 2010 zogen die Künstler ihre Flosse zu Fuss von Neuenburg nach Zürich.
(Bild: ZVG)

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