Kulturkampf um das Dada-Haus

Das Zürcher Stadtparlament hat dem Erwerb des Cabarets Voltaire durch die Stadt ebenso zugestimmt wie jährlichen Betriebsbeiträgen für das Kulturhaus.

Stadtpräsidentin Corine Mauch beim 100-jährigen Dada-Jubiläum am 5. Februar 2016. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Stadtpräsidentin Corine Mauch beim 100-jährigen Dada-Jubiläum am 5. Februar 2016. (KEYSTONE/Ennio Leanza) Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Zürichs Dada-Saga geht weiter: Nach den letztjährigen Feiern zum 100-Jahr-Jubiläum der hier entstandenen Kunstbewegung kam gestern Abend ein weiteres Kapitel dazu: Der Gemeinderat stimmte mit 90 zu 33 Stimmen einem Liegenschaftentausch mit der Anlagestiftung Swiss Life zu, wonach die Spiegelgasse 1 mit dem Cabaret Voltaire in den Besitz der Stadt übergeht. Das Haus in der Altstadt gilt als Geburtsstätte der einstigen internationalen Avantgardebewegung. Mit der Übernahme könne die kulturhistorisch bedeutsame Dada-Geburtsstätte langfristig gesichert werden, sagte Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP). «Dada gehört zu Zürich!»

Der Erwerb des Dada-Hauses ist Teil eines grösseren Liegenschaftentauschs zwischen der Stadt und Swiss Life. Dabei übernimmt die Stadt neben der Spiegelgasse 1 auch das Wohnhaus Engimattstrasse 17 in der Enge. Im Gegenzug überlässt sie der Swiss Life das Geschäftsgebäude Rämistrasse 39 sowie das Parkhaus-Grundstück Hallenstrasse 8 in Riesbach.

«Ein Hobby der Stadtpräsidentin»

SVP und AL kritisierten den Deal heftig. «Ein Hobby der Stadtpräsidentin soll auf Kosten der Steuerzahler verwirklicht werden», schimpfte Roger Liebi (SVP). Der Stadtrat vermenge auf ungehörige Weise eine Kulturvorlage mit einem Immobiliengeschäft und stosse bisherige Grundsätze seiner Immobilienpolitik über den Haufen. Gerade Linke und der Stadtrat hätten stets die Seefeldisierung kritisiert. «Und jetzt verkauft man ausgerechnet dort eine Liegenschaft an einen Privaten.» Dass Dada quasi verstaatlicht werde, widerspreche zudem dem Grundgedanken dieser Anti-Establishment-Bewegung, monierte Liebi.

Auch Rosa Maino (AL) kritisierte die Verknüpfung von Kultur- und Liegenschaftenpolitik und lehnte den Tausch ab; die Stadt verschachere interessante Landreserven. Für Marc Richli (SP) ist das Geschäft dagegen «sehr im Interesse der Stadt». Eine wichtige Kultureinrichtung könne für die Zukunft gesichert werden, und die Zahl der Wohnungen im Besitz der Stadt werde leicht erhöht. Dazu müsse man auch «die Kröte schlucken» und das Grundstück an der Hallenstrasse aufgeben, ergänzte Jean-Daniel Strub (SP). Balz Bürgisser (Grüne) zweifelte, dass die Stadt an der Hallenstrasse jemals günstige Wohnungen hätte erstellen können. Severin Pflüger (FDP) fand den Tauschhandel ebenfalls sinnvoll: «Besser dieses Altstadthaus im Portefeuille als ein Parkhaus im Seefeld.»

Stadtpräsidentin Corine Mauch verteidigte den Liegenschaftentausch. Für die Stadtkasse resultiere ein Nettogewinn von 3 Millionen Franken. Es sei zudem «nicht realistisch», an der Hallenstrasse günstige städtische Mietwohnungen zu erstellen. Dies wegen der Schulden von fast 7 Millionen Franken, die auf dem Grundstück lasten. Die Stadt bleibe auch im Seefeld wohnpolitisch aktiv, versprach Mauch. Dies beweise etwa die geplante Siedlung Hornbach.

«Bar mit Museums-Shöpli»

Mit 82 zu 42 Stimmen sagte der Rat zudem Ja zu jährlichen Betriebsbeiträgen von 100 000 Franken ans Cabaret Voltaire, dem die Stadt auch weiter die Miete berappt. Die vom Stadtrat beantragten 150 000 Franken fielen durch.Auch die SP war auf den tieferen Betrag umgeschwenkt, weil sonst offenbar die gesamte Weisung am bürgerlichen Widerstand zu scheitern drohte. Der Stadtrat hatte auf die knappen finanziellen Mittel der Betreiber hingewiesen, die bisher ohne Subvention der öffentlichen Hand auskommen müssen. Dada-Haus-Direktor Adrian Notz hatte im TA einen Betriebsbeitrag von 250 000 Franken als «absolutes Minimum» bezeichnet. Bei der SVP stiess er damit auf taube Ohren. Es sei keine Kernaufgabe der Stadt, eine «Bar mit Museums-Shöpli» zu betreiben, sagte Roger Liebi.

Weil die AL bereits das Referendum gegen den geplanten Immobilientausch angekündigt hat, dürfte das Volk das letzte Wort beim Dada-Haus haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2017, 00:05 Uhr

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