Kunst durch die Blume

Im Aargauer Kunsthaus blühen in der Ausstellung «Blumen für die Kunst» Kunstwerke vor Kunstwerken. Manche davon wurden von Zürcher Floristinnen und Floristen in Szene gesetzt.

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Das Bild an der Wand und das Gebilde davor, also das Gebinde, korrespondieren auf den ersten Blick. In diesem speziellen Fall harmonieren sie auch noch. Hans Richter zeigt in seinem kubistischen Werk «Cello» Musiker und Musikinstrument in geometrische Formen, die plastisch in den Raum greifen. Myrta Frohofers Blumengebinde schwebt leicht davor – wie Vibrationen im Raum. Die rostroten Orchideen in dem filigranen schwarzen Drahtgebilde, das sie gerade spinnt, nehmen die gedämpfte Farbigkeit des Bildes auf. Das fertige Werk ist ab heute im Aargauer Kunsthaus in Aarau zu sehen. Nur für eine Woche lang, Blumen sind vergänglich.

Hans Richter und Myrta Frohofer sind ein seltsames Gespann: Richter, seit mehr als vierzig Jahren tot, Mitglied der Zürcher Dadaisten-Gruppe, ein Pionier des abstrakten Films und kubistischer Maler. Und Frohofer eine junge Frau, Meisterfloristin mit Blumenladen in Unterengstringen. Zusammengefunden haben sie und 13 weitere solche Paare über die Spezialausstellung «Blumen für die Kunst», welche von der Zürcher Vereinigung Flowers to Arts angeregt wurde und zum vierten Mal stattfindet. Gestern Abend war Vernissage.

«Wir initiieren Projekte, in denen die bildende Kunst und die Floristik miteinander in einen Dialog treten», sagt ­Projektleiterin Angela Wettstein. Das Team kontaktierte Floristinnen und Floristen im ganzen Land, die sich durch spezielle Kreativität auszeichnen, und fragte sie an, ob sie an einer solchen Gegenüberstellung interessiert seien. «Absagen bekommen wir selten», sagt Wettstein. «Die meisten freuen sich sehr, einmal ganz ohne kommerziellen Hintergrund gestalterisch tätig zu sein.»

Orchideen trinken Champagner

Den Teilnehmenden wird jeweils eine Auswahl von Werken aus dem Bestand des Aargauer Kunsthauses vorgelegt – die Wahl fiel laut Wettstein auf das Kunsthaus in Aarau wegen dessen überragender Sammlung an Werken von Schweizer Künstlern aus allen Epochen. Myrta Frohofer hatte das Bild «Schwarzwasser» von Franz Gertsch priorisiert, doch das hatte bereits das Gespann The Wunderkammer bestehend aus dem Appenzeller Ueli Signer und dem Amsterdamer Florian Seyd gewählt und bekommen. Jetzt sind sie eben dabei, den schwarzen Untergrund zu drapieren, in dem sich die aus hohen schmalen Vasen ragenden dunklen Orchideen zu einem Schattenbild spiegeln.

Festlich, fast mondän, glitzert es vor Varlins Ballsaal-Gemälde. Hier haben Paul Fleischli und Flavia Rutishauser vom Stadtzürcher Traditionsgeschäft Blumen Krämer Champagnergläser und weisse Orchideen zu einer Pyramide geschichtet. Eine gute Stunde dauerte es, das bereits in den Wochen zuvor zu Hause komponierte Gebilde in diesem Saal aufzustellen, nur insgesamt etwa zehn Gläser gingen zu Bruch. Nun fehlt noch ein Spot mit kaltweissem Licht, das die Gläser und das Blattgold zum Funkeln bringt. Die Nase trügt nicht, ein leichter Sektduft liegt in der Luft. Die Orchideen stehen in einem Gemisch aus Wasser und Champagner.

Der Kronleuchter war das Erste, was Flavia Rutishauser auf Varlins Bild ins Auge stach, Paul Fleischli dagegen sah zuerst den Fensterputzer am rechten Bildrand. «Mir gefällt, dass hier ein Fest gleich anfängt oder eben vorbei ist», sagt Fleischli. Die Installation zeigt denn auch Pracht und Reichtum und Schönheit in einer fragilen Vergänglichkeit. Als Gegenstück entsteht in einem anderen Raum ein verträumtes, stilles Gärtchen vor Cuno Amiets kleinem Bild «Bauernfrau». Die Floristin Sabrina Hegner aus Näfels scheint selbst direkt aus dem Bild getreten zu sein.

Das Werk, das der Zürcher Meisterflorist Martin Grossenbacher und sein Team von der Dufourstrasse interpretieren, scheint alles andere als blumig: Gelbe Farbstiftstriche auf weissem Grund zeigt das Bild des zeit­genössischen Künstlers Karim Noureldin. Gleich gross wie das Bild ist der Rahmen, der vor diesem liegt und mit weissen Nelken gefüllt ist, die eine sonderbar samtene Oberfläche bilden, in der das Weiss ins Gelbliche schattiert. Eine knallgelbe Spraydose steht daneben. «Das Bild vervollständigt sich in den Köpfen der Zuschauer», sagt Martin Grossenbacher. Was eigentlich heisst: Er sagt Kunst durch die Blume.

Bis 12. März im Aargauer Kunsthaus in Aarau, 10 bis 19 Uhr, Mi bis 21 Uhr. www.aargauerkunsthaus.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2017, 21:56 Uhr

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