«La Traviata» machte viele Menschen im Bahnhof froh

Die TV-Inszenierung der Oper von Verdi führte gestern Abend im Zürcher Hauptbahnhof zu einem Massenandrang. Noch selten sah man im Herzen der Stadt so viele frohe Gesichter.

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Um 18.15 Uhr pulsiert der Hauptbahnhof wie stets um diese Zeit. Eilige Pendler bahnen sich ihren Weg, am Treffpunkt bei der Uhr wird innig geküsst, Lautsprecherdurchsagen dröhnen, und die Kameras des Schweizer Fernsehens stecken noch in den Schutzhüllen.

Eine Stunde später erwacht die TV-Maschinerie. Scheinwerfer flammen auf und tauchen die Orchesterbühne in der grossen Halle in grelles Licht, Kameralinsen werden geputzt, die Spiderkamera hoch über dem Boden schwebt in einem Testlauf an Niki de Saint Phalles Engel vorbei. Um das Orchester des Zürcher Opernhauses bildet sich in gebührendem Abstand ein dichtes Spalier. Um acht gibt es für Passanten und Pendler fast kein Durchkommen mehr.

Bratwürste für die Sänger

Die TV-Direktorin Ingrid Deltenre steht taktisch klug vor «Les Arcades», wo zwanzig Tische mit Plastikband abgesperrt sind. Auf jedem Tischchen liegen Bratwürste und Semmeln bereit. Pünktlich um fünf nach acht ertönen leise die ersten Orchestertöne. Ordner drängen die Zuschauer zehn Meter zurück. Nur mit Mühe können sie zwei Dutzend kostümierten Darstellern den Weg auf die reale Bühne bahnen. Die stehen vorerst gelangweilt herum, doch plötzlich singen sie los und mimen eine aufgeregte Abschiedsszene. Alfredo und Violetta stehen im Zentrum und singen. Ihre Stimmen sind zwar nur in den lauten Passagen gut zu hören, doch die Zuschauer verfolgen die Darbietung mit grosser Andacht. Nach jedem Lied spenden sie, anders als in der Oper, Applaus.

Eine Kamera fährt über die Köpfe hinweg. Die Darsteller eilen zu den Tischen, beginnen zu essen, trinken Bier und singen dazu. Derweil erleidet Violetta einen Schwächeanfall, und Alfredo nimmt sie in den Arm. Wieder bei Kräften, entschwinden die beiden singend Richtung Gleis 9, Dutzende von Zuschauern hintendrein; es ist wie ein lustiger Volksauflauf. Auf dem Perron stehen drei Eisenbahnwagen, angeschrieben mit «Venezia - Schaffhausen - Venezia». Ein ergreifender, stimmlich starker Abschied, die Rührung ist gross, die Begeisterung greifbar.

Noch selten hat man im Zürcher Hauptbahnhof so viele gut gelaunte, lachende Menschen gesehen wie gestern. Einige tanzen sogar beim Treffpunkt zu Traviata-Melodien. Derweil kauft Operndirektor Alexander Pereira, der die Musik schon kennt, seiner blutjungen Frau eine Erfrischung im Baretto, wo Alfredos Vater alsbald mit einem Zürcher Taxi eintrifft, um Violetta ins Gewissen zu singen.

Auch hier stehen die Menschen in dichten Reihen und geniessen die eindrücklichen Stimmen der schönen Eva Mei (Violetta) und des Charakterkopfes Angelo Veccia (Giorgio Germont), auch wenn sie die Musik aus der fernen Haupthalle kaum hören können.

Unten, bei den Rolltreppen zur S-Bahn, lehnt derweil Alfredo (Vittorio Grigolo) an einen SBB-Billettautomaten und wartet auf seinen nächsten Auftritt. In einen Mantel gehüllt, hält er einen Rosenstrauss in der Hand und hat offensichtlich Halsschmerzen. Zwei Betreuerinnen stehen ihm bei, umarmen ihn minutenlang fest und reden ihm gut zu.

Da spricht ihn der junge Montageelektriker Daniel Schäubli aus dem Aargau an und bittet keck um ein Autogramm. Er bekommt es, obwohl die Regieassistentin wegen der Verzögerung fast verzweifelt. Alfredo eilt auch noch schnell zum Delikatessenhändler Valentino und bittet um eine Cola. Er nimmt einen Schluck, Licht an, Kamera an, und los gehts die Rolltreppe hoch in die nächste Szene.

TV-Regisseur Adrian Marthaler wollte mit der Inszenierung «zeigen, was mit den Leuten im Bahnhof passiert, wenn er zum Schauplatz einer grossen Fernsehsendung wird». Nun weiss man es: Die Leute hatten eine riesige Freude an der «Traviata» und grossen Spass am Spektakel.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2008, 08:40 Uhr

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