Laborbeton fürs Museum

Für den Erweiterungsbau des Landesmuseums haben die Basler Architekten Christ & Gantenbein einen neuen Beton entwickelt – porös und doch fugenlos.

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Der Gang durch den Stangenwald hinter dem Landesmuseum ist surreal. Im Abstand von wenigen Zentimetern reihen sich die verschieden langen rostfarbenen Eisenstützen aneinander, die in ihrer Dichte beklemmend wirken. Darüber wölbt sich ein dunkles Betondach, und dazwischen mischt sich ein intensiver Geruch nach gebratenem Fisch. Noch tragen die Eisenstangen die unterschiedlich schräge, sogenannte Brücke. Sie wird das zentrale Element der U-förmigen Landesmuseum-Erweiterung der Basler Architekten Christ & Gantenbein bilden. Darunter entsteht ein Durchgang vom Hof des heutigen Landesmuseums zum Platzspitzpark. Im Innenraum entsteht eine Treppe, über welche sich Besucher dereinst von den Dauerausstellungen im Erdgeschoss zu den Wechselausstellungen im zweiten Obergeschoss bewegen.

Bauleiter Peter Guggisberg, verantwortlich für die gesamten Renovations- und Neubauarbeiten im Landesmuseum, ist die Brücke bereits ans Herz gewachsen. «Hey, stehst du da gut?», ruft er vom Gerüst aus einem Arbeiter zu, der auf der Schräge steht und Schaltafeln für die nächste Betonierungsetappe montiert. Dieser verneint. «Die Brücke nach den neusten Plänen zu konzipieren, erfordert viel von den Handwerkern», sagt er. Sie ist auf der einen Seite über 45 Grad geneigt, was die täglichen Handgriffe schwieriger macht, und der Beton muss – so wollen es die Architekten – ohne Fugen eingebracht werden. Der Arbeiter hat sich inzwischen in eine andere Position gebracht. Guggisberg lobt seine Angestellten. Die meisten von ihnen sind Portugiesen. «Deswegen riecht es bei uns so oft nach Fisch.»

Drei Jahre Tüfteln

Für den Beton des Neubaus haben die Planer und Handwerker seit 2010 nach einer neuen Mischung aus Tuff und Kalk gesucht, eineinhalb Jahre auf der Baustelle geforscht, herumlaboriert und die Qualität geprüft. Ein Fassadenmuster aus dem neu entwickelten Beton steht seit Mitte 2012 hinter dem Landesmuseum und zeigt keinerlei Risse. Dass ein solcher fugenloser Betonauftrag überhaupt möglich ist, verdanken die Planer den neusten technischen Entwicklungen. «Noch vor fünf Jahren hat es die entsprechenden Zuschlagstoffe nicht gegeben», sagt Guggisberg. Dass die Entwicklung dennoch so lange dauerte, hat selbst Mona Farag, Projektleiterin von Christ & Gantenbein, überrascht. «Ich habe mit einem halben Jahr Experimentieren gerechnet.»

Schliesslich musste der Beton auch von der Beschaffenheit und Farbigkeit dem Tuffstein des Ursprungsbaus von Gustav Gull aus dem Jahr 1898 entsprechen, sprich bräunlich und porös erscheinen. So wollte es die Stadt. Hanspeter Winkler, welcher das Bauvorhaben vonseiten des Bundes – dem Bauherr – vertritt, ist überzeugt, dass sich der «iterative» Prozess mit dem Baukollegium der Stadt gelohnt hat. Dieses beurteilt bedeutende Bauten in der Stadt und berät den Stadtrat. «Wir sind auf dem richtigen Weg», sagt er.

«Das ist ein Grund zum Feiern»

Gebohrt und gehämmert wird momentan auch im Altbauflügel rechts des heutigen Haupteingangs. Im sogenannten Kunstgewerbeflügel entstehen der neue Haupteingang und ein Restaurant, das vom Catering-Unternehmen Cucina Paradiso betrieben wird. Die Bausubstanz ist gut, einzig die Decken bröckeln, sagt Guggisberg. «Da wurde bereits mit Beton experimentiert.» Bis zur Eröffnung dieses Flügels und des Neubaus im Sommer 2016 wird das Projekt 111 Millionen Franken gekostet haben.

Davon steuern die Stadt 10 Millionen Franken bei, der Kanton 20 und der Bund 76. Fünf Millionen stammen von privater Seite. Für Hanspeter Winkler steht vorerst eine andere Etappe im Vordergrund. «Der erste Teil der Brücke ist praktisch fertig. Das ist ein Grund zum Feiern. Guggisberg, organisieren Sie ein Handwerkerznüni», sagt er. Ein Menü hat dieser schon im Kopf. «Paella, schliesslich mögen alle Bauarbeiter Fisch.»

Erstellt: 01.03.2014, 10:20 Uhr

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