Lärm, Geschrei, Wildpinkler: Das hilft gegen das Langstrasse-Chaos

Die Verantwortlichen des «Projekts Nachtleben» schlagen konkrete Massnahmen gegen Lärm und Littering vor.

Die Langstrasse ist punkto Nachtleben eine «eigene Kategorie».

Die Langstrasse ist punkto Nachtleben eine «eigene Kategorie». Bild: Keystone

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Die Verantwortlichen des «Projekts Nachtleben» heben in ihrem Schlussbericht drei grosse Herausforderungen hervor: Lärm, der sich nicht eindeutig einem Club oder einer Person zuordnen lässt, Alkohol, der im Freien genossen nach und nach zur Enthemmung führt, und das Phänomen Langstrasse, wo beides in einem Mass zusammenkommt, dass man «von einer eigenen Kategorie» reden muss.

Wenn störender Lärm oder Littering einem einzelnen Betrieb zugeordnet werden kann, wie es am Idaplatz oder im Kreis 3 schon der Fall war, so finde man mit Anwohnern und Bars normalerweise innerhalb weniger Monate einen Weg zurück zu einer quartierverträglichen Situation, schreiben die Verantwortlichen. «Ist dies nicht gegeben und befinden sich mehrere Nachtlokale im Umkreis, so diffundiert die Verantwortung.» Das gleiche Problem stellt sich für die Polizei bei grösseren Menschenmengen: Lässt sich der Täter nicht ausmachen, so ist es auch nicht möglich, eine Übertretung zu ahnden.

Alkohol ist heute während 24 Stunden erhältlich, ausserhalb der Clublokale günstiger als drinnen. Auch das Rauchverbot treibt die Konsumenten auf die Strasse. Diese «Mediterranisierung der Gesellschaft» stört die Nachbarschaft.

Und dann die Langstrasse: «Nirgends gehen geltendes Recht und gelebte Realität so auseinander wie hier.» Schleichend ist eine spezielle Durchsetzungspraxis entstanden: «Im Langstrassengebiet wird oft noch toleriert, was andernorts in der Stadt geahndet wird.»

Rezepte, die funktionieren

Im Bericht ist viel von Kompromissen, vom Dialog und vom stetigen Wandel die Rede. Das Projektteam gibt aber auch konkrete Empfehlungen und listet auf, was funktioniert:

  • Kontrollen: Das Interesse der Betreiber von 24-Stunden-Shops an einem Workshop der Stadt zum Thema Littering war gering. Deshalb griff diese durch und kontrollierte in einem nächsten Schritt, ob tatsächlich nur Familienmitglieder in der Nacht arbeiten würden, wie es das Arbeitsgesetz vorsieht. Das Arbeits­inspektorat ermahnte, sprach Verwarnungen aus und verzeigte. Das Projektteam empfiehlt, die Kontrollen weiterzuführen, was zur Eindämmung der Shops führe. Auch soll die Polizei zu Fuss Präsenz markieren, um auf Geschrei oder Wildpinkeln reagieren zu können.
  • Infrastruktur: Das versuchsweise aufgestellte mobile Pissoir auf der Piazza Cella an der Langstrasse wird pro Woche 5000-mal genutzt. Zum Vergleich: Viel genutzte Züri-WC kommen auf 1400 bis 1700 Benutzungen. Deshalb sucht die Stadt nun Wege, an diesem und an anderen viel genutzten Standorten in der Sommersaison mobile Toiletten aufzustellen. Auch die Abfallkübel werden besser platziert.
  • Dialog: Die Onlineplattform Gute-nachtbarschaft.ch beantwortet Fragen rund ums Nachtleben und fördert den Dialog zwischen Clubbetreibern, Besuchern und Nachbarn, indem sie Kontaktdaten bereitstellt. Auch habe man bei Gesprächsrunden zwischen Nachbarschaft, Clubbetreibern und Verwaltung Kompromisse ausgehandelt und «passable» Wirkungen erzielt, bilanziert das Projektteam.
  • Koordinierte Verwaltung: Drei städtische Ämter befassen sich mit den Lärmemissionen eines neuen Clubs: die Stadtpolizei, der Umwelt- und Gesundheitsschutz und das Amt für Baubewilligungen. Das hat bei den Betreibern immer wieder zu Verwirrung und Frust geführt. Deshalb werden die Verfahren nun koordiniert und der Austausch zwischen den Dienstabteilungen und der Bauherrschaft verbessert.
  • Lärmschutz: Es ist billiger ­geworden, laut zu sein: War dafür noch vor 20 Jahren teure Technik nötig, so können sich heute auch kleine Clubs eine laute, gut tönende Anlage leisten. Auch draussen im Park kann man, mit Handy und tragbaren Boxen ausgerüstet, sehr laut sein. Entwickelt haben sich aber auch die Möglichkeiten, Lärm einzudämmen: So könnte der Gesprächslärm rund um Bars und Clubs stark reduziert werden. Am besten mit schallabsorbierenden Fassaden, wie Berechnungen eines spezialisierten Unternehmens gezeigt haben. Auch bei Durchgängen in Innenhöfe können entsprechende Elemente Emissionen stark reduzieren, weshalb die Technik nun in Pilotprojekten getestet werden soll.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2018, 22:34 Uhr

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