Laptops sind in der Kronenhalle unerwünscht

Im Zürcher Nobelrestaurant dürfen die Gäste keine elektronische Zeitung lesen. Elektronik auf den Tischen ist tabu. «Wir sind ein Speiselokal und kein Büro», sagt der Direktor.

«Wir sind ein traditionelles Haus und dulden so etwas nicht»: Für den Kronenhalle-Direktor ist es schlimm genug, wenn Handys auf den Tischen liegen.

«Wir sind ein traditionelles Haus und dulden so etwas nicht»: Für den Kronenhalle-Direktor ist es schlimm genug, wenn Handys auf den Tischen liegen. Bild: Beat Marti

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In einem Brief an die TA-Redaktion machte gestern eine «konservative Kundin» des Restaurants Kronenhalle ihrem Ärger Luft. Sie war am Sonntagnachmittag von Direktor Andreas Wyss persönlich gemassregelt worden. Und das kam so: Die 45-jährige Frau «mit ehrlich erworbenem Doktortitel» sass mit ihrem Mann im Nobellokal, hatte sich eben ein Glas Champagner und das teuerste Gericht von der Speisekarte bestellt, und wollte sich die Wartezeit mit dem Lesen einer Zeitung verkürzen – und zwar einer elektronischen Zeitung, einem E-Paper. Sie klappte also vor sich den Laptop auf, der die Grösse eines Taschenbuchs hat, und vertiefte sich in ihre Lektüre.

Nach kurzer Zeit wurde sie unterbrochen. Am Tisch stand Andreas Wyss. Er forderte die E-Paper-Leserin auf, ihr Gerät auszuschalten. Den Auftritt des Direktors schildert die Dame wie folgt: «‹Wir sind ein traditionelles Haus und dulden so etwas nicht›, trompetet der Herr Direktor,‹schlimm genug, dass jeder Zweite dieses Ding neben sich liegen hat› und er wedelt mit der Pranke in Richtung des stummen Mobiltelefons.»

Einen solchen Ton war die Frau aus Herrliberg nicht gewohnt, und sie begann, sich zu wehren. Was es denn für einen Unterschied mache, eine Zeitung auf Papier oder auf dem Laptop zu lesen, wollte sie wissen. Doch der Direktor meinte bloss: «Ich brauche nicht zu diskutieren, ich bestimme hier die Regeln.»

Recht auf kultiviertes Speisen

Andreas Wyss bestätigte gestern, er habe die Dame in der Tat aufgefordert, den Laptop zu schliessen. In der Kronenhalle werde keine Elektronik auf den Tischen geduldet. Wyss besteht aber darauf, dass er anständig und höflich gewesen sei. Die Frau habe auch nicht Zeitung gelesen, wie sie behaupte, sondern einen privaten Text bearbeitet. «Wir sind ein Speiselokal und kein Büro», sagt Wyss. Zudem sei es bereits 17 Uhr gewesen und an den Nachbartischen sei eben das Essen aufgetragen worden.

Direktor Wyss sieht die Kronenhalle als kulturelle Institution, in der man das Recht auf kultiviertes Speisen habe, und das werde durch einen aufgeklappten Laptop auf dem Tisch verunmöglicht. Es gebe wegen elektronischer Geräte im Restaurant immer wieder Beschwerden. Ein Dorn im Auge sind Wyss auch die Handys. Doch vor ihnen hat er kapituliert. Sie werden in der Kronenhalle toleriert, auch wenn Wyss am liebsten einen Störsender gegen die Mobiltelefonie einschalten würde.

Für die Laptop-Kundin ist die Haltung von Direktor Wyss «skurril». Sie werde sich wohl ein anderes Lokal suchen, um Zeitung zu lesen. Ganz auf die Kronenhalle will sie aber nicht verzichten. «Da wäre mir der Verlust dann doch zu gross», meinte sie.

Mehr Toleranz bei Sprüngli

Elektronische Geräte am Esstisch sind auch andernorts unerwünscht. In den Speisewagen der Deutschen Bahn (DB) heisst es auf der Speisekarte: «Verzichten Sie auf den Gebrauch von Handy und Laptop.» Das sei nicht als Verbot, sondern als «Appell an die guten Sitten» zu verstehen, heisst es auf der DB-Pressestelle. Bei den SBB werden Laptops im Speisewagen toleriert, solange sie mit «gesundem Menschenverstand» benutzt werden, wie SBB-Sprecher Christian Ginsig sagt. Ein Problem sei deren Gebrauch in den Speisewagen nicht.

Ebenfalls kein Laptopverbot gibt es im Café Sprüngli am Paradeplatz. «Das war bei uns noch nie ein Thema», sagt Sprüngli-Chef Tomas Prenosil. Bei Sprüngli sei man «relativ tolerant». Grenzen gebe es aber auch bei Sprüngli. Etwa wenn eine Frau ihr Kind auf dem Tisch wickle – was gemäss Prenosil schon vorgekommen ist. Er habe aber auch Verständnis für den Kronenhalle-Direktor, betont Prenosil. Im Unterschied zu einem Café störe es in einem gehobenen Speiselokal mehr, wenn an einem Nebentisch am Laptop hantiert werde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.02.2011, 21:25 Uhr

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