Ledergerber: «Man muss solche Projekte mit mehr Herz verkaufen»

Alt-Stadtpräsident Elmar Ledergerber nennt im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet die Gründe, warum das Kunstprojekt auf dem Escher-Wyss-Platz gescheitert ist. Und was er dort jetzt machen würde.

Fehlende Identifikation mit Zürich? Abgelehntes Nagelhaus-Projekt am Escher-Wyss-Platz.

Fehlende Identifikation mit Zürich? Abgelehntes Nagelhaus-Projekt am Escher-Wyss-Platz. Bild: Visualisierung PD

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Herr Ledergerber, das Stadtzürcher Stimmvolk hat sich gegen das Kunstprojekt Nagelhaus am Escher-Wyss-Platz ausgesprochen. Sind Sie enttäuscht?
Ich habe es so erwartet. Enttäuscht bin ich trotzdem. Die Vorlage war schwer zu vermitteln. Die Allusion ans Chinesische hat nicht nur positive Gefühle geweckt. Das Bild des Häuschens auf dem Kieshaufen in China damals hat bei vielen Leuten negative Assoziationen ausgelöst. Dazu kommt, dass ein satter Preis zu zahlen gewesen wäre.

Waren Haus und Preis die Hauptgründe für die Ablehnung?
Ich glaube, zuallererst war es die tiefe Stimmbeteiligung. 35,5 Prozent: Das ist erbärmlich und gibt zu denken. Ich bin mir sicher, dass das Resultat bei höherer Beteiligung anders ausgesehen hätte. Der Slogan der Gegner («5,9 Millionen für e Schiissi») hat sicher auch zum Ergebnis beigetragen. Er war zwar eingängig, aber völlig falsch. Eigentlich ist so etwas nicht zulässig, aber im Abstimmungskampf ist man nicht zimperlich. Das mit der Kommunikation aufzuholen, war sehr schwierig.

Hätten Sie das Nagelhaus anders verkauft?
Ja. Ich fand, es hatte das Potenzial des Efeuhäuschen im Kreis 4. Das lag den Leuten am Herzen, obwohl es nichts mehr wert war und keinen Nutzen hatte. Das «Läbige» hat dem Nagelhaus gefehlt. Die Visualisierungen, die man zeigte, wirkten kalt. Man hätte besser die benutzte und belebte Gastrofläche gezeigt und vielleicht etwas grün.

Besteht die Gefahr, dass Zürich zu provinziell wird?
Nein. Ich fand im Übrigen den Kommentar heute im Tages-Anzeiger etwas zu übertrieben pessimistisch. Man muss aus dem Resultat einfach die Konsequenzen ziehen. Man muss solch schöne, aber schwierige Projekte mit mehr Herz verkaufen. Mir gefallen solche spannenden Ideen, die etwas gegen den Strich gebürstet sind und aus dem Alltag herausfallen. Sie sind eine Bereicherung für den öffentlichen Raum. Leider sind sie aber auch schwierig zu vermitteln.

Was soll man nun am Escher-Wyss-Platz machen?
Ich bin glücklicherweise pensioniert und kann mir erlauben das von aussen zu betrachten. Die Stadt wird sich nun überlegen, wie man so etwas in Zukunft besser verkaufen kann. Es muss etwas entstehen, das den Platz besetzt und Sicherheit in dieser Betonwüste schafft. Eine Möglichkeit wäre, das bestehende Projekt etwas abzuspecken und noch mal vorzulegen. Ursprünglich soll es ja nur 2,5 Millionen gekostet haben, bevor dann allzu viele Ansprüche angemeldet wurden. Es sollte möglich sein, nach dem Motto «Design to cost» das Projekt auf 4 Millionen abzuspecken. Die Kosten sinken, das Projekt bleibt gleich.

Fest steht ja, dass etwas gemacht werden muss, um ein Sicherheitsgefühl zu schaffen. Im schlimmsten Fall drohe die Ausweitung des Strassenstrichs am Sihlquai bis zum Escher-Wyss-Platz, heisst es.
Man kann natürlich auch etwas mit der Beleuchtung machen. Besser ist es aber, wenn man den Platz beleben kann. Vielleicht ist die nächste Idee ja ein Palmenhaus. Ein chinesisches (lacht).

Erstellt: 27.09.2010, 10:59 Uhr

Elmar Ledergerber: Alt-Stadtpräsident und Präsident von Zürich Tourismus. (Bild: Doris Fanconi)

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