Lehrer werden zu Zielscheiben im Internet

Schüler stellen ihre Lehrer bloss, indem sie den Unterricht filmen und falsche Facebook-Profile erstellen.

Anonym und aus dem Hinterhalt: Wenn Schüler Lehrer im Internet fertigmachen.

Anonym und aus dem Hinterhalt: Wenn Schüler Lehrer im Internet fertigmachen. Bild: ZV / Simon Tanner

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Robert Kraus (Name geändert) unterrichtet seit mehreren Jahren an einer Zürcher Schule. Seit einigen Wochen stellt der erfahrene Lehrer fest, dass er von seinen Schülern vermehrt provoziert wird. Die Jugendlichen stören den Unterricht und machen respektlose Bemerkungen. Robert Kraus spricht von «Streichen», welche ihm die Jugendlichen spielen. Doch als so harmlos empfindet er die Vorfälle nicht. Neuerdings wird er im Schulhaus auch von ihm fremden Jugendlichen angesprochen.

Handy verbieten?

Robert Kraus begann im Internet zu recherchieren, ob da «Dinge» über ihn kursieren, von denen er nichts weiss. Und er wurde fündig. Auf Facebook gibt es unter seinem Namen ein ihm unbekanntes Profil. Das ist zwar in einem globalen sozialen Netzwerk noch kein Grund zur Panik. Aber stutzig wurde Kraus, als er auch verdächtige Profile von anderen Lehrern im Schulhaus entdeckte. Kompromittierende Fotos oder Filme hat er zwar auf keinem der Profile gefunden, allerdings hat er auch keinen Zugang zu den privaten Bereichen.

Robert Kraus ist beunruhigt. Seit gut einem Jahr haben zahlreiche Schülerinnen und Schüler Smartphones, und was man damit in der Schule machen kann, hat er auf Youtube gesehen.

Da sind im Geheimen gedrehte Filmchen aus dem Unterricht zu sehen – nicht aus der Schweiz, aber aus den USA, aus Brasilien oder Deutschland. «Lehrer schlägt Schüler», «Schüler verarscht Lehrer», «Lehrerin rastet aus». Für Robert Kraus wäre es ein Albtraum, sich so im Internet wiederzufinden. Darum ist für ihn klar: Intelligente Handys sollten in der Schule verboten werden. «Wer glaubt, dass Smartphones nur zum Schreiben von SMS genutzt werden, ist naiv.»

«Wahnsinnige Dimensionen»

Auf der Bildungsdirektion ist das Problem mit Youtube-Filmchen und gefälschten Facebook-Profilen kein grosses Thema. «Uns sind keine solchen Fälle bekannt», teilte Marc Kummer, Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes, auf Anfrage dem TA schriftlich mit. Auch Thomas Stierli, Spezialist für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule (PH) Zürich, kennt keine konkreten Zürcher Beispiele von Lehrermobbing im Internet. Doch erstaunt ist er nicht, dass das Phänomen auch im Kanton Zürich vorkommt. Und er weiss durch Beispiele aus dem Ausland, welch «wahnsinnige Dimensionen» das annehmen kann.

Allerdings ist Stierli nicht mit Kraus einverstanden, was ein Handy-Verbot angeht. Für ihn ist das keine Lösung, im Gegenteil. «Gerade Pubertierende fühlen sich von Verboten herausgefordert.» Es sei absehbar, dass bald jeder Schüler einen Computer in der Hosentasche habe. Dies sei nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Chance. Stierli empfiehlt den Schulen, diese Chance zu nutzen: «Mit einem Handy können Schüler zum Beispiel einen Chemieversuch aufnehmen und den Film dann im Unterricht vorführen.»

Stierli betont aber, dass sich die Lehrpersonen über die Gefahren bewusst sein müssen. In den Weiterbildungskursen an der Pädagogischen Hochschule empfiehlt er den Lehrpersonen, ein Facebook-Profil anzulegen und sich dann von Zeit zu Zeit einzuloggen. Weiter sei es auch gut, wenn man seinen Namen hie und da google. Nur so könne man merken, wenn man im Netz gemobbt oder blossgestellt werde. Medienexperte Stierli ist überzeugt: «Auch jene, die mit Facebook und Internet nichts am Hut haben wollen, müssen sich heute damit auseinandersetzen.»

Missbrauch melden

Und wie soll sich Robert Kraus verhalten, der von sich ein gefälschtes Facebook-Profil gefunden hat? Auf jeden Fall müsse er dies bei Facebook melden, sagt Stierli. Im besten Fall werde der Account gelöscht. Herauszufinden, wer ein gefälschtes Profil erstellt habe, sei hingegen sehr schwierig. Kraus könne das wahrscheinlich eher in einer Diskussion mit seinen Schülern erfahren als über Facebook. Bei schweren Fällen mit Beleidigungen, Fotos oder Filmen empfiehlt Stierli den Betroffenen, einen Medienanwalt einzuschalten.

Erstellt: 08.06.2012, 09:56 Uhr

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