Lernen vom 19. Jahrhundert

Beim Städtebau kehrt der Blockrand wieder und weckt Kasernierungsängste. Sie sind unbegründet.

Effizient und doch wohnlich: Blockrandbauten in Paris, vom Eiffelturm aus gesehen. Foto: iStock

Effizient und doch wohnlich: Blockrandbauten in Paris, vom Eiffelturm aus gesehen. Foto: iStock

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Kein Städtemacher hätte vor zehn Jahren gewagt, solche Pläne vorzulegen. Man hätte ihn zerpflückt, als rückständig verdammt. Doch der Konsens hat gedreht. Das Reaktionäre ist revolutionär geworden. Zwischen Letzigrund und Bahnhof Altstetten will Zürich mehr Menschen unterbringen; dies gab Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) letzte Woche bekannt. Der erstaunlichere Teil der Botschaft kam fast beiläufig daher: Wohnen sollen die Tausenden von Neo-Zürchern in Blockrandsiedlungen.

Der Blockrand, ein Häuserviereck mit Innenhof, ist ein alter Bekannter. In den Zürcher Kreisen 3 bis 5 prägt er das Stadtbild. Bis vor 100 Jahren bestanden europäische Städte fast durchgehend aus Blockrändern. Es waren die Modernisten, die den Blockrand in Ungnade stiessen. Eng, schattig, ungerecht sei er. Als Ersatz entwarfen die Reformer frei stehende Häuser, von Wiesen umgrünt. Mehr Licht, mehr Luft, mehr Gleichheit, lautete die Losung. Sie hielt. Bis kürzlich galt der Blockrand als überholt und menschenfeindlich.

Das volle Stadtgefühl

Doch die frei stehenden Häuser haben einen entscheidenden Nachteil: Sie bilden keine klaren Stadträume. Das zeigt sich in den Neubaugebieten von Affoltern und Zürich-West, wo sich unterschiedlichste Gebäude ohne erkennbares Muster aneinanderreihen. Dazwischen öffnen sich diffuse Flächen, die Häuser verbinden sich nicht zu einem städtischen Ganzen. «Es ist die Einheitlichkeit, die Städte schön macht», sagt Städteforscher und ETH-Professor Vittorio Lampugnani. Diesen urbanen Guss erzeugt der Blockrand allein durch seine Struktur.

Seit 15 Jahren strömen die Schweizer wieder in die Städte. Die Wertschätzung urbaner Qualitäten hat stark zugenommen. Wohnungen in Gründerzeit-Blockrandgevierten gehören zu den beliebtesten in Zürich. Sie bieten das umfassende Stadtgefühl. Ein weiteres Argument spricht für den Blockrand: Effizienz. Keine andere Wohnform schafft mehr Dichte. Mit der alten Wohnform kehren auch die Vorbehalte zurück, welche die «Mietskasernen» einst hervorriefen: eingepferchte Menschen, monotone Strassenschluchten, anonymes Aneinander-Vorbeiexistieren.

Wie man solche Befürchtungen zerstäubt, führt die neue Kalkbreite vor. Mit ihren sieben Stöcken ist sie riesig für Zürcher Verhältnisse. Doch der Blockrandkoloss strahlte niemals die Unbeseeltheit aus, die manche Neubauten noch lange umgibt. Sofort erwachte er zu vollem Leben.

Alle Bedingungen erfüllt

Fast lehrbuchmässig erfüllt die Kalkbreite alle Bedingungen, die Städteplaner für funktionierende Neubauten aufgestellt haben: Cafés und Geschäfte im Erdgeschoss; eine ausgeglichene Mischung aus Wohnen und Arbeiten; Räume, welche die Bewohner zusammenbringen. Auch sonst hat sich die Blockrandarchitektur weiterentwickelt. Viele «reformierte» Modelle bieten begrünte Höfe und sonnigere Wohnungen.

Die Pläne für Altstetten werden auf Widerstand stossen. Gelungene Beispiele wie die Kalkbreite sollten die Aufgabe erleichtern, Anti-Blockrand-Vorurteile zu widerlegen. Für Stadtliebhaber ist das eine gute Nachricht. Der Dauerdruck wird das Wohnen in urbanen Quartieren weiter verteuern. Ohne den Bau neuer Blockrandsiedlungen entrückt die einstige Mietskaserne zum Luxusgut.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2014, 21:59 Uhr

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