Lesbische Renaissance im Dörfli

Heute verwandelt sich das Kon-Tiki zum zweiten Mal in diesem Jahr ins Konliki. Damit kehrt die weibliche Homoszene zurück ins Quartier, in dem sie ihre Zürcher Anfänge hatte.

Frauen tragen die Farben der LGBT-Flagge an einer «Gay Pride»-Parade in San Diego. Bild: Keystone

Frauen tragen die Farben der LGBT-Flagge an einer «Gay Pride»-Parade in San Diego. Bild: Keystone

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«Ich bin ins Kon-Tiki reingekommen, und es war einfach der Wahnsinn», sagt die 36-jährige Anna. Schaufensterpuppen und hundert Spitzenhöschen seien aufgehängt gewesen, und alle Frauen seien gekommen. Frauen mit anderen Frauen, jene, in die sie gerade verliebt waren oder von denen sie sich irgendwann getrennt hatten, Frauen, die man lange nicht gesehen hatte, und andere, die man nur vom Sehen her kannte. ­Mütter, Studentinnen, Direktorinnen, Tätowiererinnen und Verkäuferinnen. Frauen mit Piercings in der Unterlippe und Frauen mit Perlenohrringen, Frauen, die sich schüchtern umsahen, und andere die ganz genau wussten, wo sie hinwollten.

Unzweideutig: Plakat zur Lesben-Party im Kon-Tiki. Bild: PD

«Es war wie ein Klassentreffen mit Leuten, an die man sich nicht erinnern kann», erzählt die 27-jährige Sina, «und innerhalb von zwei Stunden war es so voll, dass man sich regelrecht durchkämpfen musste.»

Wo alles angefangen hat

Vor knapp vier Monaten hat im Kon-Tiki, der ältesten Tiki-Bar Europas, zum ersten Mal eine Lesbenparty stattgefunden. «Ich wünschte mir eine Lesbenparty im Zürcher Niederdorf», sagt die Organisatorin, Julia Vögeli (26). In diesem Stadtteil hatte die Zürcher Homoszene einmal ihre Anfänge, als sich die Schwulenbälle in den Fünfzigern im heutigen Theater Neumarkt etabliert hatten. Nur eine Strasse weiter, in den Hinterkammern der Barfüsser-Bar, wurde die Schwulenzeitschrift «Der Kreis» gedruckt, welche homosexuelle Männer über Politik informierte und mit literarischer Unterhaltung versorgte. In den Neunzigern öffnete das Cranberry und stattete die Altstadt mit einer modernen Schwulenbar aus, während der T&M-Club Männern die Möglichkeit zum extravagant angehauchten Flirt gab. Geblieben ist heute nur das Cranberry.

Das Kon-Tiki zählt auf eine andere Art zu den Kultlokalen Zürichs. Es beherbergte seit den Fünfzigern zahlreiche Intellektuelle, Altstadtbewohner, Künstler und Journalisten und wurde zu einem festen Bestandteil des Quartiers. Nach der Jahrtausendwende wurde das Lokal für eine Weile geschlossen. Die Stammgäste waren gestorben, ins Altersheim gezogen, man hatte sich verändert, und neue Lokale waren aufgegangen. Lokale wie das Kon-Tiki oder die Züri-Bar gerieten in Vergessenheit. Nun soll sich das ändern, denn die Bar öffnet ihre Tore, um frauenliebende Frauen willkommen zu heissen.

Wenig Räume für Lesben

«Lesbenpartys sind wichtig, denn abgesehen von Social Media ist es oftmals die einzige Plattform, wo lesbische Frauen andere lesbische Frauen kennen lernen können», sagt Dana (28), ein Partygast der letzten Konliki im April. Eine Lesben­bar wäre toll, meint sie, aber im Gegensatz zu den Männern seien die Frauen einfach weniger trinkfreudig. Ausserdem blieben sie abends gerne auch mal zu Hause, wenn sie eine Partnerin hätten, während schwule Paare viel lieber ausgingen.

Die 22-jährige Lina hat ihre jetzige Freundin an der Vibra kennen gelernt, einer etablierten Lesbenparty, die alle drei oder vier Monate in wechselnden Lokalen stattfindet. «Also eigentlich war es vor der Party, wir standen draussen vor dem Long Street», lacht sie. Auch sie findet Lesbenpartys wichtig, es sei gut, «einen eigenen Raum zu haben», frei von der Verständnislosigkeit oder der Faszination, die Homosexualität noch immer auslösen könne.

Neben der Vibra gibt es die Santa V, die ebenfalls alle paar Monate stattfindet und demnächst vom Lexy an der Militärstrasse beherbergt wird, und die Daisy lebt!, die jeden Donnerstag die Schickeria an der Langstrasse in eine Zufluchtsstätte für trink- oder tanzfreudige Lesben verwandelt. Die älteste Zürcher Lesbenparty ist Tanzleila, die bereits seit fast dreissig Jahren existiert und im Exil ihr Zuhause gefunden hat. «Ich bin mit diesen Partys sozusagen erwachsen geworden», sagt Vögeli und betont die Wichtigkeit dieser Anlässe in der Szene. «Würde es diese Partys nicht geben, hätten wir nichts ausser dem Internet.»

Nun soll sich diese Partyszene vom Kreis 4 zurückbewegen in die Altstadt Zürichs. Es gebe nichts zu verstecken, sagt Vögeli, und es gebe auch keinen Grund, weshalb man nicht in einem Quartier wie dem Niederdorf einen Raum für Lesben schaffen sollte. Sie studiert seit drei Jahren Populäre Kulturen und Filmwissenschaften an der Universität Zürich. Wenn sie von der Party spricht, leuchten ihre Augen, aber auch wenn sie vom Niederdorf und dessen Bewohnern redet. Sie möchte es anders machen, sagt sie, nicht besser, aber einfach anders, individueller, persönlicher und intimer.

Nackte Barbiepuppen

An der Party wird die Handschrift Vögelis zu erkennen sein. An Schaufensterpuppen hängen handgeschriebene Wegweiser mit «Toilette», «Love box», oder «Natasa». Natasa ist die Barkeeperin. Nackte Barbiepuppen stehen im Aquarium. Eine riesige, von Hand gebastelte Vagina schmückt einen Türrahmen. Die Toilette ist vollgeklebt mit den Fotos von Frauenlippen. «Diese Fotos haben mir Frauen vor der letzten Party geschickt, um damit die Toilettentüren zu schmücken. Ich mache die Party nicht, ich organisiere sie nur. Die Party machen die Frauen, die sich ins Niederdorf wagen, um die Welt neu zu erobern.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2017, 22:22 Uhr

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