Lichter, Gold und Glücksspiel

Die hinduistische Weihnacht ist ein Freudenfest. Auch weil dem Konsum gefrönt werden darf, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

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«Es ist eines der schönsten Feste, die wir Hindus feiern», meint Vijay Kumar Singh, «vor allem wegen der vielen Lichter.» Der 70-jährige Journalist spricht vom indischen Weihnachten und Neujahr in einem, dem Diwali-Fest.

An Diwali treffe man Familie und Freunde, beschenke sich mit allem Möglichen und – allem voran – würden sämtliche Wohnungen mit einem Meer aus Lichtern geschmückt. Dies hat einen konkreten Hintergrund: An Diwali, das meist Anfang November stattfindet und in diesem Jahr auf den 26. Oktober fiel, wird Lakshmi gefeiert, die Göttin des Reichtums und materiellen Glücks.

Lakshmi und das Licht

«Lakshmi würde sich bei Dunkelheit zurückziehen, deshalb wird sie mit Lichtern in den Wohnungen gehalten, um allen Familienmitgliedern im nächsten Jahr materielles Glück zu bringen.» Ursprünglich waren die Lichter spezielle Kerzen aus gegorener Butter oder Öl, denen eine zusätzliche Symbolik innewohnte.

Das Öl stand für alle bösen Dinge, die einem widerfahren waren, der Docht für das Ego. Wurden sie angezündet, verbrannte das Licht alles Böse und brachte schliesslich auch das Ego zur Auflösung. Obwohl ihm die Symbolik gefällt, hat aber auch Singh die Tradition in die Moderne übersetzt: «Ich lasse an Diwali immer alle Lampen an, zu Hause und im Büro.»

Gold und Glücksspiel

Da die Göttin des materiellen Glücks gefeiert wird, hat Diwali denn aber meist wenig mit Andacht zu tun. Oder besser: Die Hindus dürfen an diesem Tag ohne schlechtes Gewissen dem Konsum frönen, in unseren Breitengraden widerspricht dies wohl dem ursprünglichen Weihnachtsgedanken.

So gehören besonders zwei Aspekte zu Diwali: Gold und Glücksspiel. «In Indien steigen die Goldpreise jedes Jahr um den Feiertag ins Unermessliche», erklärt Singh. Es gehöre dazu, dass man vor allem Frauen mit dem Edelmetall beschenke, ob man nun reich sei oder arm. Dies hat einen klaren Hintergrund. «In Indien gibt es keine soziale Absicherung, mit dem Gold schenkt man also auch eine finanzielle Unabhängigkeit.»

Auch neue Kleider und Schuhe, vor allem bei Männern und Kindern, oder Süssigkeiten gehörten zu den traditionellen Geschenken. Heute habe man sich aber in diesen Dingen der Moderne angepasst und verschenke alles Mögliche. Nur dem Gold ist man treu geblieben, auch hier in der Schweiz.

Unter anderem auch mit der Göttin Lakshmi zu tun hat die Sitte, dass an Diwali aus privaten Stuben wahre Spielhöllen entstehen können. Die Zeit des materiellen Glücks eigne sich besonders dafür, sein Glück auf die Probe zu stellen, erklärt Singh. Beliebt sind Poker und andere Glücksspiele, und man spielt um richtig viel Geld. «In Indien gibt es deswegen stets Polizeirazzien.» Hier in der Schweiz, meint Singh, werde dies im privaten Rahmen sicher auch gemacht, aber in zurückhaltenderem Masse.

Feiern bei Blocher und Co.

Der Journalist Singh, der seit seinem 20. Lebensjahr in der Schweiz lebt, begeht den Feiertag hier meist auf die gleiche Weise wie auch die meisten seiner Landsleute. «Am Morgen treffen wir uns im engen Familienkreis zu einem Hawan, mit dem wir der Natur danken, dass es uns so gut geht.» Dabei sitze man im Kreis um ein kleines Feuer, das auch eine innere Reinigung symbolisiere. «Alle ziehen etwas Schönes an, und im Anschluss verteilen wir Süssigkeiten.»

Danach sei die Tür für Freunde und Bekannte offen, es werde gefeiert, man verteile Geschenke und besuche andere Freunde in deren Heim. «Es ist ein Kommen und Gehen.» In Zürich mietete der indische Verein des Grossraums Zürich (IAGZ) dieses Jahr das Schützenhaus Albisgüetli, um im grossen Rahmen miteinander zu feiern. Wo jedes Jahr Blocher und Co. ihr Unbehagen gegenüber Fremdem kundtun, leuchten Anfang November plötzlich überall Lichter, und eine lebendige und farbenfrohe Gemeinschaft feiert fremde Bräuche.

Dabei gehe es stets laut und unruhig zu und her. «Die Kinder rennen herum, alle haben zusammen Spass.» Zwar gebe es auf der Bühne auch kulturelle Darbietungen wie traditionelle Tänze – Singh beschreibt sie als «Philosophieren mit dem Körper» –, wichtig sei aber die Gemeinschaft. Und das Essen. Beim Diwali-Fest im Schützenhaus Albisgüetli geniessen die Hindus neben Gemüse, Reis und indischem Brot (Chapati) auch Fleisch – obwohl in Indien meistens vegetarisch gegessen wird. «Wissen Sie, für uns hat jedes Tier eine Seele. Und die tötet man nicht einfach.»

Erstellt: 26.12.2011, 12:08 Uhr

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